Person des Jahres: Angela Merkel. So titelt diese Woche der Stern. Und er fragt: „Woher nimmt sie nur die Kraft?“ Versuchen auch wir eine Antwort. Bedienen wir uns einer der beliebten russischen Volkssagen, nämlich der, die von den Abenteuer des starken Wanja handelt. Der Kinder- und Jugendbauchautor Otfried Preußler hat eine eigene Version davon Ende der 1960er Jahre als Buch veröffentlicht. Der starke Wanja, so wird es erzählt, mied in seiner Jugend die schwere Feldarbeit. Stattdessen ruhte er sieben Jahre lang in der Bauernstube auf dem Ofen, nährte sich von Sonnenblumenkernen – und tat sonst rein gar nichts. Keiner seiner Brüder mochte ihn leiden. Verständlicherweise. Aber nach sieben Jahren der Muße stand Wanja vom Ofen auf, war ausgeruht und stark wie ein Bär. Er zog aus, bekämpfte die Bösen. Zum Schluss wurde er Zar im Land jenseits der Weißen Berge. Natürlich ist das eine ganz unrealistische Geschichte. Wir alle wissen schließlich, dass nach sieben Jahren des aktivitätslosen Phlegmas die Muskel erschlafft sind, dass man nicht stark, sondern schwach ist. Und doch hat auch diese Geschichte, wie es bei Volkssagen so üblich ist, einen wahren Kern. Im Zustand der deutschen Politik der letzten Jahre können wir diesen Kern wunderbar erkennen. Eben bei der Stern-Person des Jahres: Angela Merkel also.
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Wissenschaft und Politik – diese beiden Berufs- und Tätigkeitsfelder werden gemeinhin als völlig unterschiedliche Sphären begriffen. In der Politik, so eine gängige Meinung, gehe es um Macht, Intrigen und Privilegien. In der Wissenschaft herrsche indessen ein anderes Ethos vor, das sich der Suche nach Wahrheit, nach Erkenntnisgewinn, dem Wege zu neuem Wissen verschrieben habe. In der Politik sei vieles irrational, wohingegen die Wissenschaft strenger Rationalität unterworfen sei. Der berühmte Kernphysiker Werner Heisenberg, dessen Geburtstag sich in diesem Jahr zum 110. Mal jährt und der zwischen 1946 und 1958 in Göttingen lebte, forschte und lehrte, bewegte sich an der Schwelle zwischen diesen beiden Gebieten. Dabei verhielt er sich mitunter sehr politisch, stets durchsetzungsstark und zielstrebig.
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Als der Göttinger Pädagogikprofessor Erich Weniger, einer der herausragenden Vertreter der geisteswissenschaftlichen Pädagogik, aufgrund „politischer Unzuverlässigkeit“ im Jahr 1933 seine Professur durch die Nationalsozialisten verlor, schien noch nicht absehbar, dass der Erziehungswissenschaftler nach 1945 beinahe nahtlos an seinen einstigen akademischen Werdegang würde anknüpfen können. Mehr noch, trotz seiner Tätigkeit als „Wehrmachtspädagoge“ und der Tatsache, dass er sich vom Nationalsozialismus keineswegs strikt distanzierte, baute Weniger bereits 1945 die Pädagogische Hochschule Göttingen auf und folgte ab 1949 seinem Mentor Herman Nohl als ordentlicher Professor der Pädagogik an der Georg-August-Universität Göttingen.
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Als im Januar 1831 die sogenannte Göttinger Revolution ausbrach, war Friedrich Christoph Dahlmann, der spätere Anführer der Göttinger Sieben, einer der wenigen Professoren, die vehement für eine sofortige Niederschlagung des Aufstandes und die strenge Bestrafung seiner Anführer plädierten. Nachdem sich Dahlmann in der Reichshauptstadt Hannover energisch dafür eingesetzt hatte, wurde die von Studierenden und Privatdozenten getragene achttägige Rebellion, in deren Verlauf die „Republik Göttingen“ ausgerufen wurde, mit militärischer Gewalt aufgelöst. Während knapp anderthalb Jahre nach diesen Ereignissen eine große Mehrheit der Abgeordneten in der hannoverschen Ständekammer, der Dahlmann als Deputierter seiner Universität ebenfalls angehörte, für eine Amnestie der zu langjährigen Haftstrafen verurteilten Aufständischen votierte, sprach sich der Göttinger Politikprofessor gegen eine Begnadigung dieser „beklagenswerth Verirrten“ aus. Der liberale Politiker Dahlmann – das wurde in den Wirrungen des Januar-Aufstandes überdeutlich – war ein Mann vorsichtiger Reformen und ein Gegner der gewaltsamen Revolution.
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Die Göttinger sind stolz auf Otto Hahn. Ein Otto-Hahn-Gymnasium, eine Otto-Hahn-Straße, ein Unternehmen namens „Otto Hahn Studios“ gibt es dort, die Universität führt ihn in ihrer 44 Persönlichkeiten umfassenden Liste des „Göttinger Nobelpreiswunders“ auf. Dies ist verständlich, zählt doch Hahn zu den größten Kernphysikern der Geschichte: Er spürte etliche chemische Elemente auf, war der erste Präsident der Max-Planck-Gesellschaft – vor allem gründet sich sein Ruf auf die Entdeckung der Kernspaltung im Jahr 1938, für die er nach dem Zweiten Weltkrieg den Nobelpreis erhielt. In beinahe jeder über Hahn verfassten Schrift lässt sich nachlesen, dass er mit seinen revolutionären Beobachtungen die Pforte zum Atomzeitalter aufgestoßen hat, für Viele daher als dessen „Vater“ gilt.
