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Zündeln in der Wagenburg

Julika Förster |  31. Januar 2014 |   |  Drucken

[kommentiert]: Julika Förster über den Parteitag der AfD zur Europawahl.

Beinahe wird Bernd Lucke höchst selbst an diesem Tage vom Thron gestoßen, im rein physischen Sinne jedenfalls. Ein Delegierter empört sich über die Platzwahl des Parteivorsitzenden, der ungeniert vorne zwischen der Veranstaltungsleitung auszuharren gedenkt. Mit einer flammenden Gegenrede weiß Lucke zwar Platz und Prestige gekonnt zu verteidigen. Doch auf dem Europawahlparteitag der Alternative für Deutschland im bayerischen Aschaffenburg wird schnell deutlich, dass intern um weitaus mehr gerungen wird als nur um Listenplätze für die Europawahl oder einen Bühnenplatz mit hübscher Aussicht.

Die Zeit drängt ein wenig an besagtem Samstag in der „Frankenstolz-Arena“. Es herrscht geschäftiges Treiben, denn nicht weniger als hundert Kandidaten wollen sich in jeweils fünf Minuten Redezeit um einen Listenplatz bemühen. Für ideologische Grabenkämpfe fehlt also streng genommen die Zeit; Bernd Lucke und die zur Veranstaltungsleiterin auserkorene Frauke Petry werden deshalb nicht müde, ihre Parteikollegen um Konzentration zu bitten. Die Hürde des Europäischen Parlaments mag niedriger sein als die des Bundestages, doch auch sie will erst noch überwunden werden – und ironischerweise ist es ausgerechnet die Chance auf Arbeitsplätze in Brüssel, die über Wohl und Wehe der eurokritischen Partei entscheidet. Doch nach besorgten Gesichtern sucht man hier vergeblich, vielmehr kleidet sich die AfD in Selbstvertrauen und Angriffslust.

Und so scheint der ehrgeizigen Tagesplanung zunächst auch nichts im Wege zu stehen: In seiner kraftvollen Begrüßungsrede trifft Lucke den richtigen Ton, stehende Ovationen und begeisterter Applaus sind sein Lohn. Es ist eine Rede, die zum Großteil aus einer durchaus amüsanten Anklage der deutschen Parteienlandschaft besteht, was nicht weiter verwunderlich ist. In der Abgrenzung liegt bekanntlich die Quelle dieser Partei, die vehement auf ihre Andersartigkeit beharrt. Und so läuft Lucke hier zu Höchstform auf, hält der „Schmalspurpolitik der Altparteien, die blind geworden sind für die Anliegen der Bürger“ den Spiegel vor, begegnet ihr mal mit ernster Empörung, mal mit beißendem Spott.

Die Selbstinszenierung der AfD lebt jedoch auch an diesem Tag nicht einzig von den Vorwürfen, die sie artikuliert, sondern zugleich von Ressentiments, denen sie sich ihrerseits ausgesetzt sieht. Mit tröstenden Worten entsendet Bernd Lucke seine Mitstreiter in einen Wahlkampf, der „Anfeindungen“ erwarten lasse, denn „nichts macht mehr Spaß, als ab und zu auf die arme AfD einzudreschen“. Damit erntet er zustimmendes Gemurmel; die schlechten Erfahrungen des Bundestagswahlkampfes sind den Anwesenden nach wie vor präsent. Der ein oder andere Kandidat wird sie später gar in seiner knappen Redezeit beschwören. Die Alternative für Deutschland gefällt sich in der Quarantäne, kaschiert als gewissenhaftes Martyrium. Dort fühlt man sich verstanden und gewappnet gegen den gemeinsamen Feind, bestärkt im politisierten Misstrauen.

