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„Wir haben es in den Universitäten!“ – Antifeminismus in der Rechten

Urte Poppinga |  25. April 2018 |   |  Drucken

[analysiert]: Urte Poppinga über den Vortrag „Antifeminismus in der radikalen und extremen Rechten“ von Prof. Ursula Birsl[1]

Was hat der Anschlag Andreas Breiviks 2011 in Norwegen, bei dem 77 Menschen ums Leben kamen, mit dem Phänomen des Antifeminismus zu tun? Was bewegt einen Menschen mit rechter Weltanschauung dazu, 77 Besucherinnen und Besucher eines Ferienlagers der Jugendorganisation der sozialdemokratischen Arbeiterpartei, darunter vor allem Kinder und Jugendliche, im Namen des Christentums umzubringen? Breivik erklärt sich selbst in seinem Manifest „2083: A European Declaration of Interdependence“[2] zum Tempelritter auf Kreuzzug im Kampf gegen Multikulturalismus, Islam und Feminismus. Doch erst jetzt, über sechs Jahre nach der Tat, startet–so stellt Prof. Birsl in ihrem Vortrag über Antifeminismus in der Rechten zu Beginn fest–langsam die öffentliche Debatte über das antifeministische Motiv, während die Islamophobie Breiviks, stellvertretend für die „der Rechten“, bereits breit ausdiskutiert worden ist.

Rechtsextremismus ist ein weltweites Phänomen. Seine Verwobenheit mit dem Antifeminismus ebenfalls. Als zweites Einleitungsbeispiel wählt Prof. Birsl den dschihadistischen Terrorismus. „Frauen für den Dschihad. Das Manifest der IS-KämpferInnen“[3] – die kommentierte Version des Manifests der Khanssaa-Brigade, einer rein weiblichen Einheit der Terrororganisation IS, die in ihrem Originalmanifest den Alltag und die Rolle der Frau im Kalifat beschreibt, will offenlegen, wie der IS Frauen rekrutiert. .

An diesen zwei höchst konträren Beispielen wird eines deutlich: In beiden Fällen findet eine Überhöhung bei gleichzeitiger Rollenfestschreibung des Weiblichen statt. So werden Frauen beispielsweise mit gottähnlichen Wesen aus Suren verglichen. Einen ähnlichen Gedankengang findet man etwa bei der Deutschen Frauenfront, die als Nachfolgerin der NS-Frauenschaft bis in die Mitte der 1990er Jahre aktiv war – demnach hätten Frauen durch ihre Gebärfähigkeit die Macht inne, das „deutsche Volk“ zu erhalten.[4] Die Argumentationsweisen sind somit ähnlich – oft fokussieren sie sich auf den Dienst der Frau als Mutter, was dazu dient, das Weibliche in besonderer Weise abzugrenzen und vor allem in der Rolle der mütterlichen Fürsorgerin festzuschreiben. Eine Liberalisierung der herkömmlichen Geschlechterverhältnisse und Auflösung der tradierten Rollenzuschreibungen, wie sie der Feminismus proklamiert, sind hier nicht erwünscht, mehr noch: bedrohen das Grundgerüst dieser Ideologie.

Die hiermit aufgeworfene Frage, welche Bedeutung die Geschlechterverhältnisse für eine rechte Weltanschauung haben, ist elementar, um zu verstehen, warum Feminismus das neue Feindbild rechter Ideologien geworden ist.

Prof. Birsl nutzt als Grundlage einer Definition, was sie in ihrem Vortrag unter rechter Weltanschauung versteht, zunächst die geschichtliche Perspektive. Der Historikerin Helga Grebing zufolge ist unter konservativen, radikalen und extrem rechten Weltanschauungen eine Gegenbewegung zum historischen Prozess der Aufklärung, der Demokratisierung, der Liberalisierung und der Herausbildung von Individualismus und universellen Menschenrechten immanente Gegenbewegung zu verstehen.[5] Birsl erweitert diese Definition und erläutert, dass so „nach innen soziale und geschlechtliche Ungleichheitsverhältnisse als natürliche Ungleichheitsverhältnisse verstanden werden, die den einzelnen Gesellschaftsmitgliedern einen Platz im ‚Organismus‘ der Gesellschaft zuweisen“. Daraus resultiert, dass das traditionelle Geschlechterverhältnis konstitutiv für die extreme und radikale Rechte ist.

Eine Ideologie, die darauf beruht, dass die Familie die Keimzelle eines Organismus, des „Volkskörpers“, ist, muss folgerichtig vehement gegen Feminismus und jegliche Liberalisierung der Geschlechterverhältnisse sein.

Beispiele für offenen Antifeminismus von rechts, ausgehend von rechtsextremen, rechtsradikalen, aber auch von konservative Strömungen, gibt es viele. Als Beispiel erwähnt Birsl die „Gender-mich-nicht!“-Kampagne der Jungen Freiheit, welche mit bereits bekannten Schlagwörtern des Rechtspopulismus, wie der Warnung vor einer „Frühsexualisierung an deutschen Grundschulen“‘, dem proklamatorischen „Den Gender-Wahnsinn stoppen“ oder auch der Angst vor der „Umerziehung des deutschen Volks“ arbeitet.[6] Die Junge Freiheit konstruiert sich dabei als die unabhängige Presse im Besitz der – absoluten – Wahrheit, die sie selbstlos an alle Bürger Deutschlands verteilt, um diese zu schützen, schließlich kenne sie „[d]ie Wahrheit über die Gender-Ideologie“[7]. Und wenn das alles nichts mehr hilft, ist eben der Staat korrupt.

