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Was vom Schulzhype übrig geblieben ist

Stephan Klecha | 5. September 2017

[analysiert]: Stephan Klecha über Entwicklung und Perspektiven der SPD unter Martin Schulz.

Gedrückt gingen die Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten ins Jahr 2017. Niederschmetternde Aussichten in den Wahlumfragen und ein Parteivorsitzender als potenzieller Kanzlerkandidat, an dem große Teile des Establishments der Partei sowie der Öffentlichkeit zweifelten. Die Entscheidung, dann an Stelle von Sigmar Gabriel auf den vormaligen Präsidenten des Europäischen Parlaments Martin Schulz zu setzen, wirkte da wie ein Befreiungsschlag. Die Umfragen der SPD schossen regelrecht durch die Decke. Reihenweise traten Menschen der deutschen Sozialdemokratie bei.

Doch von den jählings glänzenden Aussichten, das Kanzleramt zu erobern, hat sich die SPD mittlerweile wieder weit entfernt. Warum ist vom sog. Schulzeffekt des Frühjahrs, den Demoskopen ja so glasklar mit ihren Instrumenten haben messen können, im Herbst 2017 kaum noch etwas übrig? Nun kann man die euphorische Hochphase für genauso irrational halten wie die jetzige Baisse der Partei. Dennoch lassen sich drei Elemente identifizieren, die wohl erklären, warum sich der anfängliche Effekt nicht verstetigen ließ: Gegenmobilisierung, taktische Fehleinschätzungen und strategische Probleme.

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Mit dem „Schulzzug“, „hoher Energie“ und „ohne Bremsen“ ins Kanzleramt?

Marius Becker | 29. August 2017

[analysiert]: Marius Becker zum Phänomen der Memes als neue Facette des Wahlkampfes im Internet

Was verbindet den SPD-Kanzlerkandidaten Martin Schulz mit dem kubanischen Revolutionär und Widerstandskämpfer Che Guevara? Eigentlich nichts. Dennoch tauchten nach Schulz’ Nominierung zum Kanzlerkandidaten Ende Januar 2017 Bilder im Internet auf, die das Gesicht des Sozialdemokraten im Stile des berühmten Guevara-Porträts „Guerrillero Heroico“ zeigten – hier allerdings nicht wie im Original von einem roten Stern umrahmt, sondern von der europäischen Flagge. Was steckt hinter dieser und anderen ähnlichen Montagen mit Fotos des SPD-Kanzlerkandidaten?

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Versuch über die Musikästhetik des Black Metal

Dominik Dewitz | 27. August 2017

[analysiert]: Dominik Dewitz erkundet gesellschaftliche Dimensionen einer Musikrichtung.

„Das eine bin ich, das andre sind meine Schriften.“[1] Dieses Zitat ist bestens geeignet, um die Verantwortung eines Künstlers für sein Werk zu verschleiern. Denn dieser Einwand wird häufig dann vorgebracht, wenn es an die Parallaxe geht, an abweichende Interpretationen von Beobachtern und Kritikern; daran, sich mitunter unangenehme (Selbst)Erkenntnis gefallen zu lassen. Die Apologie, man müsse die Musik vom Musiker trennen, verweist zwar zu Recht auf die Autonomie des Kunstwerks an sich, doch nur um den Preis der Negation der subjektiven und – da subjektive Neigungen zum einen gesellschaftlich präformiert sind und zum anderen (durch Material und technische Bedingungen) objektive Anforderungen an das Werk herangetragen werden – gesellschaftlichen Ursprünge des Werks. Ein Irrweg, der in den Antipoden eines kreativen Interpreten mündet: Die Rezeption des Werks liquidiert dieses selbst – eine Übung, die auch in der Szene, die das Genre des Black Metal umgibt, häufig vollzogen wird.

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„Es ist die nackte Angst“

Thomas Prenzel | 24. August 2017

[gastbeitrag]: Thomas Prenzel über das rassistische Pogrom um das „Sonnenblumenhaus“ in Rostock-Lichtenhagen vor 25 Jahren.

