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Wie lange hält charismatischer Zauber?

Franz Walter | 19. April 2017

[kommentiert]: Franz Walter über den Typus des Charismatikers in der Demokratie

Was sagen uns die historischen Erfahrungen über den Typus in der Politik, der scheinbar ansatzlos viel Wirbel auslöst, die Augen seiner Anhänger und Fans zum Leuchten bringt, sie wie pubertierende Teenies akklamieren und jubeln lässt, der die Edelfedern in ihren Kommentaren beschwingt, die Demoskopen in Verblüffung versetzt? Damit Missverständnisse gar nicht erst entstehen: Wir reden im Folgenden von einem konstruierten Typus, nicht von einer konkreten individuellen Person, erst recht und bestimmt nicht von jenem Kandidaten, dem seine Partei gegenwärtig zu hundert Prozent folgt, ebenfalls nicht von dem Bewerber für das höchste Staatsamt im Nachbarland, der dort gerade die urbane Mitte entzückt – auch wenn diese Eingangsbemerkung die eine oder andere gedankliche Analogie bei der Lektüre des Stücks hier vermutlich nicht vollständig forträumen wird.

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Franz Josef Strauß: Meister der Manege

Robert Lorenz | 8. September 2015

[analysiert]: Robert Lorenz über das Außergewöhnliche an Franz Josef Strauß.

Schon damals, noch zu Lebzeiten, war er ein Monument der Berufspolitik. Schwere Gesichtszüge, der Hals darunter kaum erkennbar, eine Furche auf der Stirn: Als Franz Josef Strauß am 1. Oktober 1988 nach einem Besuch des Münchner Oktoberfests auf dem Weg zur Jagd zusammenbrach und zwei Tage später verstarb, war der damals 73-Jährige gezeichnet von einigen Jahrzehnten alltäglicher Arbeit für die Politik. Wie er wohl heute ausgesehen hätte, an seinem 100. Geburtstag am 6. September 2015? Schon physiognomisch gehörte Strauß spätestens seit den 1960er Jahren zu den auffälligsten Spitzenpolitikern der Bundesrepublik und war deshalb allein äußerlich eine Erscheinung, die man so schnell nicht vergisst. Doch auch sonst gilt: Strauß polarisierte und polarisiert noch immer, es gab und gibt Lager der Anhänger (manche sprechen von Jüngern) und der Gegner (manche sprechen von Feinden). Konsens scheint allein in der Wahrnehmung zu herrschen, dass Strauß eine ganz besondere, nahezu einzigartige Figur gewesen sei.

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Plebiszitärer Populist und Mirabeau der Sozialdemokratie

Franz Walter | 30. August 2014

[analysiert]: Franz Walter über den vor 150 Jahren verstorbenen Vater der Sozialdemokratie.

Porträt von Ferdinand Lassalle (Thomas Goller)Vor 150 Jahren, am 31. August 1864, starb, 39-jährig, der in der Parteigeschichte als Gründungspatron der Sozialdemokratie in Deutschland gefeierte und besungene Ferdinand Lassalle. Er stammte aus Breslau, wo er im April 1825 geboren wurde, als Sohn eines wohlhabenden Tuchhändlers. Der Name der Familie schrieb sich damals „Lassal“, was Sohn Ferdinand als junger Erwachsener mit 26 Jahren für sich veränderte und in Lassalle modifizierte – wohl auch, um weniger Assoziationen zur jüdischen Herkunft, die ihm unangenehm, zeitweise verhasst war, zu wecken. Ferdinand Lassalle wollte hoch hinaus, schon als Kind. Und sein Vater, der den Sohn früh bereits hätschelte, ja bewunderte, bestärkte ihn in seinem Ehrgeiz. Auch andere Ältere waren fasziniert, oft gar eingeschüchtert vom Temperament, vom Scharfsinn, von der unglaublich raschen Auffassungsgabe und oratorischen Virtuosität Lassalles. Alexander von Humboldt, die Geistesgröße in Berlin zur Mitte des 19. Jahrhunderts, sang adorierende Hymnen auf den jungen Genius. Heinrich Heine huldigte ihm – und fürchtete sich zugleich vor der hemmungslosen Egozentrik, dem skrupellosen Tatendrang Lassalles. Als „neuen Mirabeau“ feierte ihn der Dichter im Pariser Exil, als einen Geistestitanen und eine Kraftnatur, wie sie ihm noch nie zuvor begegnet sei. Aber in den frühen 1850er Jahren verdammte er ihn dann, wies ihn ab, da er Lassalles von Gesetz und Moral nicht gebremsten Methoden verabscheute. Aber das griff Lassalle nicht lange an. An Freundschaften hielt er nur solange fest, wie sie ihm nutzten, wie sich diejenigen, die sich eine Zeitlang als Freunde fühlten und fühlen durften, ihm unterwarfen.

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