Das Zauberwort heißt Reform. In Zeiten sinkender Mitgliederzahlen und Organisationsgrade glaubten deutsche, österreichische und niederländische Gewerkschaften, sich mit Reformen aus ihrer misslichen Lage befreien und an die erfolgreiche Vergangenheit anknüpfen zu können. Doch dem war nicht so. Allein schon deshalb, weil die meisten Reformen kaum mehr als Rhetorik blieben, über das Stadium von verheißungsvollen Ankündigungen nicht hinauskamen. Ob der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) und seine Mitglieder, der Österreichische Gewerkschaftsbund (ÖGB) oder der größte niederländische Gewerkschaftsbund FNV: Zumeist sollten als erstes die Organisationsstrukturen modernisiert werden. Doch was genau dies eigentlich bringen sollte, wusste ganz oft niemand so recht zu sagen. Sicher, was lag näher, als mit der Erneuerung bei dem inneren Aufbau der Gewerkschaften zu beginnen?
→ weiter lesenEs war wohl die größte Gewerkschaftsparty, die Deutschland je gesehen hat. Vor zehn Jahren, vom 19. bis 21. März 2001, fand in Berlin der Gründungskongress der Vereinten Dienstleistungsgewerkschaft, kurz Verdi, statt. Fünf Einzelverbände, die DGB-Gewerkschaften Öffentliche Dienste, Transport und Verkehr (ÖTV), die Gewerkschaft Handel, Banken, Versicherungen (HBV), die IG Medien und die Deutsche Postgewerkschaft (DPG) sowie die vormals nicht zum DGB gehörige Deutsche Angestellten-Gewerkschaft (DAG), hatten die Fusion in den Tagen zuvor beschlossen. Man startete selbstbewusst ins neue Jahrzehnt, im festen Glauben, die erste Supergewerkschaft im Dienstleistungssektor, nun die größte Gewerkschaft der Welt, könne diesen aufmischen. Auch war man stolz, die Abspaltung der Angestellten in der DAG nach fast fünf Jahrzehnten überwunden zu haben. Zwei strategische Ziele verfolgte die neue Multibranchengewerkschaft: Zum einen wollte sie den tarifpolitisch schwierigen tertiären Sektor integrieren, um den Arbeitnehmern endlich auf Augenhöhe zu begegnen. Zum anderen wollte sie als schlagkräftige Organisation dem Gewerkschaftslager wieder zu politischem Einfluss verhelfen.
→ weiter lesenVom Zauber eines Neubeginns hatte es wenig, als sich Anfang Dezember 2010 in Fulda die neue Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft, kurz EVG, durch eine Fusion von Transnet und der Gewerkschaft deutscher Bundesbahnbeamten und Anwärter (GDBA) gründete. Anders als zehn Jahre zuvor, als das Projekt der Vereinigten Dienstleistungsgewerkschaft (Ver.di) in großer Euphorie aus der Taufe gehoben wurde, erscheint der Zusammenschluss der Bahngewerkschaften eher als ein verzweifelter Schritt, das eigene Überleben zu sichern. Schließlich erlebte man mit Schrecken, wie ver.di in ihren ersten acht Jahren rund 700.000 Mitglieder verlor. Das Ansinnen der EVG scheint somit weit defensiver und bescheidener.
→ weiter lesenGewerkschaften werden notorisch in einer Krise gewähnt – sowohl in Österreich als auch in Deutschland. ÖGB und DGB, die jeweiligen Gewerkschaftsbünde dieser Länder, waren zwischen den 1950er und 1980er Jahren kraftstrotzende Organisationen mit vielen Mitgliedern, viel Geld, viel Einfluss. Einen solchen Eindruck konnte man jedenfalls anhand der hohen Organisationsgrade, Mitgliederzahlen und Vermögenswerten österreichischer und deutscher Gewerkschaften gewinnen. Anschließend widerfuhr ihnen jedoch ein langwieriger Niedergang, litten sie nun chronisch unter dem Verlust von Mitgliedern, Repräsentativität, Geld und Einfluss. Doch der Maßstab, mit dem die heutige Krise konstatiert wird, ist ein hoher.
→ weiter lesen[präsentiert]: Robert Lorenz beschäftigt sich im Rahmen des Projektes “Diesseits von Versäulung, Lagern und sozialmoralischen Milieus” mit den Gewerkschaften. Anhand seiner letzten Vorsitzenden zeichnet er die jüngere Geschichte des Österreichischen Gewerkschaftsbundes nach.
Die Geschichte des Österreichischen Gewerkschaftsbundes (ÖGB) ist lang. Doch lässt sie sich gut entlang der ÖGB-Präsidenten erzählen, personifizierten diese doch seit den 1980er Jahren erstaunlich treffend den jeweiligen Zustand ihrer Organisation.
Der letzte Prolet ohne Penthouse und Pool: Anton Benya
Alles begann – oder endete – mit Anton Benya. Der inzwischen legendär gewordene Mann mit dem „Tartarenschädel“ war ein proletarischer Selfmademan, der sich vom gelernten Mechaniker zu einem der mächtigsten Männer Österreichs emporgearbeitet hatte.
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