Noch vor wenigen Jahren erzählte es jeder Politologe und politische Leitartikler: In Zeiten der Personalisierung und Fernsehbilder komme es auf Ausstrahlung und Charisma politischer Anführer, nicht auf Konzepte oder Programme politischer Parteien an. Daher reüssierte eben Gerhard Schröder und nicht Rudolf Scharping. Deshalb obsiegte der Talk-Show-Mann Guido Westerwelle über den spröden Wolfgang Gerhard. Die Grünen scharten sich hinter Joschka Fischer. Und darum begeisterten sich etwa die Briten zunächst für Tony Blair statt für John Major, die Amerikaner für Bill Clinton anstelle von Bob Dole. Doch sind die Gesänge über die politischen Helden und Strahlemänner vernehmlich abgeklungen.
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Als im Januar 1831 die sogenannte Göttinger Revolution ausbrach, war Friedrich Christoph Dahlmann, der spätere Anführer der Göttinger Sieben, einer der wenigen Professoren, die vehement für eine sofortige Niederschlagung des Aufstandes und die strenge Bestrafung seiner Anführer plädierten. Nachdem sich Dahlmann in der Reichshauptstadt Hannover energisch dafür eingesetzt hatte, wurde die von Studierenden und Privatdozenten getragene achttägige Rebellion, in deren Verlauf die „Republik Göttingen“ ausgerufen wurde, mit militärischer Gewalt aufgelöst. Während knapp anderthalb Jahre nach diesen Ereignissen eine große Mehrheit der Abgeordneten in der hannoverschen Ständekammer, der Dahlmann als Deputierter seiner Universität ebenfalls angehörte, für eine Amnestie der zu langjährigen Haftstrafen verurteilten Aufständischen votierte, sprach sich der Göttinger Politikprofessor gegen eine Begnadigung dieser „beklagenswerth Verirrten“ aus. Der liberale Politiker Dahlmann – das wurde in den Wirrungen des Januar-Aufstandes überdeutlich – war ein Mann vorsichtiger Reformen und ein Gegner der gewaltsamen Revolution.
→ weiter lesenEs wäre auch seine Revolution gewesen. Aber als sich die Bevölkerung in Nordafrika und im Nahen Osten 2011 gegen ihre Unterdrücker erhob, war Mohammed al-Jabri bereits ein Jahr verstorben. Der marokkanische Philosoph wurde vor allem durch sein Hauptwerk „Die Kritik der arabischen Vernunft“[1], das zwischen 1984 und 2001 in insgesamt vier Bänden erschien, zu einem der bedeutendsten Intellektuellen der arabischen Welt. Zwischen Beirut und Casablanca führte die Lektüre seiner Schriften zu hitzigen Diskussionen – vor allem bei der Jugend.[2]
→ weiter lesenIm Sommer des letzten Jahres wurde vom Institut „TNS Forschung“ eine Art Ranking zu den „moralischen Autoritäten“ in Deutschland auf Basis einer repräsentativen Befragung zusammengestellt. Auf den ersten Platz kam – wie sollte es anders sein – Helmut Schmidt. Und auch jetzt ist wieder Schmidt Autorität und Orakel der Nation zugleich, da er Kanzlerkandidaten salbt. Seit Jahren hat Schmidt sich auf jede Zigarette die Aura des letzten Bundeskanzlers der Bundesrepublik gestiftet, der bei allen Widrigkeiten stetig und beharrlich, ohne populistische Neigungen, politische Führung ausübte und jederzeit umsichtig die internationale Dimension politischer Vorgänge strategisch im Auge behielt. Mittlerweile hat sich dieses Schmidt-Bild verblüffend stabil im kollektiven Gedächtnis der Deutschen festgesetzt. Kaum jemand scheint sich merkwürdigerweise daran zu erinnern, wie düster und depressiv die gesellschaftliche Befindlichkeit in den Jahren 1980 bis 1982, in den letzten Jahren der Kanzlerschaft Schmidts, wirklich war.
→ weiter lesenDas Gros der Schriftsteller wie Dichter, das den Nationalsozialismus und den Zweiten Weltkrieg überlebt hatte und nach 1945/49 im Westen Deutschlands zu Hause war, hielt sich anfangs von aktiver Parteipolitik sorgfältig fern. Politische Ideologien hatten, im Gegensatz zu den weltanschaulich überhitzten Weimarer Jahren, kein Renommee mehr bei den Mandarins der frühen bundesdeutschen Gesellschaft. Anfang der 1960er Jahre jedoch mehrte sich unter ihnen der Unmut über die Kanzlerschaft des Alten aus Rhöndorf, häuften sich die kritischen Intellektuellen-Pamphlete über dessen „restaurative Politik“. Und aus dem demonstrativen Abstand zur rheinisch-katholisch dominierten Staatspartei ergab sich sukzessive eine größere Nähe zu den bis dahin politisch notorisch Unterlegenen, zu den Sozialdemokraten mithin.
