Logo Göttinger Institut für Demokratieforschung

Zur Psychologie der Echokammer

Florian Schmidt |  11. September 2017 |   |  Drucken

[analysiert]: Florian Schmidt analysiert die Mechanismen der Radikalisierung in Echokammern.

Rechtspopulistische Kandidatinnen, Kandidaten und Parteien konnten jüngst mit Positionen und Rhetoriken, die in den Demokratien des Westens bis vor Kurzem noch hinter der Schwelle des Sagbaren vermutet worden waren, eine Reihe von Wahlerfolgen erzielen. Auf die Frage, wer oder was dafür verantwortlich sein könnte, dass die radikalen Programme der Populisten plötzlich wieder eine derartige Resonanz in der Wahlbevölkerung erzeugen, ist oft rasch eine Hauptverdächtige identifiziert: die digitale Echokammer.

Mit der Verbreitung sozialer Netzwerke sind die Möglichkeiten der Vernetzung und des Austauschs zwischen Individuen, die sonst nicht oder nur sehr schwer miteinander in Kontakt hätten treten können, ins Unermessliche gestiegen, während die Kosten gleichzeitig immer weiter gegen Null streben.[1] Dieser durch das Web 2.0 herbeigeführte Strukturwandel von Sozialität, so die Diagnose, kommt der menschlichen Neigung, sich mit Gleichgesinnten zu umgeben,[2] entgegen, bringt diese gar erst zur vollen Entfaltung. Die verbreitetste Version des „Echokammer-Arguments“ postuliert, dass die NutzerInnen sozialer Netzwerke sich zunehmend entlang ihrer ideologischen Prädispositionen in digitalen Informations- und Meinungskokons gruppieren, in denen sie nur noch Nachrichten und Meinungen aus Quellen konsumieren, die lediglich das bestätigen, was sie ohnehin schon vorher dachten. Die Debatten – sofern man hier noch von Debatten sprechen möchte – und der Nachrichtenkonsum in diesen von Dissens befreiten Räumen produzieren dabei extremere Positionen, als es die durchschnittlichen, oft vergleichsweise gemäßigten Einstellungen der TeilnehmerInnen eingangs erwarten ließen.[3] Oder kurz gesagt: Ideologisch homogene Diskursräume führen zur Radikalisierung von Meinungen und Positionen.[4]

Die Logik hinter dieser Argumentation ist schlüssig – daher hat sich dieser Strang der Echokammerforschung als brauchbar erwiesen, um gewisse Radikalisierungsphänomene, sowohl inner- als auch außerhalb des Internets, zu beschreiben und zu erklären.

Problematisch wird es allerdings, wenn die dicht geschlossene Echokammer als analytisches Instrument mit der sozialen Realität verwechselt wird. Wer in den kleineren und größeren Gegenöffentlichkeiten des Internets hermetische Informationsräume erwartet, macht es sich zu einfach und kommt schnell zu einer zwar naheliegenden, aber unterkomplexen Lösung: Wenn wir alle nur öfter aus unseren Höhlen kämen und über Lagergrenzen hinweg miteinander in Kontakt träten, wäre die Dynamik der Radikalisierung oder ideologischen Polarisierung schnell durchbrochen.[5] Schon ein kurzer Blick in die Kommentarspalten großer Publikationen auf Facebook zeigt allerdings, dass sich dort häufig gerade eben jene aufhalten, die es sich nach der eben skizzierten Logik hinter den undurchdringlichen, widerhallenden Mauern der Echokammer bequem gemacht haben sollten. Es ist wenig plausibel anzunehmen, dass diese NutzerInnen keinen Zugang zu Informationen und Meinungen haben sollen, die ihren eigenen widersprechen. Diese Vermutung wird von den Ergebnissen einer Studie von Bakshy et al. gestützt, in der die ideologische Homogenität der Freundschaftsnetzwerke von knapp zehn Millionen FacebooknutzerInnen und deren Auswirkung auf den Nachrichtenkonsum untersucht wurden. Die ForscherInnen kommen zu dem Ergebnis, dass die politische Zusammensetzung der Freundesliste zwar eine Rolle spielt, FacebooknutzerInnen in der Regel aber mehr diversen Nachrichtenangeboten und Meinungen ausgesetzt sind, als es die Vertreter einer Theorie der sozial geschlossenen Echokammer erwarten würden.[6] Dass der zentrale Wirkmechanismus digitaler Teilöffentlichkeiten nicht in der völligen Abschottung der NutzerInnen von äußeren Informationen liegen kann, bedeutet allerdings nicht, dass diese Räume deshalb irrelevant für die Erklärung von Radikalisierung wären.

