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„Ebenso typisch wie verlogen“ – zum Tod von Hans Mommsen

Katharina Trittel | 19. November 2015

[kommentiert]: Katharina Trittel über das Werk von Hans Mommsen und seine neuartige Aktualität im Spiegel der Pegida-Bewegung.

Am 5. November 2015 verstarb Hans Mommsen, einer der bedeutendsten Zeithistoriker der Nachkriegszeit. Am 9. November 2015, dem Tag der „Reichspogromnacht“, erklärte Pegida in Dresden den „deutschen Schuldkomplex der 12-jährigen Naziherrschaft offiziell für beendet“[1]. Warum gehören dieser Donnerstag und dieser Montag, Hans Mommsen und Tatjana Festerling in diesem Fall zusammen?

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Max Webers Volksparteimaschine

Oliver D'Antonio | 6. Januar 2015

[analysiert]: Oliver D’Antonio über Max Webers Parteienbegriff.

Im Juni 1920 scheiterte der Reichskanzler und Sozialdemokrat Hermann Müller an den drastischen Stimmenverlusten seiner Partei bei der ersten Reichstagswahl der Weimarer Republik. Er war bereits der dritte Reichskanzler der noch jungen Republik. Seine Koalition aus SPD, Zentrum und DDP hatte Müller bereits zuvor nur mühsam zusammenhalten können. Es folgten Jahre der politischen Kämpfe zwischen Parteien, die „auf die einmal mobilisierten Gesinnungsgemeinschaften fixiert“ blieben und damit „Konflikte ritualisiert und verewigt [hatten], die den Demokratisierungsprozeß subkulturell überformten und hemmten“.[1] Das Scheitern des ideologisch verhärteten Weimarer Parteiensystems gehört ebenso zum Grundbestand historischer Erkenntnis wie die Überwindung dieses Zustands in den Jahren nach 1945 durch das Entstehen der schichtübergreifenden, entideologisierten Volksparteien, welche das fragmentierte Parteiensystem rasch konsolidierten.

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Ein undogmatischer Idealist

Matthias Micus | 31. Juli 2014

[analysiert]: Matthias Micus über den französischen Politiker Jean Jaurès.

Es war heute vor hundert Jahren, am Abend eines langen Arbeitstages, den er wie üblich zunächst zu Hause in seiner Schreibstube im Pariser Vorort Passy, ab Mittag dann im Parlamentsgebäude und anschließend in den Redaktionsräumen der von ihm geleiteten Zeitschrift L‘humanité verbracht hatte und den er – wie ebenfalls nicht ungewöhnlich – mit einem Essen mit Redaktionskollegen im „Café du Croissant“ beenden wollte, als die Schüsse fielen. Das Opfer saß am Tisch mit dem Rücken zum geöffneten Fenster, der Täter, ein 29-jähriges Mitglied der nationalistischen „Liga der jungen Freunde Elsaß-Lothringen“, hatte auf der Straße schon auf ihn gewartet. Er feuerte zwei Schüsse durch das Fenster ab; der erste verfehlte sein Ziel, der zweite traf tödlich. Tatmotiv: Bellizismus. Der Kriegsgegner, der da erschossen wurde, war Jean Jaurès, der parlamentarische Führer der französischen Sozialisten. Doch wer war eigentlich Jean Jaurès? Warum ihm gedenken, den doch mutmaßlich kaum noch jemand kennt, dessen Bedeutung so groß insofern kaum gewesen sein kann?

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Der große Verweigerer: Herbert Marcuse

Franz Walter | 28. April 2014

[analysiert]: Franz Walter über den Chef-Theoretiker der 68er.

