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Halbherzige Universitätsideale

Julian Schenke | 24. September 2019

[kommentiert]: Julian Schenke über das verdruckste Standesinteresse akademischer Traditionsnostalgie

Bologna Skyline

Die Universität Göttingen steckt in der Krise. Nicht nur muss sie weiterhin das „Cluster-Debakel“[1] von 2017/18 verarbeiten, auch war nach dem gescheiterten Besetzungsverfahren des designierten Universitätspräsidenten Sascha Spoun die Führungsebene der Georgia Augusta deutlich beschädigt. Kurz nach Spouns Rückzug aus einem heftig kritisierten Besetzungsverfahren[2] gab der Stiftungsratsvorsitzende Wilhelm Krull den Rücktrittsforderungen von 49 Professoren[3] und fünf Senatoren nach.[4]

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Die Tafeln: Wertvolle zivilgesellschaftliche Institution oder bedenkliche Armutsverwaltung?

Florian Grahmann | 2. August 2019

[kommentiert]: Florian Grahmann mit kritischen Bemerkungen zum Konzept der „Tafeln“ und zur Rolle des Staates bei der Armutsbekämpfung

Die Tafeln sind ein bekannter Bestandteil des Bildes deutscher Innenstädte. Die ursprüngliche Idee der Tafeln, die „überschüssigen“ Lebensmittel des Einzelhandels zu retten und sie unter Bedürftigen zu verteilen, ist nach 26 Jahren schon lange kein „Phänomen“ mehr.[1] Sie ist eine Institution geworden, die mit einer Lobbyvertretung in Berlin mit 60.000 ehrenamtlichen Helfern 1,5 Millionen Bedürftige in Deutschland mit Lebensmitteln unterstützt.[2] Das Projekt, das 1993 in Berlin ins Leben gerufen wurde und sich an dem amerikanischen Vorbild des New Yorker City Harvest orientierte, hatte zunächst das Ziel, vor allem Obdachlose zu unterstützen. Diese Zielgruppe bildet allerdings mittlerweile die Minderheit unter den vielen verschiedenen Gruppen, die die Tafel nutzen.[3]

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Tagung: Protest – auf der Straße und anderswo

Alexander Hensel; Julia Zilles | 1. Juli 2019

[kommentiert]: Alexander Hensel und Julia Zilles über die Tagung „Auf die Straße!“ der Bundeszentrale für politische Bildung

Politische Proteste verlaufen zyklisch: Sie kommen und gehen, sind schwer kalkulierbar und unstet. Dennoch erfreuen sich Proteste höchster Beliebtheit. Waren sie in der alten „Bewegungsrepublik Deutschland“[1] lange Spielfeld der Jungen, Alternativen und Radikalen, hat sich Protest hierzulande normalisiert. Seit den 2010er Jahren ist ein breites Panorama diverser neuer Bürgerproteste zu bestaunen.[2] Doch die partizipatorische Euphorie dieser Jahre ist längst gebrochen: Seit dem Aufstieg der Pegida-Bewegung zeigten sich zunehmend auch die Ambivalenzen und Schattenseiten von Protest und Zivilgesellschaft.[3] Angesichts der Selbstverständlichkeit, mit der Protest gesellschaftlich akzeptiert, praktiziert und zelebriert wird, gewinnt überdies die Frage nach seiner Funktion und Bedeutung in parlamentarischen Demokratien neue Aktualität. Dieser und anderen Fragen widmete sich die Tagung „Auf die Straße! Politischer Protest in Deutschland“ der Bundeszentrale für politische Bildung.

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Warum wir vielleicht nicht immer über „die Strukturen“ reden sollten

Anna Carola König | 27. Juni 2019

[kommentiert]: Anna König über den Vortrag von Ousman Umar „Education is the key“

Ousman Umar bei seinem Vortrag „Education is the key“ in Göttingen.

 „Ousman Umar ist in seiner Jugend aus Ghana nach Spanien geflüchtet, lebte einige Monate auf den Straßen Barcelonas und wurde als 17-jähriger Analphabet von einer katalanischen Familie aufgenommen. Elf Jahre später war er MBA-Absolvent einer der renommiertesten Business Schools der Welt. In einem Vortrag am Dienstag, 18. Juni 2019, spricht er unter dem Titel „Education is the key“ über seinen Weg und die von ihm gegründete NGO, mit der er Bildungsprojekte in Ghana unterstützt.“ [1]

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Europawahlen – na und?

