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„Warum erst jetzt?“

Hanna Fesche |  22. September 2014 |   |  Drucken

[kommentiert]: Hanna Feesche über den Historikertag 1998 und die Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte

Vom 23. bis zum 26. September findet in diesem Jahr der 50. Deutsche Historikertag in Göttingen statt. Der größte geisteswissenschaftliche Kongress in Europa bietet unter dem Motto „Gewinner und Verlierer“ etwa 3000 angemeldeten TeilnehmerInnen die Möglichkeit, in 74 Sektionen über 400 ReferentInnen anzuhören. Daneben gibt es eine Fach- und Verlagsausstellung mit 150 Ausstellern, ein Schülerprogramm, ein Doktorandenforum mit Poster-Ausstellung und ein umfassendes Rahmenprogramm mit Stadtführungen, Exkursionen und erstmalig einem History Slam.

Zunächst ist der Historikertag eine Fachtagung, die sich an WissenschaftlerInnen richtet und ihnen eine Plattform bietet, sich vorzustellen und auszutauschen. Immer wieder gibt es aber Themenbereiche und Kontroversen, die über die Fachgrenze hinaus auf Resonanz stoßen. Für die Geschichtswissenschaft bietet der Historikertag eine besondere Gelegenheit, ihre Thesen, Positionen und Diskussionen an die breite Öffentlichkeit heranzutragen.

Zuletzt schlug vor allem der Frankfurter Historikertag 1998 große Wellen. Wider Erwarten wurde dieser nicht vom 150-jährigen Jubiläum der Paulskirchen-Versammlung geprägt. Vielmehr stand das Verhältnis bedeutender deutscher Historiker zum Nationalsozialismus im Vordergrund. Innerhalb der Zunft vollzog sich infolgedessen ein Wahrnehmungswandel der eigenen Koryphäen, doch auch jenseits der Geschichtswissenschaft polarisierte die Debatte. Über 450 TeilnehmerInnen verfolgten am 10. September die Vorträge der (Nachwuchs-)Wissenschaftler Peter Schöttler, Pierre Racine, Götz Aly, Michael Fahlbusch und Mathias Beer, die unter Moderation und Leitung von Jürgen Kocka, Winfried Schulze und Otto Gerhard Oexle in der Sektion „Deutsche Historiker im Nationalsozialismus“ ihre mitunter wegweisenden Forschungsergebnisse präsentierten.

Im Mittelpunkt der sich anschließenden Diskussion standen neben Franz Steinbach, Franz Petri, Otto Brunner und Hermann Heimpel vorrangig das Verhältnis und die Verbindung der späteren „Gründungsväter der bundesdeutschen Sozial- und Strukturgeschichte“[1] Theodor Schieder und Werner Conze zum Nationalsozialismus. Letztere hatten sich in der Nachkriegszeit auf dem Gebiet der Geschichtswissenschaft verdient gemacht (unter anderem waren beide Vorsitzende des Historikerverbands) und eine neue Generation bedeutender Historiker ausgebildet. Hierzu gehörten neben Wolfgang J. Mommsen, Hans Mommsen und Hans-Ulrich Wehler auch Wolfgang Schieder, der Sohn des zur Disposition stehenden Historikers. Eben jene, die sich aus dem Publikum heraus an der Diskussion beteiligten, argumentierten keineswegs übereinstimmend. Vielmehr reichten ihre Positionen von einer nahezu apologetischen Haltung bis hin zu einer klaren Schuldzuschreibung. So urteilte Hans Mommsen über Schieders Arbeit vor 1945: „Das ist nicht Affinität zum Nationalsozialismus, das ist der Nationalsozialismus.“ Demgegenüber sprach Hans-Ullrich Wehler Schieder „ein[en] schmerzhafte[n], aber doch überzeugende[n] Lernprozeß“ zu, den er nach 1945 gemacht habe und den man „nur positiv nennen“[2] könne.

