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Werkeln an der Gesellschaft

Julia Kiegeland |  24. Juni 2014 |   |  Drucken

1964. Das Jahr, mit dem „68“ begann

[analysiert]: Julia Kiegeland über Joseph Beuys und die 68er.

Joseph Beuys gehört wohl zu der Art Künstler, die einem hartnäckig in Erinnerung bleibt. Sein hageres Gesicht, sein Filzhut und seine mit Vorliebe verwendeten Kunstmaterialien Fett, Filz und Honig muten auch heute noch ungewöhnlich und eigenwillig an. Statt klassischer Skulpturen oder aufwändiger Gemälde überdauern Fettecken, langsam wachsende Eichen und zahlreiche Video- und Bildaufnahmen die Zeit und zeugen still von der ihnen innewohnenden Kreativität und dem revolutionären Drang des Joseph Beuys. Sie alle sind gleichermaßen Beiwerk und Träger seiner revolutionären Absichten, die mit Rekurs auf den erweiterten Kunstbegriff und in phantasievoller Umsetzung im Konzept der sozialen Plastik münden. Auf Grundlage dieses Verständnisses begann Beuys zu protestieren, Widerstand zu leisten und Missstände öffentlich zu kritisieren.

Beuys’ Protest richtete sich dabei gegen vieles, zu Beginn allerdings hauptsächlich gegen das bestehende Kunstverständnis. Entgegen der nach dem Zweiten Weltkrieg modernistischen Auffassung von Kunst, die auf stilistische und formalistische Kriterien, wie technische Ausführung und Formfindung, beschränkt blieb, schuf Beuys seinen erweiterten Kunstbegriff. Dieser beschreibt die Allgegenwärtigkeit von Kunst zu jeder Zeit und an jedem Ort. Kunst befindet sich demnach keineswegs in einem eng definierten und begrenzten Raum, sondern durchbricht den geläufigen Gedanken an ein in sich geschlossenes System; dabei grenzt sie sich auch nicht mehr zu Alltag und Privatheit ab. Denn: Alles ist Kunst.

Der erweiterte Kunstbegriff von Beuys schließt dabei auch alle Menschen als Künstler ein: „jeder Mensch ist ein Künstler“. Das bedeutet aber bei Weitem noch nicht, dass jeder Mensch eine grafische Begabung besitzen muss; vielmehr zielt es auf das grundsätzliche Potenzial der individuellen Gestaltungsmöglichkeit aller Menschen ab. Menschen können gestalten, sie können Anfänge setzen und Neues initiieren. Hierbei sind sie frei und reaktivieren sich und all ihre Sinne auf besondere Weise. Kunst soll und kann, laut Beuys, auf diese Weise das bisherige Gesellschaftsgefüge modifizieren. Die Gesellschaft ist somit selber künstlerischer Ausdruck und folglich form- und veränderbar. Diese Gedanken münden letztlich in Beuys’ Idee der sozialen Plastik.

Joseph Beuys, fotografiert von Rainer Rappmann 1973

Foto: Rainer Rappmann, 1973, CC-BY-SA 3.0

Mit diesem Konzept stand Beuys den Forderungen der „68er“ nach Mitbestimmung und strukturellen Umwälzungen sehr nahe. Nebst und auch aufgrund von Hasenkötteln in der eigenen Brusttasche und röhrenden Begrüßungsgeräuschen für Studenten avancierte der Künstler Joseph Beuys schnell zu einem prominenten Vertreter der 68er-Bewegung. Seine Studenten und zahlreiche weitere Menschen folgten seinen künstlerischen Überlegungen, hörten seine Reden und unterstützen seine zahlreichen öffentlichen Aktionen. Dabei nutzte Beuys ab 1964 vermehrt die künstlerische Ausdrucksmöglichkeit der Aktionskunst. In Form verschiedener Happenings und im Kontext der Fluxus-Bewegung bezog er das Publikum in seine Kunst ein, performte in ungewohnter und auffälliger Art und Weise und nutzte die Öffentlichkeit sowie die mediale Berichterstattung, um seine Überzeugungen zu transportieren. Sein Drang, sich vielerorts zu behaupten, stets Neues anzustoßen und öffentlich wirksam zu agieren, führte Beuys alsbald auch an sozial-politische Fragen heran. So gründete er schließlich mehrere politische Initiativen, unterstützte in ihren Anfängen die neugegründete Partei DIE GRÜNEN und empfahl sich selbst als politischer Amtsträger – Letzteres jedoch mit mäßigem Erfolg.

