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Was der Union fehlt

Christian Werwath |  1. Juli 2011 |   |  Drucken

[analysiert]: Christian Werwath über vergangene Zeiten in der Union.

Konrad Adenauer zeigte sich mit Sonnenhut und staatsmännischer Pose im Gartenstuhl am Comer See in Italien. Helmut Kohl ließ sich gerne in der Natur filmen und fotografieren. Er wanderte, bekleidet mit einem Hut, einer jägergrünen Weste und Wanderstiefeln, im Wald. Die christdemokratischen Patriarchen inszenierten sich als Naturfreunde und überzeugte Anhänger einer ruhigen Lebensweise. Gerade Helmut Kohl bleibt vielen in Erinnerung als korpulenter Mann mit Pfeife und einem gutbürgerlichem Leibgericht. Und damit war Kohl zu seiner Zeit in der Union nicht alleine: Der ehemalige niedersächsische Ministerpräsident Ernst Albrecht war begeisterter Kenner von Flora und Fauna. Auf seinem Grundstück besaß er einen großen Garten, einen Stall und eigene Tiere. Ebenso der christsoziale Ministerpräsident Franz Josef Strauß. Er zeigte sich gerne mit Wanderrucksack und Stock in der bayrischen Berglandschaft. Noch mehr Bilder existieren von ihm mit einer Maß in der Hand in Bierzelten und Biergärten.

Die Liste der Unionspolitiker, die ihre Freizeit im Einklang mit der Natur und heimatverbundener Geselligkeit verbrachten, ist lang. Es gehörte zum Habitus des Bürgertums, den Ausgleich zwischen den Polen Arbeit und Freizeit zu suchen. Während die bürgerlichen Repräsentanten einerseits rhetorisch die bürgerlichen Tugenden wie Leistung, Disziplin und Erfindungsreichtum in den Vordergrund rückten, zelebrierten sie auf der anderen Seite über Bilder auf dem Balkon, im Garten oder am See die genussvolle Seite des Lebens. Damit erreichten sie vor allem den Teil der Bevölkerung, dem die Bewahrung der Schöpfung wichtig ist. Die deutschen Konservativen zeigten sich gerade in diesem Punkt im Einklang mit den Katholiken und Protestanten. Doch steckte in der Symbolik weit mehr als der Sinn für die Schönheit der Natur. Kohl und Strauß entflohen auch der Hektik des Alltags, dem Straßenlärm, dem Klingeln des Telefons. Sie zeigten, dass Arbeit nicht alles im Leben ist und prägten das Bild der bürgerlichen Gemütlichkeit.

Ob asketisch wie Ernst Albrecht oder deftig wie Strauß und Kohl – sie alle einte vor allem der Hang zur Ruhe. Man müsse auch abschalten können, war ihre Devise – was dem Nachwuchs in der Union heutzutage bekanntlich schwer fällt. Inmitten der neunziger Jahre trat der Veränderungsprozess der CDU immer offener zutage. „Der christdemokratische Parteinachwuchs hatte sich in den 1980er und 90er Jahren sozial verengt. Es gab zu viele BWLer, zu wenig Sozialkatholiken.“[1] Die moderne Avantgarde haderte mit der alten CDU und ihrer Politik. Sie veränderte daher nicht nur die Bilder von Politik, sondern suchte darüber hinaus politische Prozesse schneller zu gestalten. Behäbige, langsame Politik, das „Bohren dicker Bretter“ war ihnen zuwider. Politik könne auch effizient, pragmatisch und zielorientiert sein, lautete die Botschaft. In dem Merkelschen Sprachbild „Politik aus einem Guss“[2] steckte für die Abgeordneten der neueren Generation nicht nur die Hoffnung auf eine in sich logische und über die politischen Fachbereiche hinaus vernetzte Politik, sondern zugleich auch eine Beschleunigungsformel: Entscheidungen sollten schneller getroffen werden, man wollte die Themen vom Tisch bekommen, um dadurch rascher und flexibler auf neue Herausforderungen reagieren zu können. Formulierungen wie „Zeit haben“, „sich Zeit nehmen“ oder „die Zeit zu verbringen“ wurden im Verlauf der letzten zehn bis fünfzehn Jahre zunehmend zu Relikten ehemaliger bildungsbürgerlicher Honoratioren. Die Bilder aus der Natur ihrer Vorgänger wurden ersetzt durch Fotografien in Anzügen, vor Firmenzentralen oder – wie die berühmte Aufnahme zu Guttenbergs – auf dem Times Square. Die kontextuale Symbolik wechselte von Beschaulichkeit und Besinnlichkeit zu Schlagwörtern wie Weltgewandtheit, Globalität und Wettbewerb.