Anke Jäger | 24. Mai 2019

[kommentiert]: Anke Jäger zu den Auswirkungen europäischer Entscheidungen im Alltagsleben

 

Ende des letzten Jahres beschloss das Europäische Parlament das Verbot von Einwegplastik, sofern bereits eine umweltverträglichere Alternative auf dem Markt verfügbar sei. So sollen beispielsweise Wattestäbchen, Einweggeschirr oder Trinkhalme aus Plastik ab Anfang 2021 vom Markt verschwinden. „Auswirkungen für alle spürbar: EU beschließt Verbot von Einwegplastik“[1] titelte hierzu die Tiroler Tageszeitung. Wir werden demnach das Fehlen dieser Produkte bzw. ihren Ersatz durch Alternativprodukte alltäglich bemerken.

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Das Land der Schlächter und Henker

Christopher Schmitz | 12. April 2019

[kommentiert:] Christopher Schmitz über die Debatte zum neuen Rammstein-Video

„So schamlos
Das gehört verboten
Es ist geistlos
Was sie da probieren
So geschmacklos
Wie sie musizieren“[1]

 

Musikvideos haben das Zeug zum Skandal. Von Michael Jacksons „Thriller“, über Madonnas „Like a Prayer“, oder „Wrecking Ball“ von Miley Cyrus: Immer wieder sorgen die Filmadaptionen von Musikstücken für zum Teil hitzige Debatten.[2] Auch an ihnen – und vor allem ihrer Rezeption – artikuliert und aktualisiert sich das Moral- und Normengefüge einer Gesellschaft.[3] Der jüngste Fall eines solchen Skandalvideos ist der Clip zur neuesten Single der Neuen Deutschen Härte-Formation Rammstein – genauer gesagt, der YouTube-Teaser, mit dem das Video angekündigt wurde. Der 35-sekündige Clip zeigt vier Bandmitglieder, allesamt mit einer Schlinge um den Hals, in Häftlingskleidung, es sind ein gelber Stern und ein rosa Winkel erkennbar – die Bildsprache der Szene deutet auf Gefangene eines Konzentrationslagers. Danach wird das Bild dunkel, das Wort „Deutschland“ erscheint in Fraktur, darunter das Veröffentlichungsdatum des Videos, der 28. März 2019 in römischen Ziffern. Die Reaktionen fielen heftig aus:  So wurde der Band unter anderem eine Verharmlosung des Holocaust, eine Verhöhnung der Opfer der Shoa und eine geschmacklose Grenzüberschreitung zu Werbezwecken vorgeworfen. Die Debatte über die Freiheit der Kunst, über die Bildproduktion in Bezug auf den Holocaust, war im vollen Gang, als das Video schließlich veröffentlich wurde. Doch: Ist die Aufregung gerechtfertigt? Und: Sind solche Andeutungen in Zeiten des allerorten erstarkenden Nationalismus im Jahr 2019 nicht unverantwortlich?[4]

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Die offene Gesellschaft und ihre Grenzen

 | 19. März 2019

[kommentiert]: Caroline Trocka über die Veranstaltung des Literarischen Zentrums Göttingen „Kommt ins Offene“ mit Robert Habeck und Aladin El-Mafaalani am 13. März 2019

„Kommt ins Offene!“ Unter diesem Appell versammelten sich am vergangenen Mittwoch interessierte Bürgerinnen und Bürger im gut gefüllten Hörsaal 011 im Göttinger ZHG, um einem – bewusst offen gehaltenen – Gespräch zwischen Robert Habeck, Bundesvorsitzender der Grünen als auch promovierter Philosoph, sowie Aladin El-Mafaalani, promovierter Soziologe und seit 2018 Abteilungsleiter im Ministerium für Kinder, Familie, Flüchtlinge und Integration in Düsseldorf, zu lauschen. Beide veröffentlichten jeweils eigene Bücher, welche sich thematisch durchaus ergänzen. In „Das Integrationsparadox“[1] bedient sich El-Mafaalani einer Metapher für Migration und Integration, indem er unsere Gesellschaft als einen Raum skizziert, in den Menschen kämen und auch wieder gingen. Am Tisch sitze die Elite – also die, die das Sagen haben und über Ressourcen verfügen. Anhand dieses sprachlichen Bildes gelingt El-Mafaalani auch die plastische Darstellung von Begriffsunterschieden: Migration bedeute demnach, dass Menschen in den Raum kämen – Integration hingegen, dass sie sich vom Boden an den Tisch setzten und über den zu verteilenden Kuchen mitentscheiden wollten. Dass dies nicht harmonisch zugehe und Integration dementsprechend zu mehr Konflikten führe, leuchtet schnell ein. Habeck hingegen beschäftigt sich in seinem Buch „Wer wir sein könnten“[2] gewissermaßen mit der Debatte am Tisch, oder vielmehr mit ihrer „Logik“, wie er betont. Seine These lautet: Wir haben verlernt, richtig zu streiten. „Richtig“ streiten, das bedeutet für ihn: Scharf, aber nicht ausschließend. Davon ausgehend, dass Sprache Wirklichkeit schafft, spricht er sich für das Erlernen einer „Sprache der Offenheit“ aus.

