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Die „Protestnomaden“ in Frankreich

Julia Tilly |  20. Mai 2015 |   |  Drucken

[kommentiert]: Julia Tilly beobachtet ein neues Protestphänomen in Frankreich.

Von deutschen Medien weitgehend unbeachtet geblieben, ist in den letzten Jahren in Frankreich eine Protestform entstanden, die, wäre sie in Deutschland verortet, wenig Verwunderung hervorrufen würde. Aber in Frankreich? Nein, dort würde man sie im ersten Moment wirklich nicht vermuten. Es handelt sich um campierende Aktivisten, die sich den Kampf gegen die Zerstörung der Umwelt durch Großprojekte auf die Fahne geschrieben haben. Es lohnt sich, näher hinzusehen.

Den Franzosen sagt man zwar nach, sehr demonstrationsfreudig zu sein; gleichzeitig würden jedoch Protestforscher an das Ende dieses Satzes immer ein „aber“ setzen. Zwar wird im Vergleich zu Deutschland gewiss mehr und oftmals auch heftiger protestiert; aber nur wenn es sich dabei um Proteste handelt, die sich auf gewissermaßen traditionelle Themen beziehen, wie den Kampf für bessere Arbeitsbedingungen oder gegen die Kürzung von Sozialleistungen. Bei Themen der „Neuen Sozialen Bewegungen“ hingegen, zu denen u.a. die Frauen-, Friedens- und eben auch die Umweltbewegung zählen, sind die Deutschen leichter zu mobilisieren als ihre Nachbarn.[1] Ohnehin traut man der französischen Bevölkerung nur wenig Umweltbewusstsein zu. So können sich Klischees von Franzosen, die sich kaum für Umweltbelange, wie bspw. Castortransporte, Mülltrennung und Bio-Lebensmittel interessierten, mühelos halten. Trotz alledem existiert in Frankreich seit nunmehr sieben Jahren ein translokal vernetzter – und darüber hinaus mobiler – Umweltprotest.

Die Protestteilnehmer nennen sich „zadistes“, da sie eine „ZAD“ besetzten. ZAD, ursprünglich ein Begriff aus der Stadtplanung („Zone d’aménagement différé“, in etwa: „langfristige Umbauzone“), wurde kurzerhand zur „zone à défendre“ („Verteidigungszone“) umgedeutet[2] und erinnert in seiner jetzigen Form eher an einen Terminus aus der Kriegsstrategie. Das Gebiet, das es in diesem Fall zu verteidigen gilt, ist jedoch die Baustelle eines Großprojekts. Camps werden errichtet, die unweigerlich Assoziationen mit „Occupy“ hervorrufen. Sie sollen für die nächsten Wochen, Monate oder sogar Jahre als Basis des Protests dienen. Wer diese zadistes eigentlich sind, ist bis jetzt wissenschaftlich und auch journalistisch kaum beleuchtet, da die Aktivisten mit ihrer Selbstpräsentation eher verhalten umgehen. Allerdings lässt sich angesichts der recht spärlichen Mediendarstellung mutmaßen, dass es sich um ein Konglomerat aus militanten Umweltschützern und Kapitalismusgegnern handelt.

Ihren Anfang nahm diese Bewegung in der Nähe von Nantes. Hier sollte ein neuer Flughafen, der „Notre Dame des Landes“, gebaut werden. Neben verschiedenen Protestbündnissen entstand 2008 die erste ZAD, die aufgrund dessen auch „ZAD mère“ (= „Mutter der ZAD“) genannt wird. Dabei wurde auf illegale Weise ein Stück Land besetzt, um den Bau des Flughafens zu verhindern.

Zu Beginn standen jahrelanges Ausharren in provisorischen Unterkünften und der Versuch, den Bau des Großprojekts mittels zivilen Ungehorsams, teilweise auch Gewalt, zu unterbinden. Die Aktionen reichten vom Bau von Barrikaden über Demonstrationen bis hin zu Steinewerfen. Juristische Auseinandersetzungen und anschließend die Räumung der Camps folgten. Nicht nur bei der ZAD mère konnte dies beobachtet werden. Auch bei einem Staudammprojekt in Sivens im Département Tarn, gleichsam die zweite zadistes-Etappe von nationaler Bedeutung, ereignete sich dasselbe Phänomen. Dort wurde die Heftigkeit des Protests allerdings besonders deutlich. Ein Hungerstreik wurde organisiert und bei einer Auseinandersetzung von Protestierenden mit der Polizei starb in der Nacht auf den 26. Oktober 2014 Rémi Fraisse, ein 21-jähriger Biologiestudent, nachdem ihn eine Tränengasgranate am Rücken getroffen und schwer verletzt hatte. Das Bauprojekt wurde infolgedessen monatelang ausgesetzt, Frankreich war entsetzt und nach heftigen Demonstrationen begann eine Diskussion über Polizeigewalt und die Legitimität von Protest.[3]

