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Irrtümer vorbehalten

Franz Walter | 24. April 2017

[kommentiert]: Franz Walter über das schwierige Verhältnis von Wissenschaft und Fakten

Das aufgeklärte Deutschland – dem „die deutliche Unterscheidung von gesicherten Wissen und persönlicher Meinung nicht gleichgültig ist“ – macht mobil für den Primat von Fakten und marschierte am Wochenende gegen „alternative Fakten“, durch welche, wie es im Aufruf hieß, „wissenschaftlich fundierten Tatsachen geleugnet, relativiert“ würden.[1] Der Antrieb für dieses Engagement ist aufgrund der antiliberalen Konterreformen auch in gewichtigen Teilen der demokratisch-parlamentarischen Welt und die neue Geringschätzung für freie Forschungen unzweifelhaft richtig und fraglos löblich. Und doch konsterniert der bei einigen Protagonisten mitschwingende nahezu sakrale Glauben an den uneingeschränkt zu akzeptierenden Anspruch auf Objektivität im professionellen Wissenschaftsbetrieb. Gerade in Deutschland hat man erleben können, welche zivilisationszerstörerischen Versuche in wissenschaftlichen Experimenten (nicht zuletzt der Medizin) unternommen wurden und sich dann als Leitwissenschaften (etwa die nicht erst 1933 etablierten Lehrstühle zur „Rassenhygiene“, deren Inhaber nach 1945 höchst reputierlich als ordentliche Professoren für Humangenetik ihre Arbeit auch deutschlandweit und forschungsgemeinschaftlich fortsetzten) gesellschaftlich und politisch barbarisch auswirkten. Hier hätte ein wenig Distanz und couragierte, humanitätsbasierte „persönliche Meinung“ außerordentlich gut getan. Zumindest wäre vor und bei künftigen Märschen auch über solche Deformationen zu reden. Die Überzeugungskraft der Aktionen würde sich wohl mehren.

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Teil der grünen Geschichte

Daniela Kallinich | 12. November 2014

[präsentiert]: Interview mit den Herausgebern der Studie über die Pädophilie-Debatte

Cover_Guenenstudie_2014_grossIm Wahljahr 2013 entflammte in Deutschland eine heftige Debatte über Pädophilie und Pädosexualität. In deren Zentrum stand die grüne Partei, in der in den 1980er Jahren Forderungen nach einer Legalisierung von pädosexuellen Kontakten debattiert und beschlossen wurden. Diese aus heutiger politischer Sicht unverständliche Forderung war indes weder nur basisdemokratisches Kuriosum noch bloßer Zufall. Die vom Institut für Demokratieforschung durchgeführte Studie zum Thema zeigt, dass bereits ab den 1970er Jahren ein vielfältiger gesellschaftlicher Diskurs über eine Enttabuisierung von Pädophilie wie die Legalisierung von Pädosexualität stattgefunden hat. Im Interview fassen die Herausgeber der Studie, Franz Walter, Stephan Klecha und Alexander Hensel, zentrale Ergebnisse zusammen.

Professor Walter, Sie haben auf Bitten des Bundesvorstands von Bündnis 90/die Grünen die damalige Debatte über Pädophilie bei den Grünen erforscht. Wie ist es dazu gekommen?