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[Göttinger Köpfe]: Franz Walter über Leonard Nelson
Göttingen, Nikolausberger Weg 61. Hier, in einem Haus mit schönen Glasveranden, lebte (später mit einigen seiner Schüler) von 1906 bis 1927 der Professor der Philosophie Leonard Nelson. Geboren wurde er im Sommer 1882 in der Nähe des Berliner Alexanderplatzes. Der Philosoph Moses Mendelssohn und der Komponist Felix Mendelssohn-Bartholdy zählten zu seinen Vorfahren. Im Hause der wohlhabenden jüdischen Eltern Nelsons ging es sehr weltbürgerlich zu; regelmäßige Salonabende waren Usus. Man gehörte zu den emanzipierten Juden Berlins; Sohn Leonard wurde fünf Jahre nach seiner Geburt getauft. Von früh an war er von Krankheiten geplagt. Schon während seiner Schulzeit machte ihm chronische Schlaflosigkeit schwer zu schaffen. Geräusche aller Art peinigten ihn ebenso, wie ihm zyklisches Heufieber im Frühjahr zur Last fiel, schließlich kamen noch Probleme mit dem Herz hinzu. Auf der Schule und in der Nachbarschaft galt er als Sonderling, der sich lieber schweigend abkapselte als fröhlich zu gesellen. Doch aus seinem Leiden und seiner Introvertiertheit holte er sich, so wurde vermutet, den Antrieb zur außergewöhnlichen intellektuellen Arbeit.
→ weiter lesenUnumstritten sind die Bewunderung und das Interesse, welche Willy Brandt als Mensch und Politiker zuteilwurden. Dies wird nicht nur anhand der Fülle an Literatur über ihn deutlich, sondern auch im Bereich der Kunst: Er zählt zu den am häufigsten porträtierten Staatsmännern der Bundesrepublik. Namenhafte Künstler setzten sich mit Brandt in einer Vielzahl von Gemälden, Plastiken und Grafiken auseinander. So blieb Brandt zum Beispiel der einzige deutsche Politiker, der vom Pop-Art-Künstler Andy Warhol verewigt und in dessen Sammlung von „Superstar-Portraits“ aufgenommen wurde. Aber auch Brandts eigene Kunstauswahl zeichnete sich durch einen caractère insolite aus. Bereits Brandts Politikstil war aufgrund seiner Emigration und journalistischen Tätigkeit von Weltläufigkeit geprägt. Und eben dies lässt sich auch in seiner Beziehung zur Kunst wiederfinden.
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[Göttinger Köpfe]: Teresa Nentwig über Gottfried August Bürger
Gottfried August Bürger – der Name dürfte heute den wenigsten bekannt sein, zumindest außerhalb der Literaturwissenschaft. Bürger, der von 1747 bis 1794 lebte, war Amtmann, bekannt aber wurde er als Dichter – und als gebrochene Existenz. Besonders in Göttingen, wo er viele Jahre seines schillernden, bewegten Lebens verbrachte, ist Bürger noch immer präsent: Eine vielbefahrene Ringstraße wurde nach ihm benannt (Bürgerstraße), Mitte des 19. Jahrhunderts ein Grabdenkmal errichtet, das die Widmung „Die Stadt Göttingen dem Dichter Gottfried August Bürger“ trägt. 1895 wurde schließlich seine lebensgroße Bronzebüste enthüllt.
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[Göttinger Köpfe]: Robert Lorenz über den Physiker Carl Friedrich von WeizsäckerDie Unstetigkeit Carl Friedrich von Weizsäckers hatte eine entscheidende Quelle: seinen Ehrgeiz. Jahrzehntelang befand sich der Sprössling einer der bedeutendsten Familien Deutschlands auf der Suche nach einem Metier, in dem er eine Spitzenposition einnehmen, gewissermaßen zum Star avancieren konnte. Es sollte allerdings bis in die 1970er Jahre dauern, als er endlich eine geeignete Nische fand und besetzte. Alles begann in „Piklön“. So nannte von Weizsäcker eine komplexe Fantasiewelt, die er im zarten Knabenalter kreiert hatte, um dort mit Freunden und Familienmitgliedern Politik zu spielen. So gesehen erscheint es geradezu logisch, dass die Welt ihn als „Friedensphilosophen“ kannte, als er im April 2007 im Alter von 94 Jahren verstarb.
→ weiter lesenVor fast genau sechzig Jahren, am 7. September 1951, wurde der FDP-Politiker Hermann Höpker Aschoff zum ersten Präsidenten des Bundesverfassungsgerichts ernannt – trotz einer nicht ganz einwandfreien NS-Vergangenheit. Bereits während der Weimarer Republik hatte Höpker Aschoff eine hohe Position ausgeübt: Von 1925 bis 1931 war er preußischer Finanzminister gewesen. Auch nach dem Zweiten Weltkrieg sollte der gebürtige Westfale wichtige Funktionen einnehmen. So war Höpker Aschoff von September 1945 bis August 1946 Generalreferent für Finanzen in der westfälischen Provinzialverwaltung Münster. 1948 wurde er zudem in den Parlamentarischen Rat gewählt. Drei Jahre später setzte sich Bundesjustizminister Dr. Thomas Dehler für die Kandidatur seines Parteifreundes zum Präsidenten des neu gebildeten Bundesverfassungsgerichts ein. Konrad Adenauer stand diesem Vorhaben zunächst ablehnend gegenüber. Woher aber rührte diese Skepsis Adenauers?
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