Lob der Intuition
[präsentiert]: Felix Butzlaff liest Robert Skidelskys “Die Rückkehr des Meisters. Keynes für das 21. Jahrhundert”.
Wenn ein studierter Wirtschaftswissenschaftler ein biographisch angelegtes Buch über einen anderen, in diesem Falle weltberühmten, Ökonomen verfasst, dann bietet die Lektüre für einen wirtschaftswissenschaftlich interessierten Politikwissenschaftler oft Raum und Anlass zur Enttäuschung. Allzu verschieden sind dann vielfach die Perspektiven und Fragen an den jeweiligen Gegenstand, allzu anders die sich aufdrängenden Leerstellen. Im vorliegenden Fall von Robert Skidelskys Buch über John Maynard Keynes und seine mögliche Bedeutung heutzutage liegt dies aber dankenswerterweise anders.
→ weiter lesenPolitische Führung in Niedersachsen
[präsentiert]: Frauke Schulz und Christian Werwath laden ein zu ihrer Lehrveranstaltung “An der Spitze Niedersachsens: Politische Führung und Biographie” im WS 2010/11.
Die Ministerpräsidenten von Niedersachsen haben sich jüngst in der bundesdeutschen Politiklandschaft als ehrgeizige Aspiranten auf die höchsten Ämter der Republik erwiesen. Volkstümelnde Provinzpolitiker jedenfalls sehen anders aus: Gerhard Schröder statuierte mit dem Schritt ins Bundeskanzleramt 1998 ein Exempel, nachdem sein Vorgänger Ernst Albrecht 1980 immerhin beinahe Kanzlerkandidat geworden wäre. Auch der derzeitige Vorsitzende der Sozialdemokraten Sigmar Gabriel lenkte einst die Geschicke zwischen Harz und Nordsee und baut derzeit als nächster ehemaliger niedersächsischer Ministerpräsident seine Anwartschaft auf das Kanzleramt aus. Erst kürzlich avancierte sein Nachfolger Christian Wulff zum ersten Mann der Republik, nachdem auch er lange als potentieller Merkel-Nachfolger gehandelt wurde.
→ weiter lesenMenetekel von Migration und Parallelgesellschaften?
[kommentiert]: Franz Walters Beitrag zur Sarrazin-Debatte
Wir reden von immerhin 15,3 Millionen Deutschen, wenn wir den Begriff „Migrationshintergrund“ verwenden. Das sind 18,6 Prozent der Wohnpopulation hierzulande. Der Anteil steigt, je jünger die Bevölkerung sich präsentiert. Von den Kindern bis zu fünf Jahren wird jedes dritte in einer Familie mit Migrationsbiographie groß. In der Gesamtbevölkerung Deutschlands befinden sich dreizehn Prozent im Alter zwischen 20 bis 29; in der Migrationskultur liegt die Quote bei 23 Prozent. 15 Prozent aller Bewohner in Deutschland sind über siebzig; aber nur drei Prozent der Bürger, deren Familien zugewandert sind. In den alten Bundesländern gehört bereits ein Fünftel der Bewohner zur Gruppe mit einer Migrationsgeschichte; in der ostdeutschen Region liegt der Anteil nur bei sieben Prozent. Weit überproportional findet man die Migrationskultur mit einem Viertel aller dort lebenden Einwohner in den Großstädten, während in Dörfern und Kleinstädten lediglich drei Prozent eine solche Provenienz aufweisen. Das Herkunftsland Nummer Eins ist die frühere Sowjetunion mit 21 Prozent der Migration in Deutschland, gefolgt von der Türkei mit neunzehn Prozent. Zwölf Prozent kommen aus südeuropäischen Ländern, elf Prozent aus Polen.
Das Ende ist nah
[präsentiert]: David Bebnowski über Slavoj Žižek und dessen neues Buch „Living in the End Times“
Slavoj Zizek ist ein Charismatiker. Es gehört zum Wesen des Charismatikers, dass Widersprüche sich in seiner Person zu einem merkwürdigen Amalgam verbinden, das Leute in einen übersinnlichen Bann zieht und verzaubert zurücklässt. Dies ist das Charisma. Charismatiker müssen deswegen also keinesfalls Ebenbilder, gar galante Ideale der Masse sein, auf die ihr Zauber wirkt. Vielmehr ist es der Gegensatz, der Bruch mit dem Erwartbaren, der ihnen ihren Schein verleiht.
→ weiter lesenDer Osten im Westen. Nur eine Fußnote der Geschichte?
[präsentiert]: Michael Lühmann bietet im nächsten Semester das Seminar Der Osten im Westen. Nur eine Fußnote der Geschichte? an. Im folgenden Text macht er deutlich, warum es sich lohnt den Blick über den Tellerrand der westdeutschen Geschichte zu heben.
