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Selbstverständnis

Prof. Walter erläutert in zehn Punkten, was die Arbeit des Göttinger Instituts für Demokratieforschung ausmacht.

  1. Ein primärer Antrieb des Instituts ist der durchgängige Versuch, die untersuchten politischen Phänomene auf die untergründigen Mentalitätsströme der Gesellschaft zurückzuführen und im historischen Längsschnitt zu deuten.
  2. Ein zentraler Begriff zur Bewertung von Führungsleistungen der politischen Akteure ist die aus der Religionsphilosophie entlehnte Kategorie des „Kairos“. Das Institut konzentriert sich also weder alleine auf den Vollzug sozialer Prozesse noch überhöht sie die Rolle von Personen. Es gibt Momente im gesellschaftlichen Prozess, die Chancen eröffnen, aber nur dann zu Veränderungen führen, wenn Personen mit Witterungen, Gelegenheitssensibilität und der richtigen Ansprache etc. in solchen historischen Situationen „da“ sind und adäquat agieren. In diesem Dreieck – Prozesse, Kairos, Personen, – liegt das Beobachtungsfeld.
  3. Handelnde Menschen, die nicht nur Exekutivträger von Strukturimperativen sind, haben eine große Bedeutung für das Institut, das sich daher sehr intensiv mit Biographik beschäftigt.
  4. Es geht um Erkenntnisgewinn. Ein solcher Gewinn lässt sich nicht allein aus den herkömmlichen Wissenschaften, Empirien und Methodiken schlagen, sondern auch aus Intuition, Assoziationsvermögen, künstlerische Kreativität, auch Poesie. Wissenschaft im Sinne der Naturwissenschaft strebt das Institut nicht an.
  5. In der Geschichtswissenschaft gibt es seit Jahren Debatten um den Konstruktivismus. In diesem Fach ist die Relativierung vermeintlich exakter wissenschaftlicher Erkenntnisse weit fortgeschritten. Dass man aus Fakten und Tatbeständen Geschichte konstruieren, beziehungsweise triftige Zusammenhänge kraft intellektueller Phantasie stiften und „aus zweiter Hand“ – bei aller selbstverständlichen Beachtung von argumentativer Konsistenz und Nachprüfbarkeit – herstellen muss, ohne dadurch Wahrheiten oder Wirklichkeiten abzubilden, wird dort weithin gesehen.
  6. In der Politikwissenschaft, die sich geradezu getrieben fühlt, theoretisch angeleitete, methodisch saubere und empirisch abgesicherte Ergebnisse mit wissenschaftlich-objektivem Anspruch zu produzieren, hat diese Diskussion keine Spuren hinterlassen. Das Göttinger Institut unterscheidet sich in sofern vom Hauptstrom des Fachs, da es nicht beansprucht, „objektive Wahrheiten“ präsentieren zu können.
  7. Die Studierenden sollen auch explizit nicht zu Aposteln von „Ansätzen“ sozialisiert werden. Unzweifelhaft ist das Bedürfnis groß, mit bestimmten „Ansätzen“ etwas Greifbares „an der Hand“ zu haben, was Sicherheit vermittelt. Doch will das Institut dazu beitragen, die Subalternität gegenüber Ordnungen, Lehrgebäuden, fixen Vorgehensweisen zu überwinden, um sich stattdessen eigene Wege zu bahnen, offen und aufgeweckt Erkenntnisse zu finden.
  8. Dabei kann und darf es auch widersprüchlich zugehen. Man muss nicht an Zugriffen, Perspektiven und Ergebnissen dauerhaft festkleben; sie sind revidierbar, mehr noch: man sollte sich im Forschungsvorgang immer wieder auch gegenüber seiner selbst platzieren, als Akt der Selbstsubversion gleichsam.
  9. Wichtig ist in Darstellung und Präsentation von Untersuchungsresultaten, dass auch Geschichten erzählt werden können, über Reportagen Dinge wie Habitus, Rhetorik, Einstellungen, Gefühle etc. aufgefangen, festgehalten und interpretiert werden. Doch lässt sich nicht leugnen, dass auch die Institutszugehörigen sodann stets versuchen, aus der Anschaulichkeit heraus Generalisierung vorzunehmen, Muster anzubieten und Strukturerklärungen abzugeben. Alles andere würde auch ohne Resonanz bleiben und die Forscher selbst unbefriedigt lassen.
  10. Resonanz ist dem Göttinger Institut schon wichtig. Es bezieht sich bewusst auf Öffentlichkeit. Doch nicht allein in dem Sinn, dass die Öffentlichkeit Resonanzboden ist, Adressat von Belehrungen, sondern als widerborstige Fragesteller, oft harte Kritiker ebenso Impulse zurückgibt, in den Forschungsprozess hinein. Der Respekt vor Erwartungen und Leseverhalten der Öffentlichkeit(steile) ist ausgeprägt.

Ausführlichere Informationen zum wissenschaftlichen Selbstverständniss des Göttinger Instituts für Demokratieforschung finden Sie hier.