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Wie Guttenberg seine Authentizität verspielt

Frauke Schulz |  23. Februar 2011 |   |  Drucken

[kommentiert]: Frauke Schulz kommentiert den Glaubwürdigkeitsverlust Karl-Theodor zu Guttenbergs im Zuge der „Plagiats-Affäre“.

Der Skandal um die Promotionsschrift von Karl-Theodor zu Guttenberg zeigt, dass für Politiker Berufliches und Privates kaum zu trennen sind. Erst recht nicht dann, wenn das eigene Privatleben bisher einen maßgeblichen Teil des politischen Image ausmachte wie bei dem aristokratischen Minister. Die derzeitige Verteidigungsstrategie von zu Guttenberg und seinen Fürsprechern kann daher nicht greifen, denn sie tun die Plagiatsvorwürfe als rein akademische Verfehlung ab, die nichts mit seinem verantwortungsvollen Amt zu tun habe.

Dass Wissenschaft und Politik zwei voneinander getrennte Sphären sind, die ihren eigenen Gesetzmäßigkeiten folgen, ist sicher richtig. Gerade beim Fall zu Guttenberg jedoch lassen sich diese beiden Welten nicht so einfach auseinander halten. Denn für Deutschlands beliebtesten Minister ist die Affäre weit mehr als ein akademischer Fauxpas. Dass er große Teile seiner Doktorarbeit von anderen Autoren übernommen und einige Teile möglicherweise nicht einmal selbst verfasst hat, beschädigt massiv seine Glaubwürdigkeit. Mehr noch: Es bringt die gesamte Strategie ins Wanken, der er bisher seine imposante Popularität zu verdanken hatte. Sollte er den Skandal als Minister überleben, muss er schnellstmöglich ein neues Fundament bauen, auf dem er sein Image begründen kann.

Der Nimbus des Verteidigungsministers rührt an erster Stelle aus seinem adligen Habitus. In Erscheinung, Rhetorik und politischem Stil spiegelt sich – wie bereits Pierre Bourdieu beschrieb – auf ganzer Linie seine soziale Herkunft wider. Die aristokratische Tradition steckt in jeder Faser seines öffentlichen Auftretens. Stets verknüpft er seine Politik mit einem hehren moralischen Anspruch: Verpflichtung, Vertrauen und Gewissen nennt er als Grundsätze und Richtlinien seiner Arbeit. Der wichtigste Faktor, der seiner Popularität zugrunde liegt, ist jedoch zu Guttenbergs Authentizität: Die Menschen halten sein Erscheinen für glaubwürdig und natürlich – sie glauben ihm. Der Focus kürte zu Guttenberg unlängst auf seinem Titelblatt zum obersten Authentiker der Republik, er begeistere durch „Natürlichkeit, Sympathie und Glaubwürdigkeit.“ In der deutschen Politik ist diese Art von Vertrauen derzeit ein hohes und rares Gut.

Und der Minister setzte viel daran, sein Erfolgsgeheimnis zu bewahren. So setzte er seinem hochherrschaftlichen Auftreten stets Beweise der Bodenständigkeit entgegen und bemühte sich redlich, die einerseits angedeuteten Aspirationen durch Formeln größter Bescheidenheit auszugleichen. Glaubhaft und natürlich zu wirken, war dabei stets die größte Kunst. Denn sobald ein Politiker künstlich oder aufgesetzt erscheint, leidet sein öffentliches Image. Die Bescheinigung von „Authentizität“ gleicht dagegen einem postmodernen Ritterschlag. Dementsprechend dominiert der Begriff aktuell journalistische Politiker-Porträts und Erfolgsanalysen. Dabei wird oft vergessen, dass „authentisch“ und „echt“ nicht gleichbedeutend sind. Vielmehr ist „authentisch“ ein bloßer Rezeptionseffekt, nämlich die Art und Weise, wie die Öffentlichkeit eine Person wahrnimmt. Ein Politiker kann demnach authentisch wirken, ohne sich tatsächlich natürlich zu verhalten. Authentizität ist also ein zweischneidiges Schwert. In der Medien- und Kommunikationswissenschaft spricht man sogar von unterschiedlichen Strategien zur „Authentisierung“, um das Publikum in seiner Wahrnehmung zu beeinflussen. So kann beispielsweise neu produziertes Spielfilmmaterial so aufbereitet werden, dass es wie eine Jahrzehnte alte Dokumentation erscheint. Hierzu werden unter anderem gezielt schlechte Ton- und Bildqualität genutzt oder Schauspieler als Zeitzeugen ausgegeben. Für den Zuschauer wirkt das manipulierte Material schließlich wie eine historische Originalaufnahme. Aus diesem Blickwinkel betrachtet rücken die gewöhnlich als Gegensatzpaare gebrauchten Begriffe „Authentizität“ und „Inszenierung“ plötzlich näher zusammen als gemeinhin vermutet.

