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Island: Schwul-lesbische Zufriedenheit und feministisches Utopia?

Julia Tiemann | 10. September 2015

Das politische Geschlecht[kommentiert]: Julia Tiemann über den isländischen Umgang mit Gender-Fragen:

Reykjavík, Mitte August 2015: Eine Stadt sieht Regenbogen. Aufwendig dekorierte Umzugswagen schillern um die Wette mit den fantasievoll geschminkten und gekleideten Teilnehmenden und Zuschauenden der „Reykjavík Pride Parade“. Angeführt wird der Umzug durch Stadtratsabgeordnete aller Parteien, die zusammen ein buntes Reykjavík-Banner durch die Straßen tragen. Dahinter geht Dagur B. Eggertsson, amtierender Bürgermeister, eine riesige Regenbogen-Flagge schwenkend. In den letzten Jahren sorgte sein Vorgänger Jón Gnarr durch Auftritte in Drag für Begeisterung. Jahr für Jahr ist die Parade Höhepunkt des einwöchigen Festivals der LBTIQ+[1]-Gemeinschaft und zeigt, wie weit Island in den letzten Jahrzehnten augenscheinlich gekommen ist, was die Anerkennung von Geschlechtergerechtigkeitsthemen angeht.

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Hochkonjunktur des Antifeminismus

Hannes Keune, Julian Schenke | 1. September 2015

Das politische Geschlecht

[kommentiert]: Hannes Keune und Julian Schenke über den tiefsitzenden Widerstand gegen die Emanzipation der Frau und seine gegenwärtigen Apologeten.

Antifeministische Positionen werden auch jenseits des nicht-öffentlichen Meinens präsenter. Ihre zunehmend öffentliche Artikulation befriedigt ein Bedürfnis. Diese zeigt sich an einer Reihe publizistischer Beiträge der letzten Jahre. Jüngst exponiert hat sich dabei Akif Pirinçci, der mit seinem erfolgreichen Buch „Deutschland von Sinnen: Der irre Kult um Frauen, Homosexuelle und Zuwanderer“ eine plakative Anklage der „Lügenpresse“ und der „grün-rot versifften Wichser“ (sic!) lancierte. Mit seiner konformistischen Rebellion gegen vermeintliche Tabus der Political Correctness verdient Pirinçci nicht nur gutes Geld, auch ist er neben Thilo Sarrazin, Udo Ulfkotte und anderen zu einem der wichtigsten „intellektuellen“ Vertreter des deutsch-konservativen Milieus geworden, das aus der bundesdeutschen Öffentlichkeit zunehmend verdrängt schien, in Gestalt der Alternative für Deutschland (AfD) und der Pegida-Demonstrationen zumindest derzeit eine gewisse Renaissance erlebt. Indem Pirinçci den Sexualforscher Heinz-Jürgen Voß als „geisteskranken und durchgeknallten Schwulen“, die Grünen als „Kindersexpartei“ oder die Therapeutin und Autorin Tanja Rahm als „ehemalige Nutte“ bezeichnet und ihre Person mit einem vermeintlich evolutionär bedingten Talent großer Gruppen von Frauen zur „Hurerei“ kurzschließt,[1] offenbaren sich seine frauenfeindlichen Assoziationsketten. Diese ähneln frappierend dem in der „männerrechtlichen“ Szene verbreiteten Duktus des verunsicherten Mannes, der sich als Opfer von „Feminat“ und „Gender-Wahnsinn“ stilisiert. Tatsächliche Geschlechterverhältnisse werden hier dreist und projektiv umgekehrt – das wirft die Frage nach der psychischen Funktion antifeministischer Argumentationsmuster auf.

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Wer will eine starre Geschlechterordnung?

