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Cyborg-Manifest: „Nicht nur Gott ist tot, auch die Göttin!“

Jöran Klatt | 24. September 2015

Das politische Geschlecht

[kommentiert]: Jöran Klatt über das Cyborg-Manifest von Donna Haraway von 1985

Einst funktionierte der Feminismus als große Erzählung: Angetreten, um Ungerechtigkeit zwischen den Geschlechtern zu beseitigen, verfügte die Bewegung über Ursprung, Ziele, Telos, HeldInnen sowie AntagonistInnen und passte damit gut ins 20. Jahrhundert, oder besser: in die Moderne. Auch begrifflich war der Feminismus eng verknüpft mit Assoziationen von Fortschritt, Aufklärung und Emanzipation. Doch wie alle großen Erzählungen hadert auch diese mit ihrer postmodernen Kondition. Feminismus steht mittlerweile infrage, ist unsicher und komplizierter geworden. Eine Diagnose, die nicht neu ist; doch wird die Tatsache, dass es im Feminismus Friktionen, VordenkerInnen, Streitschriften und radikal konträre Positionen gab und gibt, zuweilen von einer harten Auseinandersetzung überdeckt, die diese Schule nicht selten als Existenzfrage führen muss. Ein besonderes Beispiel, das sich sogar selbst als „Manifest“ bezeichnet, legte vor dreißig Jahren die Biologin Donna Haraway mit ihrem Essay „A Cyborg Manifesto“ vor. Dieser Text aus dem Jahr 1985 erscheint auch heute noch ebenso scharfsichtig wie provokant.

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Hochkonjunktur des Antifeminismus

Hannes Keune, Julian Schenke | 1. September 2015

Das politische Geschlecht

[kommentiert]: Hannes Keune und Julian Schenke über den tiefsitzenden Widerstand gegen die Emanzipation der Frau und seine gegenwärtigen Apologeten.

Antifeministische Positionen werden auch jenseits des nicht-öffentlichen Meinens präsenter. Ihre zunehmend öffentliche Artikulation befriedigt ein Bedürfnis. Diese zeigt sich an einer Reihe publizistischer Beiträge der letzten Jahre. Jüngst exponiert hat sich dabei Akif Pirinçci, der mit seinem erfolgreichen Buch „Deutschland von Sinnen: Der irre Kult um Frauen, Homosexuelle und Zuwanderer“ eine plakative Anklage der „Lügenpresse“ und der „grün-rot versifften Wichser“ (sic!) lancierte. Mit seiner konformistischen Rebellion gegen vermeintliche Tabus der Political Correctness verdient Pirinçci nicht nur gutes Geld, auch ist er neben Thilo Sarrazin, Udo Ulfkotte und anderen zu einem der wichtigsten „intellektuellen“ Vertreter des deutsch-konservativen Milieus geworden, das aus der bundesdeutschen Öffentlichkeit zunehmend verdrängt schien, in Gestalt der Alternative für Deutschland (AfD) und der Pegida-Demonstrationen zumindest derzeit eine gewisse Renaissance erlebt. Indem Pirinçci den Sexualforscher Heinz-Jürgen Voß als „geisteskranken und durchgeknallten Schwulen“, die Grünen als „Kindersexpartei“ oder die Therapeutin und Autorin Tanja Rahm als „ehemalige Nutte“ bezeichnet und ihre Person mit einem vermeintlich evolutionär bedingten Talent großer Gruppen von Frauen zur „Hurerei“ kurzschließt,[1] offenbaren sich seine frauenfeindlichen Assoziationsketten. Diese ähneln frappierend dem in der „männerrechtlichen“ Szene verbreiteten Duktus des verunsicherten Mannes, der sich als Opfer von „Feminat“ und „Gender-Wahnsinn“ stilisiert. Tatsächliche Geschlechterverhältnisse werden hier dreist und projektiv umgekehrt – das wirft die Frage nach der psychischen Funktion antifeministischer Argumentationsmuster auf.

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Wer will eine starre Geschlechterordnung?

Marcus Felix | 18. August 2015

Das politische Geschlecht

[Gastbeitrag]: Marcus Felix kommentiert die baden-württembergische Bildungsplan-Debatte

Ja, im Arbeitspapier des baden-württembergischen Bildungsplans taucht das Wort „Sex“ auf, und ja, wir haben noch immer ein Problem mit diesen drei Buchstaben. Schon deshalb, weil allein die Präsenz dieser Silbe in eben jenem Schriftstück ad hoc Protestwellen auslöste, die eine „Pornografisierung der Schule“ (Bernd Saur, Vorsitzender des Philologenverbandes Baden-Württemberg) und eine Bildung „unter dem Diktat des Regenbogens“ (eine Online-Petition des Realschullehrers und Evangelikalen Gabriel Stängle) anprangerten. Selten findet außerhalb des wissenschaftlichen Raums – und selbst in diesem auch nicht immer – ein unverkrampfter Dialog über die Frage statt, welche sexualpädagogischen Inhalte in der institutionellen Bildung zu verankern und zu vertreten sind. Sobald öffentlich über Geschlechterfragen und die Vielfalt menschlicher Sexualität gestritten wird, vollziehen sich die Diskussionen zumeist hinter vorgehaltener Hand oder mit erhobenem Zeigefinger und überwiegen darin Verunsachlichung, Dramatisierung und Vereinnahmung des Themas zugunsten eigener politischer Interessen. In solcher Weise geführte Debatten machen jedoch den Umgang einer Gesellschaft mit Sexualität sowie etablierte Sexual- und Geschlechtervorstellungen sichtbar. Indem über Sexualnormen gesprochen und diskutiert wird, indem sie bekämpft oder verteidigt werden, werden sie greifbar.

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