Karl Barth gilt als “Kirchenvater des 20. Jahrhunderts”. Der evangelisch-reformierte Theologe engagierte sich zeitlebens für politische Anliegen. Barth stritt für soziale Gerechtigkeit, gründete mehrere Gewerkschaften, organisierte Frauen-Streiks und opponierte gegen das Nazi-Regime. Jens Gmeiner über das bewegte Leben eines politischen Geistlichen.
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Hochgebildete kennen sie: Die Angst vor der Verpflichtung. Die Angst davor, am nächsten Donnerstagabend wiederkommen zu müssen und womöglich noch zum Schatzmeister gewählt zu werden. Die Rede ist von zivilgesellschaftlichen Organisationsstrukturen, von Parteien, Kirchen und Vereinen, die durch feste Regelmäßigkeiten gekennzeichnet und lokal verankert sind. Aber auch von Ortsgruppen vieler Vereine oder Verbände der ehemals als „neu“ bezeichneten sozialen Bewegungen. Stellen wir uns dabei also das hochgebildete Individuum vor, das durch die Anforderungen der Ausbildung oder des Arbeitsmarktes gezwungen ist, flexibel zu sein und häufig den Wohnort zu wechseln. Oder große Teile der aufstrebenden und bildungsorientierten Jugend, die (wie es unter anderem die aktuellen Shell-Studien belegen) an effizienzorientiertes Arbeiten, Schnelligkeit und Zielstrebigkeit gewöhnt ist. In vielen Ortsvereinen, lokalen Aktionsbündnissen oder Basisgruppen stoßen diese jungen Menschen nun auf einen „harten Kern“ sich regelmäßig treffender Aktiver, der zwar im sozialen, kulturellen oder politischen Bereich eine ungemein wertvolle Arbeit leistet, jedoch auf den ersten Blick oft ein wenig, nun ja, strukturell „abschreckt“.
→ weiter lesenWann und warum entstand die “Neue Unterschicht”, wie beteiligen sich sozial Benachteiligte an der Bürgergesellschaft heute und was bedeutet deren geringe Teilnahme an modernen Formen des Engagements für die Demokratie? – Johanna Klatt und Franz Walter über ihr neues Buch “Entbehrliche der Bürgergesellschaft?”
→ weiter lesen[analysiert]: Johanna Klatt analysiert unkonventionelle politische Beteiligung damals und heute.
„Neu“ nannten sie sich, um sich gegen die „alte“ Arbeiterbewegung abzugrenzen: Die neuen sozialen Bewegungen – heute nur noch: soziale Bewegungen – waren die vornehmlich von Studenten geprägte bundesrepublikanische Zivilgesellschaft der siebziger und achtziger Jahre. Slogans der Frauenbewegung wie „Das Private ist politisch!“ schallten durch das Land, die Friedens- und Ökologiebewegung hatte Hochkonjunktur und mindestens eine ganze Generation Aktiver lehnte sich gegen die als konventionell empfundene Politik auf. „Alles Geschichte!“, könnte man meinen. Inwiefern aber hat die Zeit der Friedenstauben und Kinderläden, Sit-ins und Anti-AKW-Buttons bis in die politische Partizipationsstruktur der heutigen Bundesrepublik hinein ihre Spuren hinterlassen? Oder anders gefragt: Was ist im Jahr 2011 von ihr übrig geblieben?
→ weiter lesenJohanna Klatt untersucht im Projekt “Diesseits von Versäulung, Lagern und sozialmoralischen Milieus” den Bereich “Zivilgesellschaften”. Im Interview erklärt sie, was es damit auf sich hat.
In deinem Projektteil geht es um die Zivilgesellschaften Deutschlands, Österreichs und der Niederlande. Was aber ist denn überhaupt „die Zivilgesellschaft“?
Zugegeben, Zivilgesellschaft ist zunächst ein schwammiger Begriff. Man kann sie sich als Inhalt eines Dreiecks vorstellen, in dem die drei Spitzen der Staat, die Wirtschaft und das Private sind. Zivilgesellschaft ist dann sozusagen der Rest, der räumliche Inhalt des Dreiecks, um im Bild zu bleiben – also das Nicht-Staatliche und Nicht-Wirtschaftliche und Öffentliche. Doch bereits diese Restdefinition – oder „Residualdefinition“, wie sie in der Forschung kompliziert genannt wird – ist problematisch.
Der Kampf um die Einführung eines allgemeinen sozialen Pflichtdienstes als Ersatz für die Wehrpflicht wird momentan an vielen Fronten geführt. Während die Befürworter neben dem vermeintlichen personellen Kollaps der Pflegeeinrichtungen vor allem den angeblich erzieherischen Aspekt eines Pflichtdienstes hervorheben, kontern die Gegner mit dem Totschlagargument der Unvereinbarkeit eines Pflichtdienstes mit Grundgesetz und internationaler Rechtsprechung. Ein Punkt, der in der Diskussion bisweilen etwas stiefmütterlich behandelt wurde, dreht sich um die nicht minder wichtige Frage, inwieweit ein staatlich verordneter Pflichtdienst für junge Menschen die bisherigen Bemühungen um die Gewinnung freiwilliger Kräfte im Sozialsystem konterkarieren würde.
→ weiter lesen„Cocooning“ war eines dieser neu geschaffenen Schlagworte, das die Debatte um die „Unterschicht“ prägte. Auf plastische Weise – gleich sich verpuppenden Insekten – beschreibt dieser Ausdruck, wie sich immer mehr Menschen aus dem unteren Drittel der Gesellschaft in ihre Wohnungen – ihre „Kokons“ – einschließen und diese tagelang nicht verlassen, um mit anderen Mitmenschen Kontakte zu pflegen oder aufzunehmen. Bräsig und faul säßen sie vor dem Fernseher, stopften Kohlenhydrate (zumeist natürlich auch Alkohol und Zigaretten) in sich hinein, harrten teilnahmslos und gleichgültig der Dinge, die vor ihrer Haustür geschehen. In Vereinen engagiert sich hier kaum einer, die Wahlbeteiligung ist die geringste in der gesamten Bevölkerung und auch sonst sei kaum Engagement, in welcher Ausprägung auch immer, zu erwarten.