„Wenn die Politiker nicht imstande sind, in Lichtenhagen für Ordnung zu sorgen, muß sich der gemeine Bürger eben selber zur Wehr setzen“[1], war am 24. August 1992 in einer Rostocker Lokalzeitung zu lesen. Seit zwei Tagen attackierten zu diesem Zeitpunkt hunderte Menschen in dem Neubauviertel Lichtenhagen eine Unterkunft von Asylsuchenden und ein Wohnheim vietnamesischer Vertragsarbeiter. Tausende klatschten Beifall. Nachdem die Flüchtlinge noch am selben Tag evakuiert worden waren, richtete sich die Gewalt gänzlich gegen die Vietnamesen. Am Abend stürmten Angreifer ihr Wohnhaus, verwüsteten die Einrichtung und legten schließlich Feuer. Mehr als 120 Menschen waren in dem Gebäude eingeschlossen und konnten nur mit der Flucht über das Dach ihr Leben retten. Aus der johlenden Menge tönte ihnen immer wieder „Deutschland den Deutschen“ entgegen und: „Wir kriegen euch alle“.[2]

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Populismus – ein zahnloses Schreckgespenst?

Christopher Schmitz | 20. August 2017

[kommentiert]: Christopher Schmitz zur neuen Populismusstudie der Bertelsmann-Stiftung

Knapp zwei Monate vor der Bundestagswahl gaben Robert Vehrkamp und Christopher Wratil Entwarnung: Im Rahmen ihrer für die Bertelsmann-Stiftung durchgeführten Studie „Die Stunde der Populisten?“[1] haben sie anhand von Umfragen „populistisches Potential“ und „populistische Einstellungen“ der wahlberechtigten Bevölkerung untersucht.

Die griffige Schlussfolgerung der Autoren lautet, dass ein Großteil der Populisten in Deutschland keine Antidemokraten, sondern lediglich „enttäuschte Demokraten“[2] seien. Eine Feststellung, die beruhigen soll. Schließlich ist hier von knapp dreißig Prozent der Wahlberechtigten die Rede, denen die Autoren populistische Einstellungen attestieren. Ist all die Aufregung ob eines expandierenden Populismus also unnötig und bezeichnet der Begriff nurmehr ein zahnloses Schreckgespenst?

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Welche Flüchtlingskrise?

Julia Schulze Wessel | 16. August 2017

[gastbeitrag]: Julia Schulze Wessel über die „Flüchtlingskrise“ als Krise der europäischen Flüchtlings- und Migrationspolitik.

Als im Jahr 2015 so viele Menschen wie lange nicht mehr die Grenzen zu verschiedenen Ländern der Europäischen Union übertraten, war schnell der Begriff der Flüchtlingskrise in der Welt. Und er hält sich – bis heute konstant – sowohl in den öffentlichen als auch in den wissenschaftlichen Debatten.[1] Dabei verbindet sich mit diesem Begriff ein ganzes Füllhorn an Bildern: von überfüllten Aufnahmeeinrichtungen, von Auseinandersetzungen zwischen GrenzbeamtInnen, Militär und Polizei auf der einen und Geflüchteten sowie UnterstützerInnen auf der anderen Seite. Zugleich ruft der Begriff Bilder von erschöpften Bootsflüchtlingen an den Küsten Europas ebenso wie von versunkenen Booten und angespülten Leichen wach. Und er steht nicht zuletzt für die unkontrollierte Überwindung von Zäunen und Stacheldraht, für die Proteste an den Grenzen und für den selbst organisierten Aufbruch aus Ländern, in denen keine Lebensperspektive mehr zu erwarten war.

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„Remember all their faces“

Jöran Klatt | 10. August 2017

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[analysiert]: Jöran Klatt über die Netflix-Serie „Orange Is The New Black“

Von dem französischen Philosophen Michel Foucault haben wir gelernt, dass uns der Blick auf Gefängnisse viel über unsere Gesellschaft als Ganzes verrät. In seinem Buch „Überwachen und Strafen – Über die Geburt des Gefängnisses“ arbeitet sich der Meister der soziologischen Entlarvung an diesem Ort ab und erzählt uns einiges über die Dinge, die wir über uns zu wissen glauben.[1] Ihm geht es v.a. darum, dass uns das Gefängnis – ein Ort, den wir im Alltag gerne ausblenden und mit dem wir in unserem Leben idealerweise nie etwas zu tun haben (wollen) – sehr wohl etwas angehe.

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Mit Religion gegen Religion?