„Die kurzlebige Existenz der DDR hat in jeder Hinsicht in eine Sackgasse geführt. Denn ihre erdrückende Mehrheit hatte sich nicht gewünscht, unter diesem Repressionsregime zu leben. Alle falschen Weichenstellungen, die in Ostdeutschland vorgenommen worden sind, müssen nach dem Vorbild des westdeutschen Modells in einem mühseligen Prozess korrigiert werden. Das ist die Bürde der neuen Bundesrepublik seit 1990. Das Intermezzo der ostdeutschen Satrapie muss aber nicht an dieser Stelle durch eine ausführliche Analyse aufgewertet werden. Man kann es der florierenden DDR-Forschung getrost überlassen, das Gelände eines untergegangenen, von seiner eigenen Bevölkerung aufgelösten Staatswesens mit all seinen Irrwegen genauer zu erkunden.“
(Hans-Ulrich Wehler: Deutsche Gesellschaftsgeschichte 1949-1990, S. XVf.)
→ weiter lesenPostmaterielles Sowohl-als-auch-vielleicht
[analysiert]: Katharina Rahlf analysiert für den Blog das wichtigste Charakteristikum der Postmaterialisten.
Irgendwie ist es ein bisschen paradox: Die Angehörigen des postmaterialistischen Milieus sind am prägnantesten zu charakterisieren durch ihre Unbestimmtheit. Wenn sie in etwas entschieden sind – dann in ihrer Unentschiedenheit. Höchst selten tun die Postmaterialisten – im Sinus-Modell das individualistisch-liberale, umweltbewusste Milieu und die Kernanhängerschaft der Grünen – ein klares „Dafür“ oder „Dagegen“ kund. Und das nicht etwa aus Desinteresse oder Gleichgültigkeit, sondern als Resultat tiefen Haderns mit den Möglichkeiten. Denn stets gibt es ja Gründe, die doch in eine andere Richtung weisen, fällt ihnen doch noch ein widersprüchliches Argument ein; schließlich wissen sie, dass es immer mehrere Perspektiven gibt und kaum je etwas „vollkommen klar“ ist. Und genau dieses Wissen – eigentlich das größte Gut dieser hochgebildeten, meist akademischen Gruppierung – ist gleichzeitig die größte Hürde, die sich ihnen stellt.
→ weiter lesenZwischen Trinidad und Tobago
[analysiert]: Franz Walter fragt: Wie schlimm ist eigentlich eine Große Koalition?
Politiker mögen sie nicht: Die Große Koalition. Zwar hat sie mit der Etablierung des Fünf-Parteien-Systems in Deutschland sukzessive ihren Ausnahmestatus verloren, doch das Gros der politischen Akteure kommentiert diesen Regierungstypus verlässlich missgelaunt. Insbesondere bei den Sozialdemokraten herrscht nahezu eine Phobie vor diesem Koalitionsmuster. In der Großen Koalition, so fürchtet fast jeder prominente SPDler, kann man bei den darauffolgenden Wahlen nur verlieren. Der bittere Ausgang der Bundestagswahlen im September 2009 sitzt den Genossen tief in den Knochen. Und dennoch trifft die gefühlte Bilanz nicht die reale Empirie der politischen Folgen von Koalitionsregierungen.
→ weiter lesenInterview: Wie entsteht Engagement?
Alex Hensel |
18. August 2010 |
Keine Leserbriefe[präsentiert]: Johanna Klatt und David Bebnowski berichten über das Engagement der gesellschaftlichen “Unterschicht”.
Und sie engagiert sich doch
[präsentiert]: Das Forschungsprojekt “Wo ist die ‘Unterschicht’ in der modernen Bürgergesellschaft?” machte sich auf die Suche nach modernen Formen von bürgerschaftlichem Engagement. Christian Woltering fasst für den Blog erste Erkenntnisse zusammen.
„Cocooning“ war eines dieser neu geschaffenen Schlagworte, das die Debatte um die „Unterschicht“ prägte. Auf plastische Weise – gleich sich verpuppenden Insekten – beschreibt dieser Ausdruck, wie sich immer mehr Menschen aus dem unteren Drittel der Gesellschaft in ihre Wohnungen – ihre „Kokons“ – einschließen und diese tagelang nicht verlassen, um mit anderen Mitmenschen Kontakte zu pflegen oder aufzunehmen. Bräsig und faul säßen sie vor dem Fernseher, stopften Kohlenhydrate (zumeist natürlich auch Alkohol und Zigaretten) in sich hinein, harrten teilnahmslos und gleichgültig der Dinge, die vor ihrer Haustür geschehen. In Vereinen engagiert sich hier kaum einer, die Wahlbeteiligung ist die geringste in der gesamten Bevölkerung und auch sonst sei kaum Engagement, in welcher Ausprägung auch immer, zu erwarten.
Das rot-grüne Dilemma der SPD
[analysiert]: Jöran Klatt über Zukunft und Akzeptanz eines rot-rot-grünen Bündnisses
Die Hoffnungen, die mit NRW und dem aktuellen Umfragehoch in der SPD geweckt wurden, und vor allem die Erleichterung, die dadurch aufkam, mindern die Chancen auf ein rot-rot-grünes Bündnis und damit eine der raren Aussichten der Sozialdemokratie 2013 aufs Kanzleramt.
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