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Wider die Allüre der Fachsprache

Franz Walter |  21. Juni 2010 |   |  Drucken

[kommentiert]: Franz Walter polemisiert gegen das eigene Fach

Für die „Gebildeten“ in Deutschland ist Abgrenzung traditionell elementar – nicht zuletzt durch Sprache. Das Wissenschaftsbürgertum hierzulande pflegt den elitären Dünkel, kultiviert eine Sprache, die wie ein Geheimcode nur den Eingeweihten verständlich ist, Außenstehende auf Abstand hält, den geringer Gebildeten demonstrativ das Gefühl von Nichtzugehörigkeit vermittelt. Dabei: Die akademische Sprache ist keineswegs jederzeit fachlich zwingend, sie ist vielmehr überwiegend ein kulturelles Instrument, um eine Aura des Besonderen und Erhabenen herzustellen, um Distanz nach unten durch die Pose auserwählter Exklusivität zu schaffen.

Deswegen liebten auch die durch und durch bildungsbürgerlich geprägten 68er die Schriften von Adorno bis Marcuse, wie ihre Väter dem eigenbrötlerischen Philosophen der „Holzwege“, Martin Heidegger, den Altar bereiteten. Die raunenden, esoterischen, labyrinthischen Sprache der „Frankfurter“ und „Freiburger“ gab ihnen das erhabene Gefühl apostolischer Eingeweihtheit. Der Dutschke-Generation bot die Beherrschung des Vokabulars der „Kritischen Theorie“ die Legitimation für den Avantgardeanspruch gegenüber dem profanen Rest „eindimensionaler“ Menschen. Mit dergleichen „pseudomagischen Schlüsselwörtern“, lautete bereits vor Jahrzehnten die Kritik von Jean Améry, versah man sich selbst mit der Allüre vermeintlicher Tiefsinnigkeit.

In solchen geisteselitären-geheimbündlerischen Traditionen steht ein Großteil ausgerechnet der akademischen Sozialwissenschaft in Deutschland merkwürdigerweise noch heute, obwohl sie sich doch eigentlich auf die Gesellschaft beziehen sollte. In Frankreich hingegen war jemand wie Raymond Aron immer auch Zeitungskolumnist, ebenso wie in Italien der Turiner Universitätsphilosoph Norberto Bobbio. Die britischen Historiker Timothy Garton Ash und Tony Judt sind seit Jahren ganz selbstverständlich gefragte Kommentatoren in den Medien dieser Welt. Und der große englische Historiker Eric Hobsbawm hat stets darauf gepocht, dass man als Sozialwissenschaftler und Historiker nicht nur für Fachkollegen schreiben dürfe. Der französische Philosoph und Nobelpreisträger Henri-Louis Bergson hat sehr eindringlich darauf bestanden, dass es keine noch so subtile philosophische Idee gebe, „die man nicht in einer jedermann verständlichen Sprache ausdrücken“ könne – und müsse.

Lediglich in Deutschland haben sich der Inzest und die hermetische Abschottung des sozialwissenschaftlichen Juste Milieus weitgehend gehalten. Kaum jemand macht sich hierzulande Gedanken darüber, wie man die Ergebnisse sozialwissenschaftlicher Projekte in gewiss anspruchsvolle Alltagskommunikation übersetzen kann. Didaktik hat an deutschen Universitäten keinen hohen Stellenwert. Nur wenige halten es für nötig und zweckmäßig, sich in die Lage, Mentalitäten, Erwartungen von möglichen Adressaten jenseits des Fachs hineinzufühlen, um so die eigenen Überlegungen zu verbreitern, früher hätte man gesagt: zu demokratisieren. Dergleichen gilt nachgerade als wissenschaftlich unwürdig.

