
Im Juli 1944 ging im Konzentrationslager Majdanek bei Lublin für die Überlebenden die Hölle zu Ende. Majdanek wurde als erstes Lager von sowjetischen Truppen befreit. Wenige Wochen später zerstörte ein Feuersturm, entfacht durch alliierte Phosphorbomben, die Innenstadt von Königsberg. Und von der Bretagne her rückten amerikanische und britische Truppen langsam nach Süden und Osten vor. Das ist die eine, die bekannte Geschichte. Eine andere lautet in etwa so: Der damals sechzehnjährige Thomas Nipperdey durchlebte „in den Nischen von Krieg und Politik“ einen „schönen Sommer 1944“, er wanderte im Urlaub durch Mecklenburg, Masuren war leider nicht mehr möglich. Überhaupt hatten die letzten Kriegsjahre für den Sohn eines Kölner Professors fast etwas Befreiendes. In der Rückschau ortet Nipperdey in seiner Zeit bei der Flak „anarchistische Tendenzen“: Die HJ-Armbänder legten die Jungen ab, hörten – bisweilen sogar mit ihren Unteroffizieren – britische Radiosender und Jazz, die verpönte „Negermusik“.[1]
→ weiter lesenNach dem Rücktritt von Christian Wulff beginnt nun unmittelbar die Diskussion über seinen Nachfolger oder seine Nachfolgerin. Welche Eigenschaften aber braucht es für dieses Amt und wer könnte diese erfüllen? Franz Walter über das Scheitern des Parteipolitikers Wulff, die Entwicklung und Notwendigkeit des Bundespräsidentenamtes.
Technik und Redaktion: Severin Caspari, Alex Hensel und Christoph Hoeft.
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Eine Welle der Empörung wogt im Frühsommer 1955 durch Deutschland, als Leonard Schlüter zum Kultusminister Niedersachsens ernannt werden soll. Sogar internationale Medien kommentieren dieses Ereignis der niedersächsischen Landespolitik kritisch. Rektor Emil Woermann und der Senat der Georg-August-Universität Göttingen legen aus Protest ihre Ämter nieder, der Asta ruft zum Vorlesungsboykott auf und organisiert einen Fackelzug durch die Stadt an der Leine. Schlüter war nicht nur in den Augen der Göttinger Öffentlichkeit als Verleger nationalistischer Autoren und strammer Vertreter des rechten Flügels der FDP für das Amt des Kultusministers denkbar ungeeignet.
→ weiter lesenPerson des Jahres: Angela Merkel. So titelt diese Woche der Stern. Und er fragt: „Woher nimmt sie nur die Kraft?“ Versuchen auch wir eine Antwort. Bedienen wir uns einer der beliebten russischen Volkssagen, nämlich der, die von den Abenteuer des starken Wanja handelt. Der Kinder- und Jugendbauchautor Otfried Preußler hat eine eigene Version davon Ende der 1960er Jahre als Buch veröffentlicht. Der starke Wanja, so wird es erzählt, mied in seiner Jugend die schwere Feldarbeit. Stattdessen ruhte er sieben Jahre lang in der Bauernstube auf dem Ofen, nährte sich von Sonnenblumenkernen – und tat sonst rein gar nichts. Keiner seiner Brüder mochte ihn leiden. Verständlicherweise. Aber nach sieben Jahren der Muße stand Wanja vom Ofen auf, war ausgeruht und stark wie ein Bär. Er zog aus, bekämpfte die Bösen. Zum Schluss wurde er Zar im Land jenseits der Weißen Berge. Natürlich ist das eine ganz unrealistische Geschichte. Wir alle wissen schließlich, dass nach sieben Jahren des aktivitätslosen Phlegmas die Muskel erschlafft sind, dass man nicht stark, sondern schwach ist. Und doch hat auch diese Geschichte, wie es bei Volkssagen so üblich ist, einen wahren Kern. Im Zustand der deutschen Politik der letzten Jahre können wir diesen Kern wunderbar erkennen. Eben bei der Stern-Person des Jahres: Angela Merkel also.
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Wissenschaft und Politik – diese beiden Berufs- und Tätigkeitsfelder werden gemeinhin als völlig unterschiedliche Sphären begriffen. In der Politik, so eine gängige Meinung, gehe es um Macht, Intrigen und Privilegien. In der Wissenschaft herrsche indessen ein anderes Ethos vor, das sich der Suche nach Wahrheit, nach Erkenntnisgewinn, dem Wege zu neuem Wissen verschrieben habe. In der Politik sei vieles irrational, wohingegen die Wissenschaft strenger Rationalität unterworfen sei. Der berühmte Kernphysiker Werner Heisenberg, dessen Geburtstag sich in diesem Jahr zum 110. Mal jährt und der zwischen 1946 und 1958 in Göttingen lebte, forschte und lehrte, bewegte sich an der Schwelle zwischen diesen beiden Gebieten. Dabei verhielt er sich mitunter sehr politisch, stets durchsetzungsstark und zielstrebig.
