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Quellenbasierte Rechtsextremismus-Forschung

Katharina Trittel |  24. März 2022 |   |  Drucken

[präsentiert]: Katharina Trittel über die Erforschung des Nachlasses des NPD-Mulitifunktionärs Hans-Michael Fiedler

Wohnhaus Fiedler, 2019 © FoDEX

Wohnhaus Fiedler, 2019 © FoDEX

Der Nachlass von Hans-Michael Fiedler (1943-2019), der seit 2020 von der Dokumentationsstelle von FoDEx verwaltet wird, war bei seiner Bergung – wie das Bild zeigt – in einem desaströsen Zustand. Gleichwohl: Mit diesem Material liegt nun ein bislang unzugänglicher Bestand vor, der in seinem Umfang und seiner Aussagekraft im bundesrepublikanischen Vergleich wohl seinesgleichen sucht. Die soeben erschienene Studie »Vom ›Wächter am Tor‹ zum ›einsamen Wolf‹. Der Multifunktionär Hans-Michael Fiedler und die Transformation der radikalen Rechten in Südniedersachsen« ermöglicht basierend auf diesem Nachlass erste Einblicke in die Biografie, Vernetzung und das politische Wirken eines rechtsradikalen Aktivisten von den 1960er Jahren bis heute – insbesondere im Göttinger Umland, aber auch darüber hinaus.

Obwohl Fiedler einer »der bedeutendsten Multi-Funktionäre der bundesweiten Nazi-Szene mit nachweislichen Verbindungen in den rechtsterroristischen Untergrund« (taz, 19.03.1987) war, war bislang wenig über ihn bekannt. Und das, obwohl er als der politische Ziehvater von Holger Apfel gilt, angeblich das jüngste Gründungsmitglied der NPD war und zeitlebens Funktionen in der Partei innehatte.

Insbesondere in Göttingen war er präsent – im universitären Umfeld und darüber hinaus: Er gründete politische (Hochschul-)Gruppen, die seit den 1960er Jahren vor allem an bestehende Strukturen der Vertriebenenverbände anknüpften (etwa den Studentenbund Schlesien) und baute die so genannte »Neonazi-Zentrale Burgstraße« auf. Von dort aus organisierte er seine »Nationale Bildungsarbeit«, die auf eine metapolitische Schulung von Jugendlichen und auf die Aktivierung politischer Kader im vorpolitischen Raum abzielte. Flankiert wurde dieses Bestreben durch Fiedlers intensive publizistische Tätigkeit, unter anderem für Nation Europa und durch seine eigene Zeitschrift Missus.

Fiedler war eine Figur, welche die niedersächsische Szene über Jahrzehnte prägte; insbesondere in Göttingen war er während der 1970er und 1980er Jahre mit seinen Gefährten überaus präsent. In steter Auseinandersetzung mit der Stadtgesellschaft und antifaschistischen Gruppen war er Teil der Ausverhandlung städtischer politischer Kultur: Göttinger Gymnasiasten wurden zu seinen Schülern, Göttinger Professoren unterstützten seine Arbeit, gewaltvolle Überfälle auf linke Einrichtungen gehörten ebenso zum Repertoire wie seine regelmäßigen Seminare »nationaler Bildungsarbeit«, aus denen einflussreiche Kader wie Holger Apfel hervorgingen. An Fiedler lässt sich – so zeigen die Quellen – die politische Kultur Göttingens in ihrem Ringen mit Rechtsradikalismus ausloten.

Inwiefern es über den Rahmen dieser lokalen Gegebenheiten hinaus gelingt, Fiedler in die Transformationsphasen des deutschen Rechtsradikalismus einzuordnen, Handlungsmechanismen in Fiedlers Aktivismus zu identifizieren, die in enger Beziehung zu generellen Erfolgsfaktoren rechtsradikaler Agitation und Netzwerkbildung stehen und inwiefern diese über den Einzelfall hinaus aussagekräftig darüber sind, wie sich die radikale Rechte vernetzt und unter welchen Bedingungen sich eine Szene konstituieren kann, ist in der Studie nachzulesen.

Dr. Katharina Trittel ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Göttinger Institut für Demokratieforschung. Gemeinsam mit Sören Isele, Dr. Florian Finkbeiner und Hauke Bruns hat sie die just erschienene FoDEx-Studie zu Hans-Michael Fiedler erarbeitet.  


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