Besagtes Misstrauen, den Generalverdacht über den gesamten politischen Betrieb verhängend, vermag laut jüngster Umfragen offenbar einigen Wählern aus der Seele zu sprechen. Es sichert Lucke gelungene Pointen und stiftet für den Moment Heiterkeit und ein vergnügliches Beisammensein im Plenum. Aber beharrliche Abgrenzung schafft logischerweise zunehmende Distanz und allmählich scheint sich auch die AfD partiell doch recht einsam zu fühlen. So ist Lucke plötzlich gezwungen, trotz des zeitlichen Engpasses gegen ein gefordertes Bündnis mit der britischen Partei UKIP, bekannt für ihre rechtspopulistischen Töne, Stellung zu beziehen. Ihre scharfe Distanzierung könnte die AfD noch teuer bezahlen, sei es mit innerparteilichen Streitereien über womöglich zwielichtige Bündnispartner, dem Verlust der Authentizität im Falle einer Annäherung an das zuvor Verschmähte oder eben schlichter: mit lähmender Einsamkeit.

Und auch die vermeintliche Harmonie in der Wagenburg entpuppt sich rasch als trügerisch. Tatsächlich könnte hier alles so schön sein, lässt es sich in innerer Einigkeit doch zumeist authentischer und effektiver für die eigenen Ideale kämpfen. Jedoch wird ebendiese Einigkeit in Aschaffenburg schon bald von Luckes erster harscher Zurechtweisung torpediert: Ihm sei von Kungeleien und konspirativen Absprachen berichtet worden, hallt es streng durch den Saal – für ein derartiges Vorgehen sei in der AfD jedoch kein Platz. Entrüstung macht sich breit, war es neben ökonomischen Postulaten doch gerade die Enttäuschung über eine als korrumpiert empfundene Politik, die der AfD zu ihrer Existenz verhalf. Und spätestens, als ein Kandidat seine fünf Minuten Redezeit in eine Tirade gegen die defizitären Zustände seines hessischen Landesverbands transformiert, wird klar: Der perfektionierte Argwohn der Partei macht vor den eigenen Reihen nicht länger Halt. Zu schwer wiegt die Sorge, mit der Parteierfahrung einiger Mitglieder würden Einflüsse ins Hause getragen werden, die mit den eigenen Prinzipien konfligieren. Gewinnt die Furcht vor Ansteckung die Oberhand, ist die Atmosphäre vergiftet.

All die kleinen Unstimmigkeiten: Für sie sollte die Tagesordnung eigentlich keinen Platz lassen. Da geht sie hin, die getaktete Planung jenes Samstags. Die AfD gerät stetig in Zeitnot, obschon der unablässige Blick auf die Uhr bereits seit dem Beginn der Veranstaltung den Ablauf prägt. Ungeduldig reagiert die Veranstaltungsleitung auf Geschäftsordnungsanträge, fällt den Delegierten mit dem Verweis auf die fortschreitende Zeit ins Wort. Luckes Mimik schwankt zwischen beherrschter Ausdruckslosigkeit und kühler Gereiztheit. Basisdemokratische Prinzipien werden hier zwar fleißig gepredigt, tatsächlich beachtet werden sie scheinbar aber nur in Verbindung mit hochgezogenen Augenbrauen.

Dabei gibt es offenkundig vieles, worüber noch zu reden wäre. Die Alternative für Deutschland mag eine Partei im Werden sein, deren Identitätssuche gerade erst begonnen hat. In Aschaffenburg versteckt sich die Parteispitze jedoch vor den eigenen Ansprüchen, will sie das Werden wohl gar nicht erst zulassen. Auf Dauer wird sich ein ernsthafter innerparteilicher Diskurs aber schwer vermeiden lassen, zumal die Basis bereits zu zündeln begonnen hat. Und das ist für die AfD wohl auch besser so: Eine Partei, die das Schweigen als politische Unart identifiziert hat, kann sich nicht anschließend in selbiges hüllen.

Julika Förster arbeitet am Göttinger Institut für Demokratieforschung.


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