Das Erstaunliche: Viele Aktivisten zogen nach dem Scheitern ihrer ZAD in Nantes weiter nach Sivens und nach der Auflösung des dortigen Camps erneut an einen anderen Ort. Aktuell bündeln sich die Aktivitäten der zadistes in Roybon bei Grenoble. Dort soll ein Hotelkomplex – der Center Parcs de la forêt de Chambaran – entstehen und wieder ziehen sie im Namen der Umwelt in den Kampf gegen „aufgezwungene und unnötige Großprojekte“ („contre des grands projets inutiles er imposés“).[4] Wir haben es hier also mit „Protesttouristen“ oder „Protestnomaden“ zu tun. Die Teilnehmer interessiert ganz offensichtlich nicht mehr nur, was vor ihrer eigenen Haustür passiert, sondern sie sind bereit, von Ort zu Ort zu ziehen und ihre Protestexpertise einzubringen. Sie stellen enorm viele Ressourcen für ihren Protest bereit und kämpfen – so scheint es – für ein übergeordnetes Ziel.[5]

Der Protest ist dabei nicht rein defensiv, sprich: Er richtet sich nicht allein gegen den Bau von Großprojekten, sondern prangert darüber hinaus das gesellschaftliche System an und experimentiert mit alternativen Lebensmodellen. Er befasst sich mit Themen wie ökologische Landwirtschaft, Nachhaltigkeit oder Postwachstum. So entsteht in den Camps eine eigene Kultur des Zusammenlebens.[6]

Beim näheren Hinsehen lässt sich also erkennen, dass Umweltprotest in Frankreich nicht von der Hand zu weisen ist. Selbstverständlich gab es diesen bereits in der Vergangenheit auf lokaler Ebene; aber mit dem Protesttourismus der zadistes bekommt er eine neue Dynamik und Ausgestaltung. Themen der Neuen Sozialen Bewegungen sind dementsprechend in den Fokus alternativer Protestformen gerückt. Dabei werden verschiedene Elemente von Protest aus der Vergangenheit herangezogen und auf neuartige Weise miteinander verknüpft: Protestcamps werden nicht vor Banken, sondern im Wald errichtet; nicht Wohnungen, sondern ein Stück Land wird besetzt, um Neubauten zu verhindern und mit alternativen Lebensmodellen zu experimentieren. In Sivens konnte zwar nicht die gänzliche Aufhebung des Staudammprojekts erreicht werden, aber das Bauborhaben wurde erneut von einer Expertenkommission untersucht und daraufhin in erheblichem Maße eingeschränkt.

Wie es mit den zadistes nun weitergeht, bleibt angesichts des temporären Charakters ihrer jeweiligen Wirkungsorte abzuwarten. Für mehr Zustimmung außerhalb ihres Zirkels müssten sie sich weiter öffnen, sonst können sich andere Kritiker der Großprojekte, z.B. lokale Aktivisten, kaum mit ihnen identifizieren. Ihr Vorgehen erscheint radikal, wild, fremd. Demgegenüber gelingt ihnen, die Aufmerksamkeit der Medien und der Politik für sich zu gewinnen. Indem sie gerade nicht den Dialog und die Auseinandersetzung mit der Öffentlichkeit suchen, behalten die Protestnomaden etwas Geheimnisumwobenes.

Julia Tilly arbeitet am Göttinger Institut für Demokratieforschung.

[1] Vgl. Rucht, Dieter: Modernisierung und neue soziale Bewegungen. Deutschland, Frankreich und USA im Vergleich, Frankfurt a.M./New York 1994, S. 165.

[2] Vgl. Le Cain, Blandine: Comment le mot «zadiste» s’est intégré dans le langage courant, in: Figaro Online, URL: http://www.lefigaro.fr/actualite-france/2015/02/07/01016-20150207ARTFIG00061-comment-le-mot-zadiste-s-est-integre-dans-le-langage-courant.php [eingesehen am 08.04.2015].

[3] Vgl. Simons, Stefan: Nach Tod eines Umwelt-Aktivisten: Showdown der französischen Stadtguerilla, in Spiegel Online, URL: http://www.spiegel.de/politik/ausland/frankreich-ausschreitungen-nach-dem-tod-von-remi-fraisse-a-1000616.html [eingesehen am 28.04.2015].

[4] Bordenet, Camille: Moi, Marin, 20 ans, zadiste à visage découvert, in Le Monde Online, URL: http://www.lemonde.fr/m-actu/article/2014/12/14/moi-martin-20-ans-zadiste-a-visage-decouvert_4540284_4497186.html#hmIEYecpXdq0TUsl.99 [eingesehen am 08.04.2015].

[5] Vgl. ebd.

[6] Vgl. Bordenet, Camille: Des ZAD, mais pour quoi faire?, in Le Monde Online, URL: http://www.lemonde.fr/m-actu/article/2014/12/14/des-zad-mais-pour-quoi-faire_4540277_4497186.html#DvrVtzXz0leei6CE.99 [eingesehen am 08.04.2015].


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