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Draufgänger im Fridtjof-Nansen-Haus

Franz Walter | 7. August 2012

[Göttinger Köpfe]: Franz Walter über Brandts Kanzleramtschef Horst Ehmke.

Gerade erst hatte er sein Notabitur abgelegt. Nun wollte er in Göttingen studieren. Wenige Monate zuvor hatte er, kaum aus der Kriegsgefangenschaft der Roten Armee entlassen, nur noch 43 Kilo gewogen. Und jetzt schlug er im niedersächsischen Harz mehrere Wochen Holz, um an eine der begehrten Lebensmittelsonderkarten für Schwerstarbeiter zu gelangen. Wir reden von Horst Ehmke, Sohn eines Chirurgen aus Danzig, 19 Jahre alt. Und wir schreiben das Jahr 1946, genauer: das Wintersemester 1946/47. Ehmke hatte Hunger, aber viel war in der Universitätsmensa am Wilhelmsplatz nicht zu bekommen, ganz überwiegend lediglich Maisbrot, wie er in seinen Memoiren Jahrzehnte später festhielt. Daher gebrauchte er die Axt für die Sonderration.

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„Im Zweifel für die Freiheit“

Daniela Kallinich | 1. März 2011

[nachgefragt]: Frauke Schulz berichtet im Interview über den sozialliberalen Vordenker Werner Maihofer.

Frauke Schulz hat in ihrer Magisterarbeit die politische Karriere des Seiteneinsteigers Werner Maihofer untersucht. Ihre Studie erschien nun im Ibidem-Verlag unter dem Titel: Werner Maihofer. Im Zweifel für die Freiheit. Sie hatte bei ihrer Recherchen die Möglichkeit, Werner Maihofer wenige Monate vor seinem Tod zu interviewen.

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Die Scheinriesen

Mathias Micus, Robert Lorenz | 25. November 2010

[analysiert]: Robert Lorenz und Matthias Micus über „Politische Seiteneinsteiger“

Kürzlich feierte Angela Merkel zwei bemerkenswerte Jubiläen. Seit einer vollen Dekade steht die Seiteneinsteigerin als Vorsitzende an der Spitze der mitgliederstärksten Partei, der CDU. Auch das Land regiert sie immerhin schon seit fünf Jahren. Als völlig unangefochten galt sie dabei zuletzt zwar nicht mehr. Interessanterweise wurden als ihre heißesten Nachfolgekandidaten aber regelmäßig zwei Personen genannt, die entweder selbst quer in die Politik eingestiegen sind – wie Ursula von der Leyen –, oder die sich – wie Karl-Theodor zu Guttenberg – zumindest mit Verve als Exoten des professionellen Politikbetriebes und rituellen Parteilebens inszenieren.

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Job Cohen – „Bürgermeister“ der Niederlande

Andreas Wagner | 1. Oktober 2010

[analysiert]: Andreas Wagner erforscht im Rahmen des Projektes „Diesseits von Versäulung, Lagern und sozialmoralischen Milieus“ das politische System der Niederlande. In unserem Blog stellt er den Vorsitzenden der PvdA vor.

Trotz der bereits länger anhaltenden, extrem fluiden Grundstimmung der niederländischen Wähler war das Ergebnis der Kammerwahl im Juni 2010 doch erstaunlich: Die stärkste Partei VVD mit dem liberal-konservativen Wahlgewinner Mark Rutte hatte gerade einmal 20 Prozent erhalten, beinahe die Hälfte der Wähler der letzten Kammerwahl und sogar 35 Prozent der Wähler der Europawahl von 2009 hatten nun eine andere Partei als zuvor gewählt. Die niederländische Politik ist – einmal mehr – im Umbruch begriffen; nicht nur, weil die sozialdemokratische Partei Partij van de Arbeid (PvdA), die es nun knapp hinter der VVD auf dem zweiten Platz verschlagen hat, seit dem Frühjahr mit dem ehemaligen Amsterdamer Bürgermeister Job Cohen einen neuen Spitzenkandidaten besitzt. Auch insgesamt scheint die Atmosphäre in der Randstad, dem Ballungsgebiet der westlichen Niederlande, enorm aufgeladen, erscheinen die Links-Rechts-Blöcke erstaunlich konfrontativ und die rechtsliberal-konservativ-christlichen Koalitionsverhandlungen langwierig, umstritten und wegen der kärglichen Mehrheit von nur einem Mandat ohnehin auf wackeligen Beinen.

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Grenzgänger zwischen Wirtschaft und Politik

Markus Schulz | 22. Juli 2010

[nachgefragt:] Robert Lorenz über Siegfried Balke

Wer eigentlich war Siegfried Balke?

Nachdem er etliche Jahre als Betriebschemiker in diversen Fabriken Aspirin hergestellt hatte, stieg er in der Umbruchphase nach 1945 in die westdeutsche Unternehmerelite auf. Zugleich rotierte er zwischen Politik und Wirtschaft. In Bayern stand er an der Spitze des Chemieverbandes und war als Lobbyist in die Parteienfinanzierung verwickelt. Dem jungen Franz Josef Strauß überwies er in den frühen 1950er Jahren im Tausch für politischen Einfluss großzügige Beträge aus dem Unternehmerlager. 1953 ging er, von Strauß protegiert, als Agent einiger Wirtschaftsverbände in die Politik, um als Bundespostminister ohne den Umweg über die Lobby unmittelbar am Kabinettstisch unternehmerfreundliche Entscheidungen zu treffen – mit dieser optimistischen Hoffnung trugen sich jedenfalls Balke und seine Mitstreiter. Als Strauß 1962 durch die „Spiegel“-Affäre einen heftigen Rückschlag erlitt, flog auch dessen Günstling Balke aus der Regierung. Obgleich er bis 1969 Bundestagsabgeordneter blieb, wechselte er zurück in die Wirtschaft und avancierte 1964 als Hanns Martin Schleyers Vor-Vorgänger zum Präsidenten der Bundesvereinigung Deutscher Arbeitgeberverbände. Bei Balke handelt es sich somit um einen Akteur, der gleichermaßen in Politik und Wirtschaft der 1950er Jahre in wichtigen Positionen mitmischte.

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