Auf ähnliche Weise wie im Film können auch Politiker bewusst Stilmittel in ihrer Kommunikation verwenden, um natürlich, echt und glaubhaft zu erscheinen. Zu Guttenberg schien dieses Handwerk besonders gut zu beherrschen, denn seine Authentisierungsstrategie ging vollends auf: Tadellose Manieren und eine dem Parteienbetrieb entrückte Ehrlichkeit galten als seine herausragenden Merkmale. Er wirkte zur gleichen Zeit sowohl bescheiden als auch prädestiniert für höhere Ämter. Seine privilegierte Herkunft stand ihm dabei nie im Weg, sie beflügelte vielmehr seine unerschütterlichen Sympathiewerte. Dies hob ihn von den meisten seiner Berufskollegen ab, denn gewöhnlich gelten Politiker in Deutschland vor allem als unehrlich und karrierefixiert.

Zu Guttenbergs stete Betonung von Ehrlichkeit und Anstand könnte für ihn nun zum Eigentor werden. Denn an eben diesen Maßstäben, die er als seine eigenen benennt – laut seiner Homepage „Prinzipienfestigkeit und Grundsatztreue“ – kann er sich nun nicht mehr messen.  Fremde Gedanken als eigene auszugeben und wissenschaftliche oder journalistische Arbeiten anderer Autoren unverändert zu übernehmen, entbehrt jedweder Aufrichtigkeit und widerspricht nicht nur wissenschaftlichen, sondern auch moralischen Grundsätzen. Das Ausmaß des Skandals verleiht sämtlichen Bekenntnissen des Verteidigungsministers zu Verantwortung, Gerechtigkeit und Bescheidenheit einen bitteren Beigeschmack. Sie sind nunmehr lediglich gefundenes Fressen für die Kabarettisten, Satiriker und Karikaturisten der Republik.

In der Bevölkerung erhält zu Guttenberg derweil weiterhin überraschend großen Rückhalt. Auch das bürgerliche politische Lager verhält sich weitestgehend loyal. Angela Merkel dürfte sehr daran gelegen sein, den Sympathieträger ihres Kabinetts nicht zu verlieren. Es ist also durchaus wahrscheinlich, dass der angeschlagene Minister zumindest an seinem Amt festhalten kann, wenn auch der Doktortitel bereits verloren ist. Als letzten Versuch, den Schein der aristokratischen Souveränität bewahren, bat zu Guttenberg die Universität – scheinbar demütig und aus freien Stücken – um die ohnehin unvermeidbare Aberkennung des Doktorgrades. Sollte der Kampf um sein Amt erfolgreicher verlaufen, so braucht der akademisch degradierte Freiherr schleunigst eine neue Imagekampagne. Denn Beteuerungen der Aufrichtigkeit und der Prinzipientreue werden aus zu Guttenbergs Mund in Zukunft kaum mehr echt und glaubhaft wirken. Die Zauberformel seiner Authentizität ist damit unwiederbringlich verloren gegangen. Guttenbergs Berater müssen jetzt also alles daran setzen, eine andere, möglichst wasserdichte Authentisierungsstrategie für den strauchelnden Minister zu finden. Der einzige Weg aber, wie zu Guttenberg beweisen könnte, dass seine moralischen Grundsätze, die bisher so „authentisch“ erschienen, auch tatsächlich „echt“ waren, wäre jedoch nur ein zügiger Rücktritt.

Frauke Schulz ist wissenschaftliche Hilfskraft im Projekt „Politische Führung im deutschen Föderalismus„.


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