Ein konstitutives Merkmal von ideologischen Echokammern scheint die Fundamentalopposition zur traditionellen Öffentlichkeit, dem sogenannten Mainstream, zu sein. Am Beispiel des konservativen Medienestablishments der USA lässt sich gut veranschaulichen, wie die Wahrnehmung der traditionellen Öffentlichkeit als Gegnerin strukturbildend wirkt und dazu dient, die Echokammer zu schließen. Schon die frühen Anläufe konservativer Publizistik beschäftigten sich neben inhaltlich konservativen Themen zum Großteil mit der eigenen Außenseiterposition und dem vermuteten liberal media bias, d.h. mit der These, dass die konservativen BürgerInnen der USA von den klassischen Medien wie der New York Times oder später auch CNN nur unzureichend repräsentiert würden, weil diese eine politische Agenda verfolgten, die den Interessen der konservativen BürgerInnen entgegenstehe. Mag die eigene Abseitsstellung und die Opposition zum Mainstream in der Entstehungsphase der rechten Echokammer noch das authentische Gefühl der konservativen Publizisten widergespiegelt haben,[7] so ist sie heute angesichts des Einflusses von Medien wie FOX News, Breitbart und der Vielzahl konservativer Radiomoderatoren eher als rhetorische Figur zu betrachten, welche die eigene Anhängerschaft gegen Argumente aus dem gegnerischen Lager immunisieren soll. Die konservative Echokammer der USA funktioniert auch unabhängig davon, ob die ZuhörerInnen den Facebook-Feed der New York Times abonniert haben. Durch das gebetsmühlenartige „Aufdecken“ einer vermeintlich versteckten Agenda klassischer JournalistInnen erodiert das Vertrauen in die traditionellen Medien immer weiter – und vor allem systematisch.[8] Unermüdlich behaupten konservative Medien, dass traditionelle JournalistInnen konservative politische Akteure kategorisch benachteiligten, und geben ihren ZuhörerInnen einen praktischen Rat mit auf den Weg: Vertraut denen „da drüben“ nicht![9] Diese Strategie scheint Wirkung zu zeitigen; das Vertrauen in die US-Medien ist zunehmend entlang von Parteiidentifikation und Ideologie gespalten. Konservative vertrauen mit großer Mehrheit FOX News und immer seltener der New York Times oder CNN.[10] Die Echokammer wird somit nicht in erster Linie auf der sozialen, sondern auf der kognitiven Ebene geschlossen.

