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Vor dem großen Aufbruch ’89 in der DDR

Daniel Albrecht, Lisa Weimar |  22. Oktober 2014 |   |  Drucken

[kommentiert]: Daniel Albrecht und Lisa Weimar über die Vorwendezeit im Roman „Pygmalion“ von Steffen Mensching.

Berichte über das Jahr ’89 und damit auch die sogenannte Vorwendezeit sind geprägt von Zeichen des Aufbruchs: Menschen, die jubelnd die Parole „Wir sind das Volk“ rufen und verunsicherte Grenzbeamte einfach hinter sich lassen, um voranzuschreiten in eine lang ersehnte Zukunft. Somit erscheint ’89 gleichzeitig als Endpunkt einer sich linear entwickelnden Vorwendezeit,[1] die ihren Höhepunkt in der friedlichen Revolution fand: „Nichts wäre verlockender als ihn [den letzten Abschnitt der DDR] als Vorbereitungszeit des Umbruchs zu beschreiben – als ein Kessel, in dem der Druck steigt, bis es zur Explosion kommt. Doch der reale Befund sieht anders aus“[2], so der Historiker Stefan Wolle. Tatsächlich hatten weder westliche Beobachter noch die DDR- Staatsführung und nur vereinzelte Personen aus dem Kreis der Bürgerrechtler mit einem derartigen Ereignis gerechnet. Günter Schabowski verkörpert als Politbüromitglied die Verwirrung und Ratlosigkeit eines Systems, das von seiner eigenen Abschaffung überrumpelt wurde.

Innerhalb dieser dominierenden Wendeerzählung geraten Menschen aus dem Blick, die sich mit der DDR arrangiert hatten und sich nicht eindeutig ins Narrativ einer nach Freiheit strebenden DDR-Bevölkerung gegen Regimeführung und Staatssicherheit einordnen lassen. Im „diffusen Dämmerlicht“[3] dieser Vorwendezeit verfasste Steffen Mensching seinen Satireroman Pygmalion, der sich überwiegend als Gegenthese zur Meistererzählung des allgemeinen Aufbruchs liest und schon rein personell mit ihr bricht. Während Bürgerrechtler bzw. Demonstranten eine Randerscheinung sind, steht ein anonymer Ich-Erzähler im Zentrum, der eine verworrene Spionagegeschichte erlebt – ständig hin- und hergeworfen zwischen Erkennen und Verpassen der Wahrheit über seineRepublik. Im Nachwort des Romans wird er als Durchschnittsbürger deklariert, der keine Ausnahmeerscheinung gewesen, doch in der Erinnerung gänzlich ins Abseits geraten sei:

 „Überhaupt, was ist das für ein Held, dieser oberflächliche Schwätzer, dieser Möchte-gern-        Macho, diese Mixtur aus James Bond und Pawel Kortschagin, ein Narr, der alles sieht und        nichts erkennt. Er ist das ideale Mittelmaß. Niemand will so gewesen sein in dieser ruhmreichen Republik des Widerstandes. Wohin mit ihm, unserem glorreichen Kleinbürger – steckt er nicht in uns allen […]“?[4]

Der bisher unbescholtene Bürger nimmt, angeworben von den „Genossen“, einen Spionageauftrag an und heftet sich an die Fährte seines guten Freundes, der in republikfeindliche Aktivitäten verwickelt sein soll.[5]DerIch-Erzähler ist verunsichert, sein Freund, der Maler P., sei zwar kein Parteimitglied, aber doch im Herzen ein treuer Sozialist, dies gelte es zu beweisen. Die bis dato gut sortierte Welt des Ich-Erzählers verflüssigt sich zu einem Gewirr aus Verdächtigungen und Ahnungen.