→ weiter lesen„Der 29jährige Verlagskaufmann Holger Apfel hat in seinen jungen Jahren eine steile Karriere als JN- und NPD-Führungskraft hinter sich und zählt heute zu den wichtigen Schlüsselpersonen des Parteivorstandes.“ Dies schrieb Udo Voigt noch 1999 in einem Kurzporträt über seinen politischen Ziehsohn. Zehn Jahre später sollte Apfel das erste Mal einen Versuch unterstützen, den seit 1996 amtierenden Parteivorsitzenden zu stürzen. Bereits 2009 hatte eine Fraktion um Holger Apfel und Udo Pastörs versucht, Voigt als Parteivorsitzenden der NPD abzulösen. Zunächst hatte man hierzu Andreas Molau ins Rennen geschickt, welcher allerdings nie zur Wahl antreten sollte, sondern seine Kandidatur wieder zurückzog. Stattdessen versuchte 2009 Pastörs, Vorsitzender der NPD-Landtagsfraktion in Mecklenburg-Vorpommern, mit Unterstützung von Apfel an die Spitze der Partei zu gelangen. Auch dies misslang. Rund zwei Jahre später tritt Holger Apfel nun selbst gegen Voigt an, um durch einen Wechsel an der Spitze der Partei „endlich wirkungsvoll die deutsche Politik [zu] beeinflussen“.
→ weiter lesenIm Sommer des letzten Jahres wurde vom Institut „TNS Forschung“ eine Art Ranking zu den „moralischen Autoritäten“ in Deutschland auf Basis einer repräsentativen Befragung zusammengestellt. Auf den ersten Platz kam – wie sollte es anders sein – Helmut Schmidt. Und auch jetzt ist wieder Schmidt Autorität und Orakel der Nation zugleich, da er Kanzlerkandidaten salbt. Seit Jahren hat Schmidt sich auf jede Zigarette die Aura des letzten Bundeskanzlers der Bundesrepublik gestiftet, der bei allen Widrigkeiten stetig und beharrlich, ohne populistische Neigungen, politische Führung ausübte und jederzeit umsichtig die internationale Dimension politischer Vorgänge strategisch im Auge behielt. Mittlerweile hat sich dieses Schmidt-Bild verblüffend stabil im kollektiven Gedächtnis der Deutschen festgesetzt. Kaum jemand scheint sich merkwürdigerweise daran zu erinnern, wie düster und depressiv die gesellschaftliche Befindlichkeit in den Jahren 1980 bis 1982, in den letzten Jahren der Kanzlerschaft Schmidts, wirklich war.
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Die Entwicklung der Palikot-Bewegung (Ruch Palikota) zur drittstärksten politischen Partei ist die größte Überraschung der diesjährigen Wahlen in Polen. Zum ersten Mal nach 1989 schaffte eine offen antiklerikale Gruppierung den Einzug ins Parlament. Obwohl der Wahlklub des steinreichen Polit-Dandys Janusz Palikot bei Umfragen noch im Juli zwischen ein bis vier Prozent lavierte, konnte er am 9. Oktober 10,02 Prozent der Stimmen auf sich vereinen. Da der Stimmanteil jedoch bei den Jungwählern bis 25 und den jungen Erwachsenen bis 39 Jahren besonders hoch war, gilt sein Wahlerfolg als ein Generationsphänomen.
→ weiter lesen[analysiert]: Sören Messinger über die politische Karriere von Sahra Wagenknecht
Seit die PDS und die WASG zur LINKEN fusioniert sind, hat Sahra Wagenknecht einen steilen Aufstieg in der Parteihierarchie erlebt. Sie ist eine der Vizevorsitzenden geworden und ist nun im Gespräch für den Fraktionsvorsitz, den sie sich mit Gregor Gysi teilen soll. Zu Zeiten der PDS hatte sie sich jeden Posten und jeden Listenplatz schwer erkämpfen müssen und war mehr als einmal am Widerstand der Parteiführung, und damit nicht zuletzt an Gregor Gysi, gescheitert.
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[Göttinger Köpfe]: Robert Lorenz über den Physiker Carl Friedrich von WeizsäckerDie Unstetigkeit Carl Friedrich von Weizsäckers hatte eine entscheidende Quelle: seinen Ehrgeiz. Jahrzehntelang befand sich der Sprössling einer der bedeutendsten Familien Deutschlands auf der Suche nach einem Metier, in dem er eine Spitzenposition einnehmen, gewissermaßen zum Star avancieren konnte. Es sollte allerdings bis in die 1970er Jahre dauern, als er endlich eine geeignete Nische fand und besetzte. Alles begann in „Piklön“. So nannte von Weizsäcker eine komplexe Fantasiewelt, die er im zarten Knabenalter kreiert hatte, um dort mit Freunden und Familienmitgliedern Politik zu spielen. So gesehen erscheint es geradezu logisch, dass die Welt ihn als „Friedensphilosophen“ kannte, als er im April 2007 im Alter von 94 Jahren verstarb.
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