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Dissertationsprojekt

Verfasser

Christoph Hoeft

Arbeitstitel der Dissertation

Von der Hafenstraße bis zum Gängeviertel – Lernen und Verlernen in drei Jahrzehnten städtischer sozialer Bewegung in Hamburg.

Exposé

Urbane Bewegungen haben in Hamburg eine beachtliche Tradition: Seit den 1980er Jahren kommt es regelmäßig zu politischen Auseinandersetzungen, in denen das Zusammenleben in der Stadt, bestimmte Formen der Stadtentwicklung, sozialer Ausschluss, Verdrängung und die mangelnde Anerkennung von alternativen Formen des Zusammenlebens kritisiert werden.

In ersten Auseinandersetzungen mit der langjährigen Geschichte der städtischen Bewegungen in Hamburg stößt man dabei auf ein Phänomen, das zwar auf den ersten Blick wenig überraschend erscheint, aber dennoch komplex und erklärungsbedürftig ist: Das Lernen von sozialen Bewegungen. Immer wieder wird von AktivistInnen betont, dass die Arbeit der eigenen politischen Initiative nicht „bei null“ anfangen müsse, sondern sich an bereits gemachten Erfahrungen, konkret an einem kollektiven Wissen der linken Szene orientieren könne. Da sich die Forschung zu sozialen Bewegungen bislang nur wenig mit politischen und strategischen Lernprozessen dieser kollektiven Akteure beschäftigt, sehe ich in diesem Punkt eine ergiebige Forschungslücke. Das Vorhaben soll dazu beitragen, dieses Defizit abzubauen.

Zu den Zielen der Untersuchung gehört, die Chancen und Potentiale, aber auch die Probleme von wenig formalisierten kollektiven Akteuren bei ihren Lernprozessen, sowie bei der Generierung, der Archivierung und der Weitergabe von Wissen zu analysieren. Im Forschungsvorhaben soll untersucht werden, wie es sozialen Bewegungen, trotz ihrer allgemeinen Instabilität und fehlender personaler Kontinuität gelingen kann, über Jahrzehnte zu bestehen, kollektives Wissen aufzubauen und an nachfolgende Aktivisten-Generationen weiterzugeben. Ebenso soll analysiert werden, unter welchen Umständen Lernen ausbleibt oder Wissen verlorengeht. Zur Untersuchung des Lernens und Verlernens sozialer Bewegungen wird der Fokus auf die Aushandlung und Produktion der kollektiven Identitäten dieser Gruppen gelegt, in denen Selbstsicht, Ziele und Mittel der Bewegung festgelegt werden. Diese kollektiven Identitäten, ihre Weiterentwicklung und Veränderung sollen anhand dreier zentraler Konflikte der Hamburger Bewegung nachgezeichnet werden: Die Besetzungen in der Hafenstraße, der Roten Flora und dem Gängeviertel.

Methodisch handelt es sich um eine qualitative Einzelfallstudie. Neben der Auswertung von Daten aus Bewegungszeitschriften und Archiven sind auch problemorientierte Einzelinterviews und teilnehmende Beobachtungen geplant, um die Lernprozesse sozialer Bewegungen erkennen und abbilden zu können. Auf diese Weise soll die Herausbildung von kollektiven Identitäten auf einer diskursiven und einer narrativen Ebene verfolgt werden. Zusätzlich soll aber auch die (Re-)Produktion von kollektiver Identität über Alltagshandeln, Rituale und konkrete Räume nachgezeichnet werden.