Marcus Felix | 18. August 2015

Das politische Geschlecht

[Gastbeitrag]: Marcus Felix kommentiert die baden-württembergische Bildungsplan-Debatte

Ja, im Arbeitspapier des baden-württembergischen Bildungsplans taucht das Wort „Sex“ auf, und ja, wir haben noch immer ein Problem mit diesen drei Buchstaben. Schon deshalb, weil allein die Präsenz dieser Silbe in eben jenem Schriftstück ad hoc Protestwellen auslöste, die eine „Pornografisierung der Schule“ (Bernd Saur, Vorsitzender des Philologenverbandes Baden-Württemberg) und eine Bildung „unter dem Diktat des Regenbogens“ (eine Online-Petition des Realschullehrers und Evangelikalen Gabriel Stängle) anprangerten. Selten findet außerhalb des wissenschaftlichen Raums – und selbst in diesem auch nicht immer – ein unverkrampfter Dialog über die Frage statt, welche sexualpädagogischen Inhalte in der institutionellen Bildung zu verankern und zu vertreten sind. Sobald öffentlich über Geschlechterfragen und die Vielfalt menschlicher Sexualität gestritten wird, vollziehen sich die Diskussionen zumeist hinter vorgehaltener Hand oder mit erhobenem Zeigefinger und überwiegen darin Verunsachlichung, Dramatisierung und Vereinnahmung des Themas zugunsten eigener politischer Interessen. In solcher Weise geführte Debatten machen jedoch den Umgang einer Gesellschaft mit Sexualität sowie etablierte Sexual- und Geschlechtervorstellungen sichtbar. Indem über Sexualnormen gesprochen und diskutiert wird, indem sie bekämpft oder verteidigt werden, werden sie greifbar.

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Gender-Marketing: (K)eine Werbung für die Vielfalt

Julia Kiegeland | 21. Juli 2015

Das politische Geschlecht[analysiert]: Julia Kiegeland über den Umgang mit Geschlechterrollen in der Werbeindustrie.

Eine Welt ohne die sozial konstruierten Geschlechter − wie könnte ihre Werbewelt aussehen? Rasierer wären keinesfalls ausschließlich rosa mit sensitiv pflegenden Aloe-vera-Kissen oder dynamisch blau-silber für das exklusiv herausfordernde „männliche Terrain“. High Heels gäbe es regulär in Größe 48 und Zeitschriften wären nicht nur „Für Sie“.

Die spezifisch für ein Produkt genutzten Werbemaßnahmen, die äußerliche Form und Farbwelt der Verpackung, der Produktname und die Sprache, die ein Produkt umgibt, ja sogar die bloße Existenz eines Produktes selbst, beziehen sich sehr stark auf die gesellschaftlich definierten Geschlechter, männlich vs. weiblich, und die damit verbundenen Vorstellungen. So tragen Männer in unserer Gesellschaft selten öffentlich High Heels,[1] weshalb die jeweiligen Schuhmodelle zuvorderst in Designs produziert werden, die klassischerweise Frauen ansprechen sollen. Dabei existieren durchaus bestimmte Marken, die derartige Schuhe auch für Männer herstellen. In der Alltagswelt und der uns täglich umgebenden Werbung indes gelten sie als Nischenprodukte, die nur einer eingeschränkten Konsumentenzahl geläufig sind.

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„Das Land der starken Frauen“

Johannes Sosada | 14. Juli 2015

Das politische Geschlecht[analysiert]: Johannes Sosada über die besondere Rolle von Frauen im israelischen Militär.

Israel ist das Land der „starken Frauen“. Soldatinnen gehören dort zum allgemeinen Straßenbild. Besonders am Vorabend des Sabbats sind Bahnhöfe und Bushaltestellen überfüllt mit jungen Soldatinnen und Soldaten, die für das Wochenende in ihre Heimatstädte fahren. Die generelle Militärpräsenz, v.a. aber Soldatinnen, die bspw. über den Basar der Altstadt von Jerusalem schlendern, finden bei Besuchern besondere Beachtung – gilt doch kaum ein Berufsfeld als eine solch große „Männerdomäne“ wie das Militär.

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