Statt aufzubegehren wird der Auftrag zum Ausgangspunkt einer Suche nach der Unschuld desFreundes „Für die gute Sache, für P., für die Freundschaft“[6], für den Frieden der Republik[7] sowie nach eigenen Wahr- und Gewissheiten: „Welche Rolle spielst du in diesem Scheißstück?“,fragt er sich empört.[8]

Auf der Suche nach dem Freund erlebt er die Republik fern vom großen Aufbruch, in ihrer alltäglichen ideologischen Verfestigung. Er trifft Menschen, die Stützkräfte der autoritären „Republik sind und deren offensichtliche Doppelbödigkeit mit produzieren. Die Staatsbürgerkundelehrerin Ingeetwa ärgert, dass sie sich bei Schülerfragen zu Stalin oft allein gelassen fühle. Grundsätzliche Zweifel am offiziellen Geschichtsbild der DDR aber hegt sie nicht. Ebenso die Germanistikstudentin Helena, die sich beklagt, dass ihr der Forschungskanon kaum Freiheiten für persönliche Deutungen lasse: „Bin ich Schizophren? […] natürlich bin ich`s. […] Wie wir alle hier, die immer eine Lücke finden, um unsere Fachmeinung rein zu halten vom Alltagskummer.“[9] Zu weiteren Reflexionen oder gar einer Fundamentalkritik an den Verhältnissen kommen beide Charaktere aber nicht.

Überdies beginnt der Ich-Erzähler mit dem Schreiben eines Essays über den Pygmalion-Mythos, jenen Bildhauer, dessen Werk, eine leblose weibliche Elfenbeinstatue, durch Venus zum Leben erweckt wird. Die Arbeit am Mythos wird für ihn zum schriftlichen Austragungsort seines Konflikts mit der Republik. Im Unterschied zum griechischen Original deutet der Ich-Erzähler die Erweckung des Kunstwerks zum Leben nicht als göttliches Wunder, sondern als künstlichen Schöpfungsakt mit „katastrophale[n] Auswirkungen“.[10] Im Gewand einer Auseinandersetzung mit dem Mythos entlarvt er, wenn auch unbewusst, die Gründungserzählung der Republik als künstliches, um sich selbst kreisendes Ideengebilde, als Mythos, der konfrontiert mit Logik zwangsläufig an der Realität scheitern müsse.

Auf einer Reise, die ihn nach Südamerika führt, lichtet sich die Verwirrung des Ich-Erzählers und eröffnet ihm – ganz Klischee – einen neuen Blick auf seine Republik. Diese findet er tief in Waffengeschäfte verwickelt, vom zunächst gepredigtem Erhalt des Friedens keine Spur mehr. „Für die gute Sache, für P. und für die Freundschaft“,wird zu einer hohlen Phrase, die sein Weltbild bisher zusammengehalten hatte. Schon längst hat der Sozialismus die eigenen Ideale verraten und Waffen an rechte Kreise verkauft, die gegen die Befreiungsfront in Südamerika kämpfen. Für einen Moment scheint der Ich-Erzähler erwacht.

Auf dem Rückflug packen ihn jedoch Zweifel und ersticken die Erkenntnis im Keim:[11]Die Mutter, die Freundin und die Genossen, wie würden sie reagieren, wenn er die letzte Säule ihres Weltbildes zum Wackeln brächte.[12] „Zwischenmenschliche Beziehungen, gestörte Verhältnisse, Torsi, die auf Auseinandersetzung verweisen“[13],resümiert der Ich-Erzähler seine trostlose Lage. Doch von den hunderttausend einhellig Rufenden, von einem Gefühl des Aufbruchs keine Spur. Im Gegenteil, Mensching zeichnet das Bild eines mit seinen Einsichten überforderten Individuums, das sich wohl auch deshalb lieber für den Alltag als fürs Revoltieren entscheidet.