Markantestes Beispiel aus unmittelbarer Umgebung Göttingens berichtet ist vermutlich der Fall des Professors für Evolutionsbiologie Ulrich Kutschera, welcher an der Uni Kassel lehrt. Über hundert Studierende forderten bei einer Demonstration, ein Dienstaufsichtsverfahren gegen ihn einzuleiten. Denn Prof. Kutschera publiziert u.a. die Ansichten, dass „Schwule und Lesben Designfehler der Natur“ seien oder dass durch das Adoptionsrecht für Homosexuelle „staatlich geförderte Pädophilie und Kindesmissbrauch auf uns zukommen“ würden. Auch bezeichnete er Homosexuelle als „sterile Erotikduos ohne Reproduktionspotenzial“[8].

Hier zeigt sich ein weiteres Charakteristikum des antifeministisch-(neu-)rechten Gedankenguts, auf das Prof. Birsl hinweist: Wir haben es auch in den Universitäten. Obwohl die Universität als Instanz des Bildungsparadigmas gilt, ziehen dort Antifeminismus und damit eng verwobene rechte Anschauungen ein – meist leise und unterschwellig, oft als sich intellektuell gebendes Gedankengut gut situierter und gebildeter Akademiker in höheren Ämtern, verstärkt durch die Berufung auf vermeintlich eindeutige Forschungsergebnisse und angeblich allgemeingültige Fakten. Bekannt von den Alt-Rechten sind die Wortwahl und das Naturalisierende, der Anspruch auf die absolute Wahrheit.

Es ist also mitten unter uns.

So legitimiert aber wirkt dieses Gedankengut auch nach außen und der Antifeminismus kann als „Scharnier“ zwischen Neu-Rechten und Konservativen funktionieren, was zur „Salonfähigkeit“ auch in der breiteren Mittelschicht führt. Dies lässt sich beispielsweise an den sogenannten „Märschen für das Leben“ erkennen, an denen Neu-Rechte genauso beteiligt sind wie Konservative. Denn eine gesellschaftliche Entwicklung wie die Liberalisierung ruft zwangsläufig eine Gegenbewegung ins Leben, in der sich diejenigen versammeln, die sich durch die neuen Dynamiken in ihrer Lebenseinstellung angegriffen fühlen.

Ursula Birsls These in diesem Vortrag ist deutlich. Je mehr der Feminismus und eine Politik der Gleichstellung der Geschlechter die traditionellen Geschlechterverhältnisse und -stereotypen liberalisieren und die Heteronormativität in Frage stellen, umso massiver fällt die Gegenwehr aus.

Doch was tun? Birsl hinterfragt an dieser Stelle den Feminismus und die sich damit identifizierenden Personen: Steht dem aggressiven Antifeminismus etwa doch ein entleerter Feminismus gegenüber?

Als Antwort postuliert sie einen eindringlichen Aufruf: Niemand dürfe die Schuld nur bei „Anderen“ suchen, sondern jedeR müsse sich auch fragen, inwieweit „unser“ Feminismus Schuld daran ist. Sind ihm vielleicht soziale Ungleichheits- und Herrschaftsverhältnisse aus dem Blickfeld geraten?

 

Urte Poppinga, Jahrgang 1995, studiert im BA Sozialwissenschaften, und hat im WiSe 17/18 das Seminar „Wer sind ‚die Rechten‘? Historische Perspektiven auf rechte Bewegungen und Stichwortgeber“ bei Katharina Trittel besucht.

 

 

[1] Am 30. November 2017 im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Rechtsruck und Rechtsextremismus als Forschungsgegenstand“ des AStA Göttingen.

[2] Breivik, Andreas Behring: Sein Weg zum Massenmörder, in: Stern, 21.07.2016, URL: https://www.stern.de/politik/ausland/anders-behring-breivik-anschlag-norwegen-jahrestag-6972868.html [eingesehen am 03.12.2017].

[3] Mohagheghi, Hamideh: Herder Verlag: Frauen für den Dschihad. Das Manifest der IS-Kämpferinnen, Freiburg 2015, in London geschrieben, aus dem Arabischen ins Englische übersetzt und im Herder-Verlag erschienen.

[4] Apabiz (antifaschistisches Pressearchiv und Bildungszentrum Berlin e.V.): Profil Deutsche Frauenfront, URL: https://www.apabiz.de/archiv/material/Profile/DFF.htm [eingesehen am 03.12.2017].

[5] Vgl. Birsl, Ursula: Rechtsextremismus und Gender, Opladen 2011.

[6] O.V.: Der Gender-Wahnsinn bedroht Sie, Ihre Kinder und Enkel! Die Wahrheit über die Gender Ideologie – und was wir alle dagegen tun können, in: Junge Freiheit, o.D., URL: https://jungefreiheit.de/gender/ [eingesehen am 03.12.2017].

[7] Ebd.

[8] O.V.: Protest gegen homophoben Kasseler Uni-Professor, in: Spiegel Online, 19.07.2017, URL:: http://www.spiegel.de/lebenundlernen/uni/kassel-demo-gegen-uni-professor-der-gegen-homo-ehe-hetzt-a-1158757.html [eingesehen am 03.12.2017].

 


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