Franz Walter: Die Debatte kam im Frühjahr 2013 auf: Bundesverfassungsgerichtspräsident Andreas Voßkuhle weigerte sich, als Laudator für Daniel Cohn-Bendit zu fungieren. Der Grund war ein Buch aus der Mitte der 1970er Jahre, in dem Cohn-Bendit über seine Zeit als Kindergärtner geschrieben hatte, dass Kinder ihm damals in die Hose gefasst hätten, wobei er ihnen keine Grenzen gesetzt habe. Die Auseinandersetzung um das Buch war keineswegs neu und Cohn-Bendit behauptete seit längerem, es habe sich um Fiktion gehandelt. Im Zuge der neuerlichen Debatte um den Text kam die Frage auf, ob beziehungsweise in welchem Umfang im alternativen Milieu insgesamt eine Offenheit oder gar Billigung gegenüber Pädophilie geherrscht habe. Dies lenkte natürlich die Aufmerksamkeit auf die Grünen, welche dieses Milieu parteipolitisch repräsentierten. Die Grünen wiesen diesen Vorwurf zunächst entschieden zurück, mussten aber nach und nach einräumen, dass es in ihrer Partei solche Forderungen gegeben hatte und dass gar Beschlüsse gefasst wurden. Aus diesem Grund bat der Parteivorstand von Bündnis 90/Die Grünen das Göttinger Institut für Demokratieforschung, die Historie zu diesem Punkt aufarbeiten.

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Sprachlos in Hildesheim?

Christopher Schmitz | 29. Oktober 2014

[kommentiert]: Christopher Schmitz berichtet von der Hildesheimer Tagung über sexuelle Revolution und Kindheit.

Ende September fanden sich an der Universität Hildesheim Expertinnen und Experten für ein schwieriges Forschungsfeld ein. Die Tagung „Zwischen notwendiger Entgrenzung und problematischer Enttabuisierung. Sexuelle Revolution und Kindheit im historischen Kontext der 1970er/80er“ (Tagungsprogramm) war, wie die Erziehungswissenschaftlerin und Mitveranstalterin Prof. Dr. Meike Sophia Baader in ihrem Grußwort hervorhob, direkt von einer im Frühjahr 2013 gestarteten gesellschaftlichen Debatte inspiriert: Damals hatte sich, anlässlich der geplanten Verleihung des Theodor-Heuss-Preises an Daniel Cohn-Bendit, ein Streit über die pädophile Programmatik der Grünen in den 1980er Jahren entzündet, der den Bundestagswahlkampf durchziehen sollte. Hieraus leitet sich zugleich eine der Kernfragen der Tagung ab: Wie kann es angesichts der in jüngerer Zeit publik gewordenen massenhaften Vorfälle sexualisierter Gewalt in ganz Europa sein, dass sich die Debatte in Deutschland lediglich auf die Schuld des links-alternativen Milieus und ihres parteipolitischen Repräsentationsorgans, der Grünen, konzentriert?

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Edathy – oder: Was passt zur Sozialdemokratie?

Franz Walter | 26. Februar 2014

[kommentiert]: Franz Walter zur Edathy-Kontroverse in der SPD.

Gegen Sebastian Edathy läuft ein Parteiordnungsverfahren. Das Verhalten des früheren Bundestagsabgeordneten der SPD passe nicht zur Sozialdemokratischen Partei Deutschlands, begründete Parteichef Sigmar Gabriel die Initiative. Ohne Zweifel kann Gabriel sich mit seinem Verdikt auf den legendären Tribun seiner Partei in den Jahren des Kaiserreichs, August Bebel, berufen. Bebel hatte in seinen Memoiren über sexuelle Vorkommnisse Anfang der 1860er Jahre berichtet und deutliche Worte des Abscheus bekundet. Im April 1862 soll ein junger Mann von 28 Jahren im Mannheimer Schlossgarten ein „Sittenvergehen“ an einem unter 14 Jahre alten Jungen begangen haben, wie zwei Damen gegenüber der Polizei zu Protokoll gaben. Der Knabe selbst war von der Staatsmacht nicht mehr aufzufinden. Doch andere Jungen bestätigten, dass der verdächtige Mann sich ihnen mit ähnlichen Ansinnen genähert hatte. Eine Gefängnisstrafe wurde verhängt. August Bebel rechtfertigte das Urteil der Justiz: „Man mag über die gleichgeschlechtliche Liebe noch so frei denken, so war es unter allen Umständen eine Ehrlosigkeit, die Befriedigung der selben am hellen Tage in einem öffentlichen Tag und an einem schulpflichtigen Knaben zu versuchen.“

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