Zurück zu Hause macht sich der Ich-Erzähler so zuallererst auf die Suche nach Zigaretten. Zufällig gerät er in eine Demonstration, die er auf absurde Weise für einen Filmdreh hält. Weil nicht sein darf, was nicht sein kann, hat der Ich-Erzähler seine Erkenntnis verdrängt. Er kann sich nicht vorstellen, dass seine Wahrheit auch die der anderen sein könnte. So werden Erkenntnis und Wahrheit in Menschings Roman zu flüchtigen Gütern, die sich schwer gegen mächtige Zweifel verteidigen lassen. Erst als er zusammen mit anderen in einem Polizeibus abtransportiert wird, fügen sich die Puzzleteile aus Halbwahrheiten, Lügen und eigenen Ansichten zusammen. Der vom Chef der Genossen ausgehändigte Verdienstorden wird versenkt in der Kaffeekanne der Sekretärin und es folgt der Rückzug in die eigenen vier Wände.

Mensching erzählt hier auch die Geschichte seines eigenen Erwachens. Er selbst, der zunächst einer der meistgeförderten Nachwuchslyriker der DDR war,[14] verspottete mit seinem Clownsduo Meh und Weh bereits Ende der 1980er Jahre die DDR-Staatsführung, aber zum Bürgerbewegten wurde er erst, als die Demonstrationen zu einer Massenbewegung aufbrandeten:

„Es ging wohl um ein Sich-frei-Schreiben von eigenen Verhärtungen, […]; ich hatte das Bedürfnis, mich in einer satirisch leichten Form über bestimmte Verbortheiten hinwegzusetzen, die ich bei mir selber bemerkt hatte, ohne all dies schon benennen zu können[…]. Wenn ich die letzten Jahre vor der Wendezeit reflektiere, […] wusste [man] natürlich um die psychischen Prozesse, die man da mitmachte. Man wußte, daß man in mancher Hinsicht wirklich schizophren lebte, daß man viele[s] verdrängte […] und daß man immer den Eindruck hatte, […] daß alle Werte, die postuliert wurden, eigentlich schon unterhöhlt waren, daß die gesamte Gesellschaft maskiert herumlief.“[15]

So eröffnet Menschings Roman über die Satire mit Überspitzungen und Klischees eine weitere Facette der Vorwendezeit jenseits der üblichen Erzählung und gibt so den Blick frei auf eine Gesellschaft, die sich auch eingerichtet hatte zwischen der häufig beschriebenen Dialektik von sozialistischer Idylle und totalitären Strukturen.

Daniel Albrecht arbeitet am Göttinger Institut für Demokratieforschung. Lisa Weimar ist Master of Education in Geschichte und Germanistik, Kunstpädagogik. Sie beschäftigte sich zuletzt mit Migrationsforschung sowie Visual History.

[1] So zum Beispiel: von Hammerstein, Konstantin: 4. November 1989.„Vorwärts nach Hinten“, in: DER SPIEGEL, H. 41/2014, S. 48-53. Oder auch: Kammann, Alexander: Knacken in der Leitung, in : Die ZEIT, H. 42/2014, S. 18.

[2] Wolle, Stefan: „Es geht seinen sozialistischen Gang“, in: Neubert, Ehrhart/Eisenfeld, Bernd (Hrsg.): Macht – Ohnmacht – Gegenmacht. Grundfragen zur politischen Gegnerschaft in der DDR, Bremen 2001, S. 307-316, hier S. 314.

[3] Ebd.

[4] Mensching, Steffen: Pygmalion, 1991, S. 440-441.

[5] Ebd., S. 6-9.

[6] Ebd., S. 29.

[7] Ebd., S. 10.

[8] Ebd., S. 29.

[9] Ebd., S. 72.

[10]    Mensching,Pygmalion, S.155.

[11] Ebd., S. 402.

[12] Ebd., S. 400.

[13] Ebd., S. 409-410.

[14] Braun, Michael/Bernhard Walcher: Steffen Mensching, in: Opitz, Michael (Hrsg.): Metzler-Lexikon der Literatur: Autoren – Institutionen – Debatten, Stuttgart 2009, S. 166-167.

[15] Löser, Christian: Die Wahrheit Nackt machen. Gespräch mit Steffen Mensching, in: neue deutsche Literatur, Jg. 39 (1991), H. 457, S.116-124, hier S. 118.


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