Er galt als der Star, genauer: als der große Ideologe der „68er“. Herbert Marcuse, geboren 1898 in Berlin, jüdischer Herkunft wie so viele linke Intellektuelle im Deutschland des ersten Drittels im 20. Jahrhundert. In den frühen 1920er Jahren wurde er in Literaturgeschichte promoviert; Ende des Jahrzehnts zeigte er sich fasziniert von Martin Heidegger in Freiburg. Ehe die Weimarer Republik ganz zerbrach, hatte sich Marcuse des Frankfurter Instituts für Sozialforschung zugewandt, geriet in einen über Jahrzehnte währenden, wenngleich spannungsreichen Kontakt mit Max Horkheimer und Theodor W. Adorno auf der gemeinsamen Basis der Kritischen Theorie. Der Nationalsozialismus zwang ihn zur Emigration in die Vereinigten Staaten, wo er nach dem Zweiten Weltkrieg Professuren für Politische Wissenschaft erhielt und allerlei Schriften verfasste, die allerdings lange kaum jemand wahrnahm. Vor allem in Deutschland kannten die universitären Fachforscher so gut wie nichts von oder über Marcuse. Dann erschien 1964 dessen Buch „One-Dimensional Man“. Und Marcuse avancierte damit schlagartig, also bereits vier Jahre vor 1968, zum Meisterdenker der „kritischen Jugend“ an den Universitäten der westlichen Welt.

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„Wir treiben sachliche und keine Eitelkeitspolitik.“ [1]

Simon Beste | 22. April 2014

[gastbeitrag]: Simon Beste über Vernunft und Emotion im Werk von Max Weber.

Präzise, fast juristische Formulierungen, unaufgeregte Analyse und mit Emphase auf politische Rationalität – so wird Max Webers Soziologie in Lehrbüchern häufig umschrieben. Und tatsächlich spricht Einiges für eine solche Interpretation. Das für Weber scheinbar so typische vernunftfokussierte Politikverständnis seiner Modernisierungstheorie knüpft nahtlos an zeitgenössische Diskurse an, sind doch die „Kräfte des Faktischen“ (z.B. hinsichtlich ökonomischer Zwänge [2]) und Ideologielosigkeit zu einem Mantra der Politik des 21. Jahrhunderts geworden. [3]  Doch ist die Einschätzung über Webers „Nüchternheitsfokus“ wirklich stimmig? Werden wir dem komplexen Werk mit dieser doch recht simplen Subsummierung gerecht? Im Folgenden soll an einigen wenigen Kategorien aus Webers mikro- und makrosoziologischen Analysekategorien gezeigt werden, dass in seinem Werk Anhaltspunkte für eine mehrdeutige Perspektive auftauchen, die zwischen Rationalität und Affekt, zwischen Vernunft und Emotion oszilliert.

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Mehr Spielplätze für Merkel und Co.?

Johanna Klatt | 20. März 2014

[debattiert]: Johanna Klatt über die Voraussetzungen von Visionen.

Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen“ – den meisten politisch Interessierten ist diese Sentenz des Altbundeskanzlers Helmut Schmidt wahrscheinlich geläufig. Der Ratschlag, einen Arzt aufzusuchen, suggeriert dabei zwei Unterstellungen:

  1. Ich bin oder fühle mich krank.
  2. Ich habe die Intention, dieses Nichtfunktionieren zu beheben, also wieder zu genesen.

Schmidts Ratschlag impliziert damit das Verständnis von Visionen [1] als Defekte, als ein maroder Zustand. Mag diese Einschätzung als pathologische Diagnose auf das ein oder andere Individuum zutreffen, so bezog der Altbundeskanzler sie auf den Politikbetrieb im Allgemeinen, der seinem Verständnis nach besser nicht herum zu spekulieren, sondern handlungsorientiert und mit einem Fokus auf die Gegenwart zu agieren habe.

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Peter Glotz – Das Dilemma des Intellektuellen

Matthias Micus | 4. März 2014

[analysiert]: Matthias Micus über Stärken und Probleme politischer Vordenker.

