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Von der Ladefläche zur Großbühne

Jens Gmeiner |  4. Juli 2011 |   |  Drucken

[analysiert]: Jens Gmeiner über die Politikerwoche in Almedalen

In dieser ersten Juliwoche ist es wieder soweit. Die schwedische Ostseeinsel Gotland und ihre kleine wie beschauliche Hauptstadt Visby verwandeln sich zum größten politischen Treffpunkt in Schweden. Die gesamte Aufmerksamkeit der Medien richtet sich dann auf die alte Hansestadt mit ihren gut erhaltenen mittelalterlichen Bauten und der historischen Stadtmauer. Und mittendrin befindet sich der namensgebende Park, der ein großes Stück schwedischer politischer Kultur mitbegründet hat: Almedalen. Die Politikerwoche in Almedalen verkörpert bis heute ein einmaliges Ereignis in den westlichen Demokratien.

Denn wo sonst trifft der interessierte Beobachter innerhalb von sieben Tagen auf alle relevanten Parteien sowie deren Vorsitzende, auf Arbeitergeberverbände, Gewerkschaften, Kirchen und Nichtregierungsorganisationen. Gleichwohl machen die Reichstagsparteien den Kern der Politikerwoche aus, die mit einer Vielzahl von Seminaren, Pressekonferenzen und Reden für ihre Politik werben und darüber debattieren möchten. Im Zuge der Medialisierung und Personalisierung schwedischer Politik ist die Politikerwoche zu einem Großevent geworden, wobei nicht nur die Reden der Parteivorsitzenden der schwedischen Parteien für reichlich Aufmerksamkeit und journalistische Berichterstattung sorgen. Im Jahr 2010 gab es in dieser einen Woche mehr als 1390 Veranstaltungen zu allen denkbaren gesellschaftspolitischen Themen, an denen schätzungsweise 11 000 Menschen teilnahmen. 900 akkreditierte Journalisten waren im Wahljahr 2010 vor Ort und berichteten über das Großereignis.

Dabei begann doch alles ganz schlicht im kleinen Rahmen. Der erste Politiker, der im Park Almedalen auftrat, war der spätere Ministerpräsident und Sozialdemokrat Olof Palme. Das war im Sommer 1968. Palme, der seinen Sommerurlaub auf Gotland verbrachte, sprach damals – auf Wunsch der örtlichen Sozialdemokraten – von der Ladefläche eines Lastwagens aus zu einigen hundert Zuhörern. Zunächst bestand die Almedalswoche also nurmehr aus einer Almedalsrede.  Anfang der siebziger Jahre begann das Ereignis langsam zu wachsen. Immer mehr Partvorsitzende kamen hinzu und hielten ihrerseits Reden, die Massemedien begannen sich für die Auftritte zu interessieren und so wuchsen auch die Zuhörerzahlen. Im Jahr 1982 wurde dann zum ersten Mal ein Seminar von den Sozialdemokraten angeboten, das wirtschaftspolitische Fragen behandelte. Im selben Jahr, vor der Wahl 1982, stellte Olof Palme mit 5000 Zuhörern einen ersten Publikumsrekord auf; Teilnehmerzahlen in dieser Höhe waren ein Novum in der jungen Geschichte von Almedalen.

Für die meisten älteren Beobachter und vor allem für die schwedische Sozialdemokratie ist und bleibt Almedalen auch heute noch eng verbunden mit Olof Palme. Als Redner und Persönlichkeit war Palme maßgeblich für den medialen Erfolg und die Bekanntheit der Politikerwoche verantwortlich. Durch Palme wurde die kleine Insel Gotland mitunterzu einer Schaubühne internationaler Politik, auch wenn das Ausland davon meist nichts mitbekam. Palme verlieh dann dem politisch kleinen Schweden – zumindest innerhalb des Landes – weltweite Geltung und internationale Bedeutung. Nach dem Mord an Olof Palme im Jahr 1986 entschied sich der darauffolgende Parteivorsitzende Ingvar Carlsson aus Respekt, bis Anfang der neunziger Jahre an anderen Orten in Visby aufzutreten. Das Erbe Palmes wog schwer und sollte besonders bewahrt werden. Ohne Palmes Person ist Almedalen jedenfalls nicht denkbar. Er öffnete die Tore für das heutige Großevent im beschaulichen Visby.

Die Woche in Almedalen verkörpert aber mehr als ein politisches Großereignis. Almedalen ist zugleich der symbolische Ausdruck eines offenen und demokratischen Schwedens, das Raum für Debatten einräumt, sogar dazu auffordert, sich einzubringen, mitzudenken und mitzuformulieren. Alle Veranstaltungen der Woche sind kostenlos und für alle offen zugänglich. Den politischen Parteien in Schweden, die den größten Teil der Woche organisieren und Angebote bereitstellen, bietet Almedalen die Möglichkeit, wieder in den medialen Fokus zu geraten. Die Teilnehmer und Veranstalter vor Ort können aber auch Parteikollegen und Freunde aus dem ganzen Land wiedertreffen, frühere Kontakte vertiefen und vor allem schnell und effektiv neue Netzwerke knüpfen. Insofern ist die Woche in Almedalen nicht nur ein Spektakel für Medien und interessierte Bürger, sondern auch unerlässlich für die politische und gesellschaftliche Kulturpflege. Jede Partei, die im Reichstag vertreten ist, hat genau einen Tag in der Woche für sich, an dem sie gezielt im Fokus steht. Nach dem Einzug der rechtspopulistischen Schwedendemokraten im Wahljahr 2010 beginnt die Woche im Jahr 2011 nun schon am Sonntag, da acht Parteien im Parlament vertreten sind.

Auch wenn in diesem Jahr nicht mehr die hohe politische Aufmerksamkeit des Wahljahres 2010 auf die Woche in Almedalen gerichtet ist, so wird dies der journalistischen Berichterstattung kaum schaden. Denn natürlich werden sich die Medien auf den Auftritt des im März gewählten Parteivorsitzenden der Sozialdemokraten, Håkan Juholt, stürzen und über die beiden neuen Parteisprecher der Grünen, Åsa Romson und Gustav Fridolin, ausgiebig berichten. Alles in allem basiert die Ausstrahlungskraft von Almedalen noch immer darauf, dass Politik stark personalisiert wird und den Auftritten der jeweiligen Parteivorsitzenden dabei eine zentrale Bedeutung beigemessen wird. Das ist für die schwedische Politik Fluch und Segen zugleich: Zum einen natürlich ein deutlicher Ausdruck personenzentrierter Politikvorstellungen, in denen weniger Inhalte, als vielmehr Gesichter und Rhetorik eine gewichtige Rolle spielen. Zum anderen ein politisches und gesellschaftliches Großereignis, das mit Auftritten der bekannten Persönlichkeiten wirbt, um Politik und Demokratie vor Ort in diversen Veranstaltungen erfahrbar zu machen.

Olof Palme auf der Lastwagenladefläche vor wenigen hundert Zuschauern oder Håkan Juholt auf der Großbühne vor mehreren tausend Teilnehmern – vielleicht mag alles größer, medialer und pluralistischer geworden sein, haben sich schwedische Gesellschaft und Politik genauso wie Almedalen in den letzten 40 Jahren rapide gewandelt. Am Kern von Almedalen hat sich jedoch kaum etwas verändert – Politik und Politiker kommen für eine Woche in die malerische Kleinstadt, um dort das Publikum von sich zu überzeugen

Jens Gmeiner ist studentische Hilfskraft am Göttinger Institut für Demokratieforschung.


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