mehr zum Buch „1964 – das Jahr, mit dem ‚68‘ begann“Beuys, obwohl einer vorangegangenen Generation entstammend, wirkte auf den ersten Blick wie ein mustergültiger Heroe der 68er. Sein anthroposophisches Grundverständnis, sein anhaltender Appell für freie Bildung und gegen überkommene Lehrmethoden sowie sein politisches und gesellschaftliches Engagement deckten sich mit den inhaltlichen Forderungen der 68er. Die von ihm propagierte Variante des künstlerischen Ausdrucks, die anti-autoritäre Methode der Happenings, entwickelte sich im Kontext der 68er-Bewegung zu einem geläufigen Werkzeug. In vielen Protesten, noch vor dem Attentat auf Rudi Dutschke 1968, nutzten Studenten und Studentinnen diesen kreativen und gewaltlosen Ausdruck des Widerstands gegen Spießbürgertum und autoritäre Strukturen. So beispielsweise in Form des studentischen Happenings im Hamburger Amtsgericht 1968, bei dem sechs Studentinnen ohne Oberbekleidung ein Liedchen mit den Strophen „Ihr haltet euch bei Tage an die Bibel […] Und streichelt lüstern höchstens mal das BGB.“[1] sangen.

In dieses Happening war Beuys freilich nicht involviert, denn den provokanten Weg der sexuellen Befreiung begleitete er weder künstlerisch noch im Privaten. In seinem Kunstschaffen kamen Erotik oder Sexualität allenfalls am Rande vor und statt einer offenen Beziehungen oder gar einem Leben in einer Kommune führten die Beuys’ eine traditionelle Ehe bis zum Tode, samt klassischer Rollenverteilung. Auch sein öffentlich demonstrierter Widerwille gegen autoritäre Persönlichkeiten und Strukturen, wie beispielsweise Marcell Duchamp oder die Zulassungsordnung der Universitäten, polarisierte mit Beuys’ Amt des Düsseldorfer Universitätsprofessors und seinem eigenem Verhalten. Er inszenierte sich und seine Auftritte in einem spirituellen Kontext, der ihn selbst im Lichte eines Heilers, eines Schamanen, darstellte: „he speaks with the authority of a man who knows all the answers, and doing so consolidates his auratic authority as an artist with his messages of salvation[2]. Auch während seiner Aktionen, den antiautoritären Happenings, sicherte sich Beuys stets eine widerspruchsfreie Diskursposition, indem er die Standpunkte seiner Zuhörer nur dann integrierte, wenn sie seinem Konzept entsprachen. Rein formal darf Beuys sogar zu der Generation, der die 68er kämpferisch gegenüberstanden, gezählt werden. Beuys selbst hatte sich freiwillig zum Kriegsdienst gemeldet und reflektierte später nie seine Zeit im Nationalsozialismus. Dessen Aufarbeitung und die Thematik des Vietnamkriegs sind in seinen Kunstwerken und Ansprachen ebenfalls von untergeordneter Bedeutung.

Beuys und die 68er teilen jedoch, trotz der aufgeführten Widersprüche, zahlreiche gemeinsame Überzeugungen und letzten Endes eine fundamentale Absicht. Ebenso wie Beuys den Kunstbegriff mit seinen Happenings zu erweitern versuchte, strebten auch die 68er nach einer Modifikation. Und beide nutzten dabei das Werkzeug der „Happenings“, um auf die gesellschaftlichen Strukturen einzuwirken. Ihre Erkenntnis, dass aus energischem und gemeinsamem Handeln, sobald es sich unerwartet und unkonventionell präsentierte, eine breite Aufmerksamkeit für die eigene Sache resultieren konnte, ist heute allgemeingültig. Aktuelle Aktionen wie etwa die Aufritte von FEMEN oder PETA schließen an solch strategisches Vorgehen an.

Obwohl die 68er-Generation kaum unmittelbar institutionellen Erfolg verbuchen konnte, ist ihr Wirken in unserem heutigen Alltagsleben spürbar. Aus ihr entstanden die Frauenbewegung, Bürgerinitiativen und weitere uns heute selbstverständlich erscheinende Möglichkeiten zur Mitbestimmung. Gleiches gilt für das Kunstschaffen von Joseph Beuys: Selbst wenn inzwischen die Fettecken verstauben oder versehentlich weggewischt werden, sind seine Anstöße im künstlerischen und im sozial-politischen Bereich weiterhin spürbar – sei es nun in Form von stetig wachsenden Eichen oder dem OMNIBUS FÜR DIREKTE DEMOKRATIE, der zurzeit in Nördlingen (23.06.-24.06.) und Heilbronn (25.06.-27.06.) Beuys’ Ideen und Überzeugungen fortführt.

Julia Kiegeland arbeitet als studentische Hilfskraft am Göttinger Institut für Demokratieforschung und ist Redaktionsmitglied von INDES. Zeitschrift für Politik und Gesellschaft.

[1] Siehe http://www.bpb.de/geschichte/deutsche-geschichte-nach-1945/68er-bewegung/51790/jahre-der-rebellion / und http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-45865104.html

[2] Verwoert, Jan: The Boss: On the Unresolved Question of Authority in Joseph Beuys‘ Oeuvre an Public Image, in: e-flux journal #1 – 12/2008, S. 3.


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