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Vor einem neuen Zyklus sozialer Rebellion?

Franz Walter |  8. November 2010 |   |  Drucken

[kommentiert]: Franz Walter über die gesellschaftlichen Voraussetzungen von Kritik und Revolten.

Honeymoon in Deutschland? Im etablierten Unternehmerlager jedenfalls erblickt man viele fröhliche Gesichter; Umsätze und Gewinne sind zuletzt kräftig gestiegen. Auch der gegenwärtige Bundesfinanzminister wirkt weit entspannter als noch vor einigen Monaten, da überraschende Steuereinnahmen zu verzeichnen sind. Die Wirtschaft in Deutschland wächst wieder. Selbst stattliche Lohnerhöhungen scheinen nach Jahren der Askese nicht mehr unmöglich zu sein.

Endet damit endlich auch die Stimmung aus Verdruss und Depression? Mehr noch: Wird damit gar Protest und fundamentaler Kritik an den Machtverhältnissen nun zur Gänze der Boden entzogen? Denn: Wenn es den Leuten gut geht, dann halten sie still. Nur wenn es ihnen schlecht geht, werden sie unruhig und rebellisch. So jedenfalls ist es weit verbreitete Ansicht.

Doch ist ein solcher Pessimismus in historischer Perspektive keineswegs begründet. Die lange Geschichte von Revolten, Rebellionen und Revolutionen zeigt vielmehr, dass die Jahre tiefer ökonomischer Krisen alles andere als gute Jahre für Gesellschaftskritik und soziale Gegenwehr waren. Denn elementare Daseinssorge und wirtschaftlicher Rückstand lähmen und entmutigen. Die Menschen kündigen in solchen Situationen resigniert ihre Sozialkontakte auf, verzagen, fügen sich fatalistisch. Erst muss sich der Druck der ökonomischen Malaise lockern, erst dann ist der selbstbewusste Auftritt der Outcasts und Minderprivilegierten denkbar.

Das eben gehört zu den Paradoxien der menschlichen Geschichte: Je stärker sich die Lage ökonomisch verbessert, desto vernehmlicher artikuliert sich die Unzufriedenheit über die Umstände. Alexis de Tocqueville hat auf diesen Zusammenhang von wirtschaftlicher Blüte und rebellischem Trotz schon in seinen Studien zur Französischen Revolution aufmerksam gemacht: „Das Übel ist geringer geworden, aber die Empfindlichkeit ist lebhafter“ – in diese Formel kleidete er den mentalen Zustand des französischen Volkes am Vorabend der großen Unruhen in Paris. Mehr noch, gerade die fortgeschrittensten Regionen des Landes, in denen der Wohlstand sich allmählich ausbreitete, wurden zu Brennpunkten der Erhebung. Dagegen blieben die sozial und wirtschaftlich rückständigen Landesteile durchweg Domänen der aristokratischen Konterrevolution. Jedenfalls lagen die historischen Siedepunkte gesellschaftlicher Erregung und des Veränderungsdrangs – 1642, 1776, 1789, 1917 – ganz überwiegend in ökonomischen Aufwärtszyklen.

Oft genug destabilisiert rapides wirtschaftliches Wachstum die gesellschaftlichen Beziehungen. Der erfolgreich entfesselte Markt erschüttert die sozialen Verhältnisse, löst Bindungen auf und nagt an den überlieferten Ordnungssystemen. Vor allem aber: Der wirtschaftliche Aufschwung produziert Möglichkeiten, beendet die Phase der Apathie, da die ökonomische Besserung deutlich werden lässt, das es auch sozial anders geht, dass Armut, Erwerbslosigkeit, materielle Einschnitte keine allein demütig zu ertragende, unabänderliche Realität ausmachen müssen. Erst diese Erfahrungen realistischer Gegen-Möglichkeiten durch wirtschaftlich vermehrten Spielraum stacheln Menschen zu Aktivitäten an, inspirieren sie zu neuen Ansprüchen. Nicht zufällig lagen die großen, hart und lang geführten gewerkschaftlichen Streiks in der Geschichte der Industriegesellschaft überwiegend im Abschnitt der Hochkonjunkturen, kaum einmal in Momenten der Stagnation oder der Baisse.

Wirtschaftliches Wachstum ist in aller Regel das Fundament für die Verbesserung der Lebensbedingungen. Damit erweitern sich aber Erwartungen, nicht zuletzt: die Hoffnungen. Die Dimension der Zukunft gewinnt auf diese Weise erheblich an Bedeutung. All das aber – Erwartung, Hoffnung, Zukunft – ist die unverzichtbare Voraussetzung für den zielorientierten Protest. Verzweiflung und bittere Not gebären Resignation, zuweilen auch den überraschend aufkommenden und ebenso jäh wieder abflachenden Tumult. Erst aus der Aussicht auf das bessere Morgen oder Übermorgen, aus der Steigerung der Bedürfnisse speisen sich die Kraft zu zäher Negation der obwaltenden Verhältnisse.

Das trifft nicht nur auf die Schichten unten in der Gesellschaft zu. Das gilt ebenso – und häufig noch sehr viel mehr – für Gruppen in so genannten Elitepositionen. Diese können im Zuge wirtschaftlichen Wachstums durchaus ihr Einkommen absolut erhöht haben, ohne dass ihre Frustration deswegen schon gemindert wäre. Es ist stets der Vergleich mit anderen Gruppen, der über das Ausmaß von Unzufriedenheit und Systemkritik entscheidet. Fällt der Gewinn der Nachbarn noch üppiger aus, ziehen sie finanziell gar weit davon, dann ist das schwerer zu ertragen als gleiche Entbehrungen für alle. Doch ist es gar nicht in erster Linie der materielle Aspekt, der den Boden für Aufruhr und Protest bereitet. Viel wesentlicher ist meist der Rang in der Hierarchie der Wertigkeit. Gerade in Zeiten ökonomischen Wachstums gruppiert sich die Sozialordnung in Teilen um. Alte Eliten verlieren an Einfluss; neue Führungsgruppen setzen sich an die Spitze. Die Kriterien des Sozialprestiges ändern sich und führen bei denen, die dadurch an Status verlieren, zur Verbitterung. Oft mündet das in rückwärts gewandten Protest, in die Verklärung des Vergangenen.

