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Hochkonjunktur des Antifeminismus

Hannes Keune, Julian Schenke | 1. September 2015

Das politische Geschlecht

[kommentiert]: Hannes Keune und Julian Schenke über den tiefsitzenden Widerstand gegen die Emanzipation der Frau und seine gegenwärtigen Apologeten.

Antifeministische Positionen werden auch jenseits des nicht-öffentlichen Meinens präsenter. Ihre zunehmend öffentliche Artikulation befriedigt ein Bedürfnis. Diese zeigt sich an einer Reihe publizistischer Beiträge der letzten Jahre. Jüngst exponiert hat sich dabei Akif Pirinçci, der mit seinem erfolgreichen Buch „Deutschland von Sinnen: Der irre Kult um Frauen, Homosexuelle und Zuwanderer“ eine plakative Anklage der „Lügenpresse“ und der „grün-rot versifften Wichser“ (sic!) lancierte. Mit seiner konformistischen Rebellion gegen vermeintliche Tabus der Political Correctness verdient Pirinçci nicht nur gutes Geld, auch ist er neben Thilo Sarrazin, Udo Ulfkotte und anderen zu einem der wichtigsten „intellektuellen“ Vertreter des deutsch-konservativen Milieus geworden, das aus der bundesdeutschen Öffentlichkeit zunehmend verdrängt schien, in Gestalt der Alternative für Deutschland (AfD) und der Pegida-Demonstrationen zumindest derzeit eine gewisse Renaissance erlebt. Indem Pirinçci den Sexualforscher Heinz-Jürgen Voß als „geisteskranken und durchgeknallten Schwulen“, die Grünen als „Kindersexpartei“ oder die Therapeutin und Autorin Tanja Rahm als „ehemalige Nutte“ bezeichnet und ihre Person mit einem vermeintlich evolutionär bedingten Talent großer Gruppen von Frauen zur „Hurerei“ kurzschließt,[1] offenbaren sich seine frauenfeindlichen Assoziationsketten. Diese ähneln frappierend dem in der „männerrechtlichen“ Szene verbreiteten Duktus des verunsicherten Mannes, der sich als Opfer von „Feminat“ und „Gender-Wahnsinn“ stilisiert. Tatsächliche Geschlechterverhältnisse werden hier dreist und projektiv umgekehrt – das wirft die Frage nach der psychischen Funktion antifeministischer Argumentationsmuster auf.

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Pegida als Symptom kollektiver Narbenbildung

Analysen der Pegida-Bewegung

[analysiert]: Hannes Keune, Florian Finkbeiner und Julian Schenke mit einer sozialpsychologischen Annäherung an Pegida

Die Pegida-Proteste sind fraglos vor allem ein sächsisches Phänomen.[1] Dennoch sind regionalkulturelle Erklärungen der Proteste keineswegs erschöpfend. Das unerbittliche und aggressiv vorgetragene Misstrauen sowie die Absurdität vieler Forderungen verweisen auf allgemeinere Triebfedern des Protests. Diese lassen sich mithilfe eines sozialpsychologischen Ansatzes einfangen, der den Wandel der Stellung von Individuen in modernen Gesellschaften betrachtet. Aus einer derartigen Perspektive ergeben sich interessante Erklärungen der Pegida-Proteste, welche als deutliches Symptom kapitalistischer Krisenentwicklungen gedeutet werden können. Sozialpsychologische Kategorien erweitern den Blick auf die Dynamik von Massen und die Funktionsweisen kollektiver Enthemmung. Das wachsende Behagen der Demonstrationsteilnehmer, ihr Aufgehen in den ritualisierten Zusammenrottungen, was sich teilweise bis zur Parole „Pegida macht glücklich“[2] steigert, lassen sich so ins „rechte“ Licht rücken.

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