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Debatte: Sprache und Geschlecht in der Wissenschaft II

Julian Schenke | 10. September 2018

[kommentiert]: Inwiefern sollte eine geschlechtergerechte Sprache Standard in der Wissenschaft werden? Jeanina Fischbach und Julian Schenke vertreten jeweils gegensätzliche Positionen mit unterschiedlichen Zugängen.

II. Julian Schenke: Sapere aude – „Wage es, weise zu sein“

Die Rolle, als Gegner einer allgemeinen Praxis des „Genderns“ aufzutreten, ist undankbar; dennoch nehme ich sie im Folgenden ein. Um es gleich vorweg zu sagen: Ich möchte dabei nicht auf die technischen Schwierigkeiten oder die unschönen Folgen der zahlreichen Gender-Regelungen eingehen. Ja, ich finde auch, dass Unklarheiten drohen, wenn der Dozent zum Dozierenden wird, während nicht alle Dozierenden auch (beruflich definierte) Dozenten sind. Ja, ich finde auch, dass Binnen-I’s, Backslashs, Sternchen, Unterstriche, x’e und ec’se einen Text bis zur Unlesbarkeit verunstalten können. Ich kenne die zugehörige Diskussionswelt aus diversen Politgruppen und einem mehrjährigen Studium der Geschlechterforschung, aus Zeitungsartikeln, Fernsehsendungen und Gesprächen. Ich habe im Studium erlebt, wie sich Sprachdebatten von ihrem soziologischen, politikwissenschaftlichen oder kulturwissenschaftlichen Gegenstand lösten, wie ganze Seminarsitzungen im Gewitter unversöhnlicher Fronten versanken, während Erkenntnisse über gesellschaftliche, auch demokratische Veränderungsprozesse immer unwichtiger wurden.

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Debatte: Sprache und Geschlecht in der Wissenschaft I

Jeanina Fischbach | 7. September 2018

[kommentiert]: Inwiefern sollte eine geschlechtergerechte Sprache Standard in der Wissenschaft werden? Jeanina Fischbach und Julian Schenke vertreten jeweils gegensätzliche Positionen mit unterschiedlichen Zugängen.

I. Jeanina Fischbach: Unsere Sprache formt unsere Wirklichkeit – ein Plädoyer für eine gendergerechte Sprache

Die Diskussion um eine geschlechtergerechte und sensible Sprache polarisiert die Gesellschaft. Von der Gegner*innenseite werden vornehmlich drei Totschlagargumente angeführt. Erstens: das generische Maskulin[1] sei etabliert und Sprache lasse sich nicht so einfach verändern. Zudem sei jedem klar, dass Frauen automatisch mitgemeint seien. Und drittens ändere die sprachliche „Verklausulierung“ durch adäquates Gendern nichts an der bestehenden Ungleichheit zwischen den Geschlechtern. Ich könnte den gängigen Schlagabtausch nun mit einfachen Gegenargumenten fortführen, stattdessen möchte ich mit einem kurzen Gedankenexperiment anfangen, das in abgewandelten Formen häufiger in diesem Kontext zu finden ist[2]:

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Der Steigbügelhalter des amerikanischen Populismus

 | 2. September 2018

[kommentiert]: Vielen gilt John McCain als letzter Aufrechter in der Republikanischen Partei und Vertreter einer besseren Zeit  dabei hat gerade er die Trumpisierung der Partei mit in die Wege geleitet. Torben Lütjen über den jüngst verstorbenen US-Senator.

Man soll nichts Schlechtes sagen über die Toten, schon gar nicht, wenn es sich bei Ihnen um Helden handelt, die für ihr Land geblutet haben. Doch darf man dieser Tage vielleicht darauf hinweisen, dass die Geschichte einmal mehr ihren Sinn für Ironie gezeigt hat: John McCain gilt nun als der letzte Aufrechte in einer ansonsten moralisch bankrotten republikanischen Partei, als unbeugsamer Gegenspieler Donald Trumps, der ihm selbst noch auf dem Sterbebett mit seinen Tweets und Stellungnahmen die Stirn geboten hat, ja selbst posthum noch durch die Nicht-Einladung zu seiner Trauerfeier ein Zeichen gesetzt hat.

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