Nichts illustriert diese Gleichgültigkeit in Fragen der Didaktik und Vermittlung deprimierender als die sogenannten Veröffentlichungen deutscher Professoren in wissenschaftlichen Fachverlagen: Man hält viel billiges, eng beschriebenes Papier zwischen zwei unendlich tristen Buchdeckeln in den Händen. Gestaltung, Ästhetik, Anschaulichkeit – kaum etwas davon interessiert. Und niemand stört sich daran, dass die verkaufte Auflage oft genug irgendwo zwischen 100 und 200 Exemplaren liegt, die dann ganz überwiegend unnachgefragt in Universitätsbibliotheken vor sich hin stauben. In den Sozialwissenschaften bedeutet „Veröffentlichung“ eine Art Versteck oder Entzug vor der wirklichen Öffentlichkeit. Gerade auch die Beiträge in den nahezu kanonisierten referierten „Journals“ finden in der Regel nicht mehr als allein drei oder vier Leser: den Verfasser und die Gutachter des oft Monate, wenn nicht gar Jahre zuvor eingereichten Stücks.

Dabei verstecken sich alle hinter den vermeintlichen Sachzwängen einer vermeintlichen Fachlogik und der analytischen Schärfe ihrer vermeintlichen Fachsprache. Dabei ist gerade der Jargon des sozialwissenschaftlichen Fachsuahelis unendlich karg und anschauungsarm. Überhaupt kommt gegenwärtig gerade der ebenso dröhnende wie aufgeplusterte Exzellenzdiskurs an den Universitäten mit sechs oder sieben denkbar anämischen „Müllschluckerwörtern“ (Botho Strauß) aus. „Innovation“ gehört immer noch dazu, „Optimierung“, „Ressource“, „Komparatistik“, „Entwicklungsdynamik“, „Profilbildung“, „strukturbedingte Determiniertheit“. Wer mit diesen sprachbarbarischen Retortenbegriffen schwungvoll zu jonglieren vermag, kann in kürzester Zeit alle möglichen, als wissenschaftlich drapierten Projekte schmieden und hinreichend inspirationslose, daher höchst erfolgsversprechende Drittmittelprojekte kompilieren. Kaum jemand an der Universität hat dann den geringsten Zweifel, dass es sich bei diesen verlässlich gleichklingenden Elaboraten ganz fraglos um internationale Spitzenforschung handeln muss.

Und so verharrt die akademische Sozialwissenschaft in Deutschland zu großen Teilen in Bedeutungslosigkeit. Die gesellschaftlichen Kontroversen der Republik finden ohne die gerankten „Exzellenzen“ der Sozialwissenschaft statt. Das immergleiche Argument für die passive Beobachterrolle oben auf dem Mont Ventoux weltabgewandter Esoterik: Man sei doch kein Politikberater oder gar ein Volksaufklärer.

Indes: Warum eigentlich nicht?

Schließlich spricht einiges für mehr Courage zur öffentlichen Intervention: Das Zusammenspiel mit der Öffentlichkeit wirkt als Motor auf die Reflexionen in der Sozialwissenschaft zurück. Wer sich als Wissenschaftler auf das Tempo und den Bedarf der nun einmal weithin medial vermittelten Öffentlichkeit einlässt, muss ziemlich rasch neue Fragen und Themen aufnehmen und in den wissenschaftlichen Diskurs rückführen, wird dabei oft genug und bedauerlicherweise die Grenzen sozialwissenschaftlicher Interpretationsfähigkeit erleben, muss infolgedessen unverzüglicher Positionen und Zugriffe korrigieren oder erweitern. Die Beziehung zwischen Wissenschaft, Medien und Politik könnte in diesem Prozess enger, die Praxissensibilität auch der akademischen Wissenschaft größer, der intellektuelle Hintergrund des Feuilletons anspruchsvoller, die wissenschaftlich fundierte Politikberatung in den Parteien intensiver werden.

Franz Walter ist Leiter des Göttinger Instituts für Demokratieforschung. Er publiziert regelmäßig in aktuellen Medien.


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