Es stellt sich natürlich die Frage, warum die Debatte erst ein halbes Jahrhundert nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs aufflammte. In der Eröffnungsrede des Historikertags brachte der damalige Vorsitzende des Deutschen Historikerverbandes,Johannes Fried, eben dies zur Sprache: „Warum gerade jetzt […] dieser Durst nach Aufklärung? Oder genauer: Warum erst jetzt? Warum schwieg die bundesdeutsche Geschichtswissenschaft über die NS-Vergangenheit ihrer führenden Repräsentanten? Warum konnten Sie mit geschönten Biographien leben?“[3]

Der mittlerweile zweite Generationenwechsel spielte hierfür eine bedeutende Rolle. Das Lehrer-Schüler-Verhältnis und die damit einhergehenden Seilschaften, Abhängigkeitsverhältnisse und Verbindungen waren aufgeweicht, wodurch die Hemmschwelle für kritische Nachfragen und Forschungen herabgesetzt wurde. Im Jahr 1998 waren die Beschuldigten bereits verstorben, eine allzu persönliche Diskreditierung war nicht mehr möglich. Weiterhin führte die Öffnung bis dahin verschlossener Archive zu neuen Möglichkeiten, fehlende Informationen zu den Lebensläufen und Institutionen, in denen die Historiker involviert waren, aufzudecken. Darüber hinaus brachte die deutsche Wiedervereinigung von 1990 außer einer breiteren Quellenbasis die Verbindung der bisher nebeneinander existierenden Historikerverbände mit sich, was auch zu einer neuen Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte führte. Schließlich richtete sich die Geschichtswissenschaft in den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg in ihrer Thematik zunehmend internationaler aus, vernachlässigte jedoch gleichzeitig die unangenehme Beschäftigung mit der eigenen Vergangenheit. Auch von staatlicher Seite gab es keine Impulse für eine breitere wissenschaftliche Aufarbeitung. So konnten viele Historiker ihre akademischen Karrieren, die sie während des Nationalsozialismus begründet hatten, in der Nachkriegszeit beinahe nahtlos fortsetzen. Die Geschichtswissenschaft zeigte sich somit über fünf Jahrzehnte hinweg wenig selbstreflexiv.

Inwieweit insbesondere Theodor Schieder und Werner Conze Mithelfer oder gar Vordenker der nationalsozialistischen Vernichtungspolitik waren, ist mittlerweile an vielen Stellen aufgearbeitet worden. Beide waren Mitglied der NSDAP und wirkten teils federführend in der sogenannten Ostforschung während des Nationalsozialismus aktiv mit. Die „wissenschaftliche“ Analyse der Gebiete östlich des Deutschen Reichs wurde durch das NS-Regime besonders gefördert und ausgeweitet und diente letztlich zur Vorbereitung der Lebensraum- und Vernichtungspolitik.

Obwohl die Erforschung einzelner Biographien schon im Vorhinein begonnen worden war, kann der Historikertag 1998 als Grundstein für eine breite Auseinandersetzung mit der Vergangenheit der Größen der deutschen Geschichtswissenschaft nach dem Zweiten Weltkrieg gelten. Hinter die vorgebrachten Erkenntnisse konnte nicht mehr zurückgefallen werden.

Ob der diesjährige Historikertag ebenfalls Geschichte zu schreiben vermag, wird sich zeigen. Vielversprechend erscheint das Streitgespräch zwischen Christopher Clark und Gerd Krumeich zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs. Schon 1964 kam es im Rahmen der Fischer-Kontroverse um den 26. Historikertag zum öffentlichen Schlagabtausch über die Kriegsschuldfrage. Im Gedenkjahr zum Ersten Weltkrieg haben neue Forschungen den Anstoß zu einer Wiederaufnahme der Diskussion eines nicht nur deutschen Themas gegeben.

Hanna Feesche arbeitet am Göttinger Institut für Demokratieforschung.

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[1]Ullrich, Volker: Späte Reue der Zunft. Endlich arbeiten die deutschen Historiker die braune Vergangenheit ihres Faches auf, in: DIE ZEIT (1998), URL: http://www.zeit.de/1998/39/199839.historiker_.xml[eingesehen am 18.09.14].

[2] Kaiser, Tobias: Rezension zu: Schulze, Winfried; Otto Gerhard Oexle (Hrsg.): Deutsche Historiker im Nationalsozialismus. Frankfurt am Main 1998, in: H-Soz-u-Kult. 01.03.2000, URL: http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/id=221 [eingesehen am: 18.09.14].

[3] Fried, Johannes: Eröffnungsrede zum 42. Deutschen Historikertag am 8. September in Frankfurt am Main, in: ZfG, Jg. 46 (1998), H. 10, S. 869-874, hier S. 873.


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