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Was vom Konservatismus geblieben ist

Christian Werwath |  16. September 2010 |   |  Drucken

[kommentiert]: Christian Werwath kommentiert den Wandel der Bedeutung des Konservativen.

Wer bewahren will, muss gleichzeitig erneuern. Der Erhalt von Wohlstand, Einfluss, Werten und Normen bedingt den ständigen Wandel. Der Geist ist beweglich; konservativ zu sein, ist daher unmöglich. Damit hat Sir Karl Popper recht.

Dennoch beruft sich auch der moderne Konservatismus auf eine skeptische Grundhaltung gegenüber allem Neuen. Der neuzeitliche Konservative fürchtet den rasanten Fortschritt, er sieht in ihm weniger Chancen als wesentlich mehr Gefahren. Die Ausbreitung des Internets beispielsweise ist ihm unheimlich. In dessen Dynamik erkennt der Konservative die „falsche Informationsvielfalt“, die damit einhergehende automatische Auflösung von festen Strukturen und Milieus. Liberaler Individualismus mit ungehemmten Freiheiten ist ihm zuwider. Eine Gesellschaft benötigt in seinem Verständnis diverse Tabus, „dos and don’ts“. Regeln, deren Bedeutung nicht ständig hinterfragt werden, die eingehalten werden, weil „man es einfach nicht macht“. Sie sichern ihm das gesellschaftliche Zusammenleben, welches er gewohnt ist und zu schätzen gelernt hat.

Der moderne Konservatismus beruft sich also auf die gesellschaftlichen Strukturen, auf die Bilder von Zusammenhalt, Nation und Familie, die ihm Harmonie und Halt versprechen. Inhalte und politische Konzepte, gar realpolitische Programme bestimmen schon längst nicht mehr die Debatte – können es auch nicht. Wenn von einer Wiederbelebung des Konservatismus die Rede ist, werden Phrasen gedroschen, immer gleiche Definitionen erörtert, aber wahrlich keine Programmatik, die tatsächlich umsetzbar wäre, niedergeschrieben. Konservatismus heißt, glaubt man der aktuellen Mehrheitsmeinung junger konservativer Vertreter, das Gute zu bewahren und das Neue dann zu wagen, wenn es sich als das Bessere erwiesen hat. Dafür muss es aber auch Menschen geben, die das Neue ausprobieren und als „Besser“ etablieren.

Der realpolitische Altkonservatismus hat sich ganz offenbar überlebt, er findet in der heutigen Gesellschaft keinen mehrheitsfähigen Platz mehr. Die Wehrpflicht, einst liebstes Kind heimatliebender und traditioneller Repräsentanten in Parteien und Parlament, wird durch gesellschaftlichen Druck und finanzielle Nöte ausgesetzt, wahrscheinlich bald ganz aufgehoben. In der Familienpolitik musste die alte Vorstellung von Familie den Realitäten von demographischem Wandel und Emanzipation weichen. In einer Welt, in der alles in Bewegung ist, in der soziale und ökonomische, kulturelle und politische Räume, ausdifferenzierte Medien und Wahrnehmungsprogramme undiszipliniert zusammenstoßen, werden neue Fusionen von Wahrnehmung, Entscheidung, Selektion, Aktion produziert. Dies zu disziplinieren, bleibt Wunschtraum eines jeden Konservativen.

Was bleibt dem modernen Konservatismus also übrig, wenn er ständig in die Pflicht genommen wird, zwischen Moderne und Tradition zu stehen? Er versucht sich am Ausgleich. Versucht nicht zu bremsen, sondern zu gestalten und dabei so viel wie möglich zu erhalten. Dies gelingt dem politischen Konservativen nicht in Reinform. Denn auch er selbst lebt in der Gegenwart. Auch bei ihm zu Hause wachsen Töchter auf, deren Ziel häufig nicht der heimische Herd ist. Auch er nutzt das Internet um sich selbst zu informieren, um auf „dem Laufenden zu bleiben“. Dabei geht auch er mit der Zeit. Wie widerwillig dies geschieht? Das ist umstritten. Zumindest dient ihm die Möglichkeit der salbungsvollen Reden, der warmen Worte und identitätsstiftenden Abgrenzung zur eigenen selbsttätigen Profilierung.

So werden immer häufiger moderne Konservative durch Lebensstil und Auftreten identifiziert. Wer klare Kante fährt, pointiert formulieren und stilsicher auftreten kann, dabei stets die Form und den gehobenen gesellschaftlichen Umgang in Perfektion beherrscht, gilt als konservativ. Der moderne Konservatismus zieht sich dabei weiter aus der Politik zurück, ihm fehlen Inhalte und Ziele, bewahren gelingt ihm nur noch durch Reformierung. Doch gerade die Reform ist es, die die Lebenswelten verändert, alte Pfade verwischt. Der alte Konservatismus mag sich mit dem Neuen nicht recht anfreunden.

Der Konservatismus insgesamt findet so seinen Weg in die Gesellschaft, wird zu einem Lifestyle, weniger zu einer politischen Idee. Ihm sind Wesensmerkmale wie Kleidung, Manieren, Fleiß, Sauberkeit und Etikette wichtig. Damit versucht er zumindest sein letztes Bollwerk aufrechtzuerhalten, welches ihm nach seiner politischen Deformierung geblieben ist. Aber erinnern wir uns an Popper: Umgangsformen sind auch nur zwischenmenschliche Interaktionen in modernen Gesellschaften, die einem beweglichen Geist unterliegen.

Christian Werwath ist wissenschaftliche Hilfskraft im Projekt „Politische Führung im deutschen Föderalismus„.


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