Gefährlicher wird es für die Träger der herrschenden Ordnung, wenn der Wachstumszyklus sich abschwächt und neuen, erwartungsfrohen, dynamisch vorpreschenden Eliten der Aufstieg plötzlich versperrt ist. Diese Kaderanwärter verfügen über enorme Qualifikationen und erreichen doch nicht das, wofür sie ausgebildet worden sind und was ihnen stets als Ziel aller individuellen Anstrengungen galt. Historisch hat es kaum eine große Revolte gegeben ohne diese Gruppe blockierter Nachwuchseliten als Katalysator und Ideologielieferant im Gärungsprozess der massenhaften Auflehnung.

Verbindet sich diese gestaute Elite mit den Schichten unten, die gerade in ökonomisch blühenden Zeiten das unerreichbare Vorbild des opulenten Lebenswandels der Wohlstandsgewinner tagtäglich vor Augen haben, dann allerdings stehen die Machtverhältnisse zur Disposition. Nicht die „alten Armen“ aus Tradition sind das Problem der Herrschaftsordnungen, sondern die „neuen Armen“ der Hochkonjunktur, denen es materiell oft keineswegs elendig geht, die sich aber wertmäßig nicht angemessen in der dominanten gesellschaftlichen Rangskala platziert sehen. Die Diskrepanz bringt den Brennstoff hervor, der das Feuer der Gesellschaftskritik und der Revolte entfacht. Und die Diskrepanz zwischen exzellenter Bildung hier, trüber beruflicher Perspektive dort in ein und derselben Person hat geschichtlich den Motor der massenhaften Empörung am stärksten ins Laufen gebracht. Der blockierte Gebildete ist der Repräsentativtypus der flammenden rebellischen Rede und systemkritischen Programmatik. Schon die Bauernkriege kamen meist ohne intellektuelle Anführer nicht aus. Auch der amerikanischen Revolution waren Jahre des verriegelten Aufstiegs für neue akademische Eliten vorangegangen. Die Jakobiner der Französischen Revolution gehörten nicht zur Gruppe der déclassés, sondern zählten mehrheitlich zu den zuvor blockierten Aufsteigern. Etliche der liberalen und demokratischen Journalisten in der 1848er Revolution hatten – ursprünglich meist juristisch qualifiziert – eine Karriere im Staatsdienst angestrebt, aber wegen der Überfüllung dort nicht realisieren können. Aufstiegsblockade war ebenfalls eine biographische Kernerfahrung der sozialrevolutionäre Intelligenzija in Russland vor 1917. Die faschistischen Massenbewegungen der 1920er und 1930er Jahre lebten wesentlich von den Frustrationsenergien beruflich ausgebremster bürgerlicher Jungkader.

Elitenrivalität bildet regelmäßig die Ouvertüre für die geschichtlich großen gesellschaftlichen Konflikte. Ein Teil der Elite, dessen eigene Wahrnehmung seiner Werteposition nicht mit der realen gesellschaftlichen Rolle übereinstimmt, vollzieht gewissermaßen den Frontwechsel. Ganz unmöglich ist es infolgedessen nicht, dass sich auch im 21. Jahrhundert neue Formen der Elitenkonfrontationen entwickeln, dass Bündnisse aus blockierten oder geschmähten Teilen der – sagen wir: geisteswissenschaftlichen – Intelligenz mit den übrigen Geschädigten und Bedrohten des mobilen Globalkapitalismus entstehen mögen. Jedenfalls: Sollte es wirtschaftlich boomen, wird es gesellschaftlich unruhig.

Zur Revolte kommt es vor allem dort, wo der Protest schon Tradition hat. Auch in der Kultur der Aufständigkeit herrscht offenkundig in den Nationen eine Pfadabhängigkeit. Erfolgreiches Aufbegehren ermutigt auch die nächste Generation zur aktiven Obstruktion und radikalen Kritik der Verhältnisse. Außerparlamentarischer Protest, der zum Ziel geführt hat, wird zu einer legitimen Methode der Auseinandersetzung und setzt sich fort. Erfolgreiche Revolutionen hat Deutschland historisch bekanntlich nicht zu bilanzieren. Eine Kulturgeschichte der Proteste dagegen fällt hierzulande ertragreicher aus. Die Proteste der späten 1960er und 1970er Jahre – um nur auf die späten Ereignisse in einer durchaus langen Kette renitenten Verhaltens hinzuweisen – entluden sich in der Bundesrepublik heftiger als in den meisten anderen Ländern dieser Welt. Ganz ohne Wirkung auf Mentalität und selbst auf das Parteiensystem der deutschen Gesellschaft blieben sie bekanntlich nicht. Und daher ist es nicht auszuschließen, dass in der Enkel-Generation des Protests der Aufruhr wieder auflebt und sich mit dem rückgekehrten Einpunkt-Engagement der neuen, jungen Alten verbindet. Ökonomisches Wachstum jedenfalls könnte das Feuer der Kritik neu entfachen und nähren.

Franz Walter ist Leiter des Göttinger Instituts für Demokratieforschung.


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