Solche Inszenierungen mögen eine Zeit lang en vogue gewesen sein. Allerdings blendeten sie aus, wie ängstlich der allergrößte Teil der Deutschen weiterhin ist.  Deutsche Sozialforscher ermitteln steigende Zahlen beim Burn-Out-Syndrom, verweisen auf Mehrarbeit, die nicht mehr im Verhältnis zum persönlich erwirtschafteten Wohlstand steht.[3] Wir leben in einer Wettbewerbsgesellschaft, in der der Kampf um Ressourcen die Nachhaltigkeit überlagert. Die „Menschen in der gesellschaftlichen Mitte haben Angst. Statusangst. Sie sind verunsichert. […] Auf der Tagesordnung vieler, die etwas zu verlieren haben, stehen nicht mehr Karriereplanung, Vorteilsnahme und Zugewinn, sondern der Kampf um Wohlstandssicherung und Klassenerhalt.“[4] Das gesellschaftliche Problem findet seit dem Erwachen der globalisierten Gesellschaft seinen Ausdruck in einer Vielzahl von Büchern wie „Weniger arbeiten, mehr leben. Strategien für konsequentes Downshifting“[5] oder „Leben um zu arbeiten – arbeiten um zu leben? Prioritäten setzen in Zeiten der Globalisierung“[6].

Den Spagat zwischen den alltäglichen Notwendigkeiten und der zwischenzeitlichen Auszeit, den die deutsche Christdemokratie mehrere Jahrzehnte geleistet hat, vollzieht sie heute nicht mehr. Die fehlende bildhafte Symbolik ist nur ein Indiz von vielen. Das bürgerliche Lager übernahm den in den siebziger Jahren sozialdemokratisch geprägten Fortschrittsbegriff und untermalte diesen Weg nicht nur rhetorisch, sondern auch szenisch. Aus einem statischen, konservativen Geschichtsbild wurde ein Urvertrauen in den steten Wandel der Menschheit. Das bürgerliche Lager marschiert nunmehr an der Spitze des Fortschritts, statt des einst so gut abgestimmten langsamen Wandels regiert der Herzogsche Ruf nach dem Ruck. Damit entfernt es sich immer weiter von dem größten Teil ihrer Anhängerschaft, der weiterhin seinen Hang zur freien Natur, dem geselligen Biergarten oder der zweisamen Kaminatmosphäre pflegt.

Christian Werwath ist wissenschaftliche Hilfskraft im Projekt „Politische Führung im deutschen Föderalismus“.


[1] Walter, Franz: Im Herbst der Volksparteien?, Bielefeld, 2009, S. 36.

[2] Vgl. Deutscher Bundestag (Hrsg.): Stenografischer Bericht 122. Sitzung, 08. September 2004, Berlin, 2004, S. 111010.

[3] Vgl. Meck, Georg: Erschöpft, ausgebrannt, arbeitsmüde, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 07. März 2010.

[4] Kloepfer, Inge: Der neue Klassenkampf. Das gespaltene Land., in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 20. Januar 2010.

[5] Neu, Hajo: Weniger arbeiten, mehr leben. Strategien für konsequentes Downshifting, 2003, Frankfurt am Main.

[6] Landmesser, Martin L.,/Sczepan, Johannes: Leben um zu arbeiten – arbeiten um zu leben? Prioritäten in Zeiten der Globalisierung, Stuttgart, 1998.


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