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Irrtümer vorbehalten

Franz Walter | 24. April 2017

[kommentiert]: Franz Walter über das schwierige Verhältnis von Wissenschaft und Fakten

Das aufgeklärte Deutschland – dem „die deutliche Unterscheidung von gesicherten Wissen und persönlicher Meinung nicht gleichgültig ist“ – macht mobil für den Primat von Fakten und marschierte am Wochenende gegen „alternative Fakten“, durch welche, wie es im Aufruf hieß, „wissenschaftlich fundierten Tatsachen geleugnet, relativiert“ würden.[1] Der Antrieb für dieses Engagement ist aufgrund der antiliberalen Konterreformen auch in gewichtigen Teilen der demokratisch-parlamentarischen Welt und die neue Geringschätzung für freie Forschungen unzweifelhaft richtig und fraglos löblich. Und doch konsterniert der bei einigen Protagonisten mitschwingende nahezu sakrale Glauben an den uneingeschränkt zu akzeptierenden Anspruch auf Objektivität im professionellen Wissenschaftsbetrieb. Gerade in Deutschland hat man erleben können, welche zivilisationszerstörerischen Versuche in wissenschaftlichen Experimenten (nicht zuletzt der Medizin) unternommen wurden und sich dann als Leitwissenschaften (etwa die nicht erst 1933 etablierten Lehrstühle zur „Rassenhygiene“, deren Inhaber nach 1945 höchst reputierlich als ordentliche Professoren für Humangenetik ihre Arbeit auch deutschlandweit und forschungsgemeinschaftlich fortsetzten) gesellschaftlich und politisch barbarisch auswirkten. Hier hätte ein wenig Distanz und couragierte, humanitätsbasierte „persönliche Meinung“ außerordentlich gut getan. Zumindest wäre vor und bei künftigen Märschen auch über solche Deformationen zu reden. Die Überzeugungskraft der Aktionen würde sich wohl mehren.

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100 Jahre Entzauberung der Welt

Jöran Klatt | 3. März 2017

[debattiert] Jöran Klatt über die Aktualität Max Webers

Vor hundert Jahren hielt Max Weber vor dem bayrischen Landesverband des Freistudentischen Bundes einen Vortrag mit dem Titel „Wissenschaft als Beruf“. Dort entwickelte er seine berühmte Formel von der „Ent­zauberung der Welt“. Diese Formulierung, die den end­gültigen Sieg der Rationalität und des Verstandes über das Vormoderne, die Welt des Mystischen, der Dämo­nen, Hexen und Magie, prägnant in Worte kleidete, sollte eine Schlüsselphrase der Moderne werden.

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Der wissenschaftliche Nachwuchs und der Geist des Kapitalismus

David Ohlendorf | 3. April 2014

[kommentiert]: David Ohlendorf über die Ökonomisierung des Wissenschaftsbetriebs an Universitäten. 

Vor Kurzem wurde der Bundesregierung das Jahresgutachten der Expertenkommission für Forschung und Innovation (EFI) vorgelegt. Eines der zentralen Ergebnisse, welches kurz darauf die Aufmerksamkeit von Medien und Öffentlichkeit erweckte, besteht in der großen Zahl an jungen Wissenschaftler_innen, die in den letzten Jahren dem Forschungsstandort Deutschland den Rücken gekehrt haben. Seit 1996, so der Bericht, sind etwa 4000 Forscher_innen mehr aus der Bundesrepublik ausgewandert als durch die Anwerbung von Hochqualifizierten oder die Rückkehr deutscher Akademiker_innen aus dem Ausland hinzugewonnen werden konnten.[1]

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Reine Stilkritik

Stephan Klecha | 16. Januar 2014

[kommentiert]: Stephan Klecha zum Stil des Koalitionsvertrags der neuen Regierung.

Die viel gerühmte „Kunst des Regierens“ hängt von vielen Faktoren ab. Staatsrecht, Politik- und Geschichtswissenschaft sowie Soziologie und andere Fächer können etwas zu ihrem Verständnis beitragen. Möglicherweise sollten sich aber künftig auch verstärkt diejenigen mit dem Regieren befassen, die sich eher mit Fragen der Sprache und Stils beschäftigen. Damit sind allerdings nicht etwa Rhetorik- und Rednertrainer gemeint, sondern vielleicht eher jene, die sich auf die Interpretation von Lyrik spezialisiert haben. Diese hätten jedenfalls am nunmehr beschlossenen Koalitionsvertrag ihre helle Freude.

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Noch lange nicht der „Goldstandard“

Alexander Hensel | 16. März 2012

[kommentiert]: Alex Hensel über aktuellle Entwicklungen der wissenschaftlichen Blogosphäre

Zuweilen wird unsere Blogredaktion von Fragen heimgesucht, deren abschließende Beantwortung bislang aussteht. Wohin kann sich unser Blog in Zukunft entwickeln? Welche Funktion erfüllt dieses Medium in der Wissenschaft überhaupt? Oder, etwas drastischer gefragt: Wozu zum Teufel machen wir das hier eigentlich? Vor diesem Hintergrund ist es beruhigend, dass wir mit solch wiederkehrenden Konfusionen offenbar nicht alleine stehen. Von genau diesen Fragen, d.h. der weitgehenden Offenheit der Formen und Funktionen, der Unklarheit von Sinn und Zweck sowie der Gegenwart und ungewissen Zukunft des wissenschaftlichen Bloggens handelte die Tagung „Weblogs in den Geisteswissenschaften. Oder: Vom Entstehen einer neuen Forschungskultur“, veranstaltet vom Deutsche Historischen Institut Paris (DHI) und dem Institut für Kunstgeschichte der LMU.

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Der Freiherr und die Exzellenz

David Bebnowski | 4. März 2011

[kommentiert]: David Bebnowski kritisiert das „Geistessterben“ in der „Bildungsrepublik“

„Möglicherweise aber halten Sie unseren Beitrag zur Gesellschaft schlicht für vernachlässigenswert. Dann möchten wir Sie aber bitten, in Zukunft nicht mehr von der von Ihnen selbst ausgerufenen „Bildungsrepublik Deutschland“ zu sprechen.“ (Ende des offenen Briefs der Doktoranden an die Bundeskanzlerin)

Das „Möglicherweise“ kann man streichen. Dann, so muss man leider sagen, trifft dieses Zitat den Nagel auf den Kopf. Denn im Fall zu Guttenbergs wird etwas Offensichtliches deutlich, das in einer meritokratischen Gesellschaft nicht sein darf: Bildungstitel zählen nichts mehr. Der laxe Umgang mit wissenschaftlichen Standards seitens des Verteidigungsministers ist keinesfalls nur eine persönliche Verfehlung, sondern ebenso ein Symptom für den Wandel der Einstellungen gegenüber dem Geistesleben.

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