„Er wird fehlen“. So lautete eine vielgebrauchte Pathosformel in den Nachrufen von Parteifreunden, Politikerkollegen, Journalisten und Wissenschaftsvertretern auf den Ende August 2005 mit 66 Jahren verstorbenen ehemaligen Bundesgeschäftsführer der SPD, Peter Glotz. 1939 in der heutigen Tschechischen Republik geboren, war der promovierte Zeitungswissenschaftler sowie kurzzeitige Konrektor der Universität München und Geschäftsführer eines Forschungsinstituts in der Sozialdemokratie ein Solitär, ein Tausendsassa und Grenzgänger zwischen Wirtschaft, Wissenschaft und Politik; jahrelang galt er als der Parteivordenker vom Dienst schlechthin. Am Donnerstag, dem 6. März, hätte er seinen 75. Geburtstag gefeiert.

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Politische Kritik für Fortgeschrittene

Klaudia Hanisch | 13. Februar 2013

[nachgefragt]: Klaudia Hanisch über die polnische Formation Krytyka Polityczna.

Klaudia, Du hast das linke polnische Netzwerk Krytyka Polityczna (Politische Kritik) untersucht. Wie bist du darauf gekommen?

Mein Ausgangspunkt war die Beobachtung, dass trotz einer enormen sozialen Ausdifferenzierung im ostmitteleuropäischen Raum eine Linke erstaunlich unterentwickelt geblieben ist. In Polen und Ungarn spielen diese Rolle postkommunistische Parteien, die – einmal an der Macht angelangt – eine Agenda verfolgten, die man eher als neoliberal bezeichnen könnte. In Tschechien wiederum haben die Kommunisten und die Sozialdemokraten den Ruf konservierender Klientel-Parteien der Beamten oder Rentner. Man muss zwar bemerken, dass auch in diesen Ländern viele kleine außerparlamentarische Gruppen entstehen, doch entfalten diese in der Regel keine Systemrelevanz. Krytyka Polityczna ist hier ein Sonderfall. Innerhalb von zehn Jahren wurde sie zu einem bedeutenden politischen Akteur in Polen.

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Der Quantenphysiker aus El Bokarebo

Severin Caspari | 29. Juni 2012

[Göttinger Köpfe]: Severin Caspari über den Kernphysiker Max Born.

„Klein und öde“[1] erschien Max Born die Stadt am Harzrand, in die es ihn 1904 als jungen Studenten verschlug. Göttingen, das klang für ihn so ähnlich wie Tübingen. Und umso enttäuschter war Born, im Atlas die Stadt im „trüben Norden“[2] nahe Hannover zu finden. Zweifellos war er Anderes, Großstädtisches gewohnt.

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Warum die Sozialwissenschaft Geschichten erzählen muss.

Miriam Zimmer | 20. Juni 2012

[kommentiert]: Miriam Zimmer kommentiert die Rolle von Erzählungen in der Wissenschaftssprache.

Die Sozialwissenschaften haben – wie alle anderen Bereiche der Forschung – das erklärte Ziel und den gesellschaftlichen Auftrag, die Wirklichkeit in sämtlichen Aspekten zu beobachten, beschreiben und erklären. Dafür bekommen sie zu Recht umfangreiche öffentliche Gelder zur Verfügung gestellt. Im Gegenzug wird jedoch eine doppelte Erwartung an sie herangetragen: Einerseits soll sozialwissenschaftliche Forschung Expertisen entwickeln, um mit nationalen und internationalen sozialen Herausforderungen besser umgehen zu können. Wissenschaftlerinnen sitzen in Expertenkomissionen und beraten Politik, Wirtschaft und andere gesellschaftliche Akteure. Andererseits sollen die sozialwissenschaftlichen Disziplinen auch noch eine zweite Funktion erfüllen, und zwar die Bildung und Aufklärung. Damit ist nicht primär die Ausbildung der Studierenden an den Universitäten zu neuen Sozialwissenschaftlerinnen gemeint, sondern vielmehr die breite Aufklärung der zivilen Öffentlichkeit. Diese wichtige Rolle wird  jedoch leider oft geringgeschätzt oder gar vergessen.

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