In Deutschland scheint der Begriff „Lügenpresse“ eine analoge Funktion zum liberal media bias zu erfüllen. Der hierzulande in der rechten Echokammer angebotene negative Deutungsrahmen traditioneller Medien zielt offensichtlich auf die Delegitimierung klassischer Informationsangebote, wird von den Publizisten ständig wiederholt und bietet den ZuschauerInnen, HörerInnen und LeserInnen einen einfachen Weg, um oppositionelle Meinungen und widerstreitende Informationen ohne eingehende Überprüfung per se abzulehnen. So stilisiert sich zum Beispiel das in rechten Kreisen populäre Magazin Compact in der Ankündigung zu einer 2016 veranstalteten Konferenz als letzte Bastion gegen die Dominanz der als verlogenen geltenden Mainstreammedien: „[…] geben Sie ihren Bekannten die frohe Kunde weiter, dass es eine Zeitschrift gibt, die den „Mut zur Wahrheit“ nicht nur plakatiert, sondern auch praktiziert.“[11] Hier wird der Begriff Lügenpresse zwar nicht explizit erwähnt, schwingt aber doch sehr deutlich implizit mit. Teilgenommen haben an dieser Konferenz fast alle potenziellen Kandidaten auf eine Meinungsführerschaft in der rechten Echokammer: Compact-Herausgeber Jürgen Elsässer, AFD-Landeschef André Poggenburg, PEGIDA-Gründer Lutz Bachmann und der Jungstar unter Europas Nationalisten Martin Sellner.[12]

Florian Schmidt arbeitet am Göttinger Institut für Demokratieforschung.

[1] Vgl. Shirky, Clay: Here comes everybody. The power of organizing without organizations, New York 2008.

[2] Vgl. McPherson, Miller/Smith-Lovin, Lynnand/ Cook, James M.: Birds of a feather. Homophily in social networks, in: Annual review of sociology, Jg. 27 (2001), H. 1, S. 415–444.

[3] Zur radikalisierenden Wirkung von Debatten in homogenen Netzwerken vgl. Sunstein, Cass R.: The law of group polarization, in: Journal of political philosophy, Jg. 10 (2002), H. 2, S. 175–195; zum Nachrichtenkonsum vgl. Levendusky, Matthew: How partisan media polarize America, Chicago 2013.

[4] Vgl. Mutz, Diana C.: Hearing the other side. Deliberative versus participatory democracy, Cambridge 2006.

[5] Vgl. z.B. die Empfehlung auf der Seite von NDR Info, aktiv andere Meinungen zu suchen: Kinkel, Nils/Less Bettina: Wie geht’s raus aus der Facebook-Filterblase?, URL: http://www.ndr.de/nachrichten/netzwelt/Wie-gehts-raus-aus-der-Facebook-Filterblase,filterblase100.html [eingesehen am 11.09.2017].

[6] Bakshy, Eytan/ Messing, Solomon/Adamic, Lada A.: Exposure to diverse news and opinion on Facebook, in: Science, B.d. 348 (2015), H. 6239, S. 1130–1132.

[7] Vgl. Hemmer, Nicole: Messengers of the Right. Conservative Media and the Transformation of American Politics, Philadelphia 2016, S. 3–27.

[8] Jamieson, Kathleen Hall/ Cappella, Joseph N.: Echo chamber. Rush Limbaugh and the conservative media establishment, Oxford/New York 2008.

[9] Vgl. Ellison, Scott: God and man at a Southern Appalachian Community College. Cognitive dissonance and the cultural logics of conservative news talk radio programming, in: Review of Education, Pedagogy, and Cultural Studies, Jg. 36 (2014), H. 2, S. 90–108, hier S. 101.

[10] Pew Research Center: Political polarization & media habits, Oktober 2014, URL: http://assets.pewresearch.org/wp-content/uploads/sites/13/2014/10/Political-Polarization-and-Media-Habits-FINAL-REPORT-7-27-15.pdf [eingesehen am 11.09.2017].

[11] Elsässer, Jürgen: COMPACT startet Offensive zur Rettung der Meinungsfreiheit, in: COMPACT-Online, 13.10.2016, URL: https://www.compact-online.de/compact-startet-offensive-zur-rettung-der-meinungsfreiheit/ [eingesehen am 11.09.2017].

[12] Höhne, Valerie: Die rechte Dreifaltigkeit, in: taz.de, 07.11.2016, URL: https://www.taz.de/!5351394/ [eingesehen am 11.09.2017].


Ältere Einträge |  Neuere Einträge