Thomas Großbölting | 8. August 2017

[gastbeitrag]: Thomas Großbölting erkundet das religiöse Feld in Deutschland 2017.

Wer versucht, sich über das religiöse Feld im Deutschland des Jahres 2017 einen Überblick zu verschaffen, der wird mit einem in sich höchst diversen Befund konfrontiert: In den Feuilletons, in der Kulturszene und auch im politischen Diskurs ist Religion hoch präsent. Das ist in diesem Jahr vor allem, wenn auch nicht ausschließlich, Martin Luther und dem 500-jährigen Reformationsjubiläum zu verdanken. Als Playmobilfigur, als Filmheld, als Stoff für zahlreiche Biografien, aber auch als Aufhänger für politische Reden: Dem Reformator entkommt man in diesem Jahr nicht.

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Zum demokratischen Umgang mit Unterschieden und Konflikten in der Grundschule

Birgit Redlich | 4. August 2017

[nachgefragt]: Birgit Redlich im Gespräch über die neue Ausgabe der Arbeitsblätter für die Grundschule 01/2017.

„Du und Ich – Vom demokratischen Umgang mit Unterschieden und Konflikten“ lautet der Titel der neuen „Arbeitsblätter zur Demokratieerziehung in der Grundschule“. Worum geht es Euch dabei?

Generell sind heutzutage alle Grundschulen im Bundesgebiet mit Anforderungen konfrontiert, die aus der Globalisierung, speziell den gegenwärtigen Migrationsbewegungen und den damit verbundenen Transformationsprozessen, resultieren. So ergeben sich z.B. ethnisch, kulturell und sozial sehr vielfältige Klassengemeinschaften, welche die Schulen im Allgemeinen, die Lehrkräfte und Kinder im Besonderen auf vielfältige Art herausfordern. Dies ist aus Sicht der Demokratiebildung an der Grundschule relevant; denn Normalität und Abweichung spielen in der kindlichen Lebenswelt eine essenzielle Rolle. Daher müssen bereits Kinder im Primarbereich ihre Kompetenzen erweitern. Vor allem die interkulturelle Kompetenz vermag Kinder in Prozessen des sozialen Lernens zu unterstützen. Ausgehend von der Erkenntnis, dass schon im Grundschulalter Stereotype sowie Vorurteile übernommen und angewendet werden, arbeitet dieses Heft unter dem Titel „Du und Ich – Vom demokratischen Umgang mit Unterschieden und Konflikten“ handlungsorientiert an der Prävention von Vorurteilen, Res­sen­ti­ments, Ausgrenzungsprozessen und Fremdenfeindlichkeit.

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Die Krise der Grünen in Frankreich

 | 1. August 2017

[analysiert:] Teresa Nentwig über die Entwicklung der französischen Grünen und die Ursachen ihrer gegenwärtigen Malaise.

2012 standen die französischen Grünen an einem Zenit ihrer parteipolitischen Entwicklung. Zunächst stellte Europe Écologie – Les Verts (EELV), wie die Grünen in Frankreich seit Ende 2010 heißen, zwei Minister in der im Mai 2012 gebildeten Regierung unter dem Sozialisten Jean-Marc Ayrault. Während Cécile Duflot Ministerin für die Gleichstellung der Territorien und den Wohnungsbau wurde, hatte Pascal Canfin das Amt des beigeordneten Ministers für Entwicklung im Außenministerium inne. Kurz darauf, im Juni 2012, gelang es den Grünen, mit 17 Abgeordneten in die neu gewählte Nationalversammlung einzuziehen und damit zum ersten Mal in ihrer Geschichte eine eigene Fraktion zu bilden.

Fünf Jahre später ist von diesem Erfolg nichts mehr übrig. Bereits Ende März 2014 teilten Duflot und Canfin, mit, dass sie unter dem neuen Premierminister Manuel Valls kein Ministeramt mehr ausüben wollten. In ihrer Pressemitteilung hieß es u.a., dass dies „keine Frage der Person, sondern der politischen Orientierung“ sei: „Die Französinnen und Franzosen erwarten nicht eine simple Veränderung der Regierungsmannschaft, sondern vor allem eine inhaltliche Richtungsänderung, die auf das Bedürfnis des Landes nach Reformen, Gerechtigkeit, Ökologie und Modernität antwortet.“[1]

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