Soeben erschien die erste Ausgabe von INDES, der neu gegründeten Zeitschrift für Politik und Gesellschaft, herausgegeben von Franz Walter, im Verlag Vandenhoeck & Ruprecht. Im Video erklärt die INDES-Redaktion ihre Ziele und Ansprüche und gibt einen Einblick in das erste Heft mit dem Titel “Wo sind die Vordenker?”. Ausführliche Informationen sowie die Online-Ausgabe der ersten INDES-Nummer finden sich hier.
→ weiter lesenMusikvideo: Adobe Flash Player (Version 9 oder höher) wird benötigt um dieses Musikvideo abzuspielen. Die aktuellste Version steht hier zum herunterladen bereit. Außerdem muss JavaScript in Ihrem Browser aktiviert sein.
Der Däne und Nobelpreisträger Niels Bohr (1885-1962) und der Amerikaner Julius Robert Oppenheimer (1904-1967) waren nicht nur brillante Vertreter ihres Fachs, der theoretischen Physik. Für ihre Zeitgenossen und Kollegen waren sie mehr: Meister, Gurus, Heilande. Daraus speiste sich eine Autorität, die nicht nur in fachlichen Spezialdiskussionen galt, sondern auch im Stande war, politisches Handeln zu lenken. Ihren Status leiteten die Physiker aus diversen Ressourcen ab. Zuallererst fiel schon ihre außergewöhnliche Erscheinung ins Auge, womit sie sich von anderen Fachkollegen deutlich abhoben.
→ weiter lesen[kommentiert]: Philipp Kufferath über die jüngste Tagung zum Thema „Intellektuelle und neue Medien“ am Essener KWI
Das Kulturwissenschaftliche Institut (KWI) in Essen veranstaltete im Februar – gemeinsam mit dem Deutschen Historischen Institut Paris – eine zweitägige Tagung über „Öffentlichkeit, Medien und Politik – Intellektuelle Debatten und Wissenschaft im Zeitalter digitaler Kommunikation“. Der erste Tag widemte sich der Bestimmung des intellektuellen Feldes der Gegenwart, am zweiten Tag standen Digitalisierung und neue Medien im Mittelpunkt (das Programm findet sich hier). In seiner Einführung wies Gastgeber Claus Leggewie auf die Vielzahl von Verlautbarungen zum Verschwinden der Intellektuellen hin, betonte aber zugleich den akuten Bedarf an empirisch angelegten Untersuchungen über das komplexe Verhältnis von Medien, Öffentlichkeit und Intellektuellen. Auch die digitale Wissenschaftskommunikation – innerhalb der Forschung und mit der Öffentlichkeit – wecke Bedarf nach wissenschaftlicher Untersuchung.
→ weiter lesenJean-Paul Sartre hat ihn abgelehnt, den Nobelpreis. Dies ist außergewöhnlich und verstörend zugleich. Die Franzosen zürnten, verstanden es nicht und hielten es ihm vor. Er habe Frankreich blamiert. Mit dem Geld hätte er zumindest eine südamerikanische Guerilla-Truppe unterstützen können, schrieben die bürgerlichen Zeitungen. Sartres eigene, öffentliche Erklärung blieb ebenso dürftig wie die bescholtene Kritik an seiner Entscheidung. Er habe das schwedische Komitee nicht in Verlegenheit bringen wollen, indem er das Geld für unorthodoxe Zwecke einsetze. Deshalb habe er schon im Vorfeld die Annahme der Ehrung ausgeschlossen. Außerdem stellte er klar:
→ weiter lesen„Ein Autor, der politisch, sozial oder literarisch Stellung bezieht, darf das nur mit dem geschriebenen Wort tun. Alle Auszeichnungen, die er erhält, setzen seine Leser einem Druck aus … Es ist nicht das gleiche, ob ich mit Jean -Paul Sartre unterzeichne oder mit Nobelpreisträger Jean-Paul Sartre.” Und: “Ich bin nicht in der Lage, irgendwelche Auszeichnungen, die von bedeutenden Kulturorganisationen des Ostens oder des Westens verliehen werden, anzunehmen, obwohl ich ihre Existenz sehr gut verstehe… Ich würde auch den Lenin-Preis ablehnen.“