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Vom Milieu zur Szene

Christoph Hoeft |  17. Mai 2013 |   |  Drucken

[analysiert]: Christoph Hoeft über Lebenswelten linker Politik in Hamburg

Das Milieu der Arbeiterschaft war jahrzehntelang unerschütterliches Fundament und beständiger Nährboden linker Politik. In einem weitverzweigten Netz von Bildungs-, Kultur-, Sport- und Geselligkeitsvereinen, konnten sich die Arbeiter nicht nur von einer feindlichen Umwelt zurückziehen, sondern zusätzlich in kleinem Maßstab vorwegnehmen, was ihnen in einer größeren Perspektive noch wie ein ferner Traum erschien: ein freies und solidarisches Miteinander, ohne Unterdrückung und Ausbeutung. Auch wenn mittlerweile die Erosion des Arbeitermilieus weit vorangeschritten ist, kann linke Politik weiterhin auf eine Basis zurückgreifen, die in etlichen Punkten den Charakteristika des Milieus der Arbeiterschaft gleicht und somit dem scheinbar verlorenen Konzept der Solidargemeinschaft weiter erstaunlich nahe kommt: Gemeint ist die linke Szene[1] bzw. das alternative Milieu.

Alternative Milieus und linke Szenen haben sich seit den späten 1960er Jahren in etlichen Großstädten gebildet. Am Beispiel der Hamburger „Recht auf Stadt“-Bewegung[2], in der sich verschiedenste gentrifizierungskritische Initiativen zu einem größeren Netzwerk zusammengeschlossen haben, lässt sich die parallele Wirkung der Szene verdeutlichen. Dieter Rucht versteht unter „Milieu“ ein

„Konglomerat von Menschen, Gruppen, Orten, Institutionen und Infrastrukturen, die durch physische und symbolische Präsenz einen bestimmten sozialen Raum markieren, der sich durch eine stark binnenzentrierte Kommunikation und insbesondere durch direkte Interaktion reproduziert.“[3]

Ganz ähnlich fassen das niederländische Autonome zusammen, die die Bedeutung der „Szene“ folgendermaßen beschreiben:

„Die Szene entsteht, wenn man einander immer öfter an dazu auserkorenen Orten über den Weg läuft. […] Die Szene ähnelt dem Kaffeehaus des 18. Jahrhunderts, dem Salon des 19. Jahrhunderts […], kurzum all den (in)formellen Institutionen, die die Erinnerung an ein Ereignis mit einem Lebensstil verbinden, in dem das Versprechen auf Wiederkehr kultiviert wird.“[4]

Szene oder Milieu, egal welchen Begriff man nun bevorzugt: In beiden Fällen handelt es sich um einen realen sozialen Raum, in dem Gleichgesinnte aufeinandertreffen, interagieren, sich zu gemeinsamem Handeln zusammenschließen können. Auf diese Weise entsteht eine lebensweltliche Verankerung der politischen Aktion im Nahbereich, also beispielsweise im Viertel. Im typischen Szeneviertel arbeiten die Aktivisten nicht nur auf politischer Ebene zusammen, sondern sie wohnen in denselben Häusern, sie verkehren in gemeinsamen Cafés und Kneipen, sie treffen sich nicht nur auf vereinzelten Demonstrationen, sondern auch im normalen sozialen Miteinander. Politik wird für sie daher zu einem ständigen Bestandteil des Alltags und eben nicht zu einem abgeschotteten, separaten Bereich des Lebens, dem man sich ausschließlich nach Feierabend widmen kann. Die Aktivisten teilen nicht nur politische Ansichten, sondern auch moralische Überzeugungen, eine ähnliche sozialstrukturelle Lage, Konsum- und Lebensstile, sie bilden somit ein gemeinsames Milieu.

Auf diese Weise verändert sich auch der Charakter der Bewegung, sie profitiert deutlich von der engen Einbindung und der untrennbaren Verflechtung mit der „linken Szene“. Beispielsweise ziehen die Aktivisten der „Recht auf Stadt“-Bewegung immer wieder Nutzen aus der längeren Tradition linker Bewegungspolitik in Hamburg. Und sie können über Jahrzehnte gesammeltes kollektives Wissen abrufen, das innerhalb der linken Szene von Generation zu Generation weitergegeben wurde: Welche verwaltungstechnischen Vorschriften gelten bei Demonstrationen? Auf welche Anwälte kann man sich verlassen? Welche Politikerinnen und Politiker haben ein offenes Ohr für die eigenen Anliegen? All das sind taktische Erfahrungen, auf die jederzeit unkompliziert zurückgegriffen werden kann.

Die Einbindung in einen linken Zusammenhang ermöglicht aber auch, sich selbst bzw. das eigene Handeln als Teil einer mehr oder weniger ruhmreichen linken Erzählung in Hamburg zu begreifen. Diese Bewegungsgeschichte, als deren Teil man sich auch als Neu-Aktivist fühlen kann, umfasst die Hausbesetzungstradition seit den Auseinandersetzungen um die Rote Flora oder die Hafenstraße und die alternativen Anti-AKW-Protesten im Hamburg der 1970er Jahre. Sie  reicht gar bis in die überhöhte „proletarische“ Vergangenheit der Stadt zurück, etwa wenn auf die entscheidende Rolle von Hafenarbeitern in der Revolution 1918 oder dem KPD-Aufstand in den 1920er Jahren verwiesen wird.

Gleichzeitig schafft die enge Verbundenheit mit der gemeinsamen szenischen Lebenswelt auch Vertrauensverhältnisse, die eine politische Arbeit entweder vereinfachen, oder überhaupt erst möglich machen. Ein Aktivist der Bewegung fasste diesen Umstand folgendermaßen zusammen: „Warum Recht auf Stadt in Hamburg so funktioniert wie es funktioniert und warum es anders funktioniert als in anderen Städten, ist ganz wesentlich der Informalität geschuldet, dass es einfach ganz viele Beziehungen gibt, die über die Jahrzehnte zu Vertrauensverhältnissen geführt haben und die über politische Trennungen oder Fraktionierungen oder Unterschiedlichkeiten hinweg trotzdem Dinge möglich machen.“

In einem möglicherweisen entscheidenden Punkt aber unterscheidet sich die Solidargemeinschaft der Arbeiter von der linken Szene: Die Zugehörigkeit zum Milieu erfolgte unweigerlich qua Geburt und begleitete ihre Mitglieder mehr oder weniger „von der Wiege bis zur Bahre“. Die Zugehörigkeit zur Szene dagegen entsteht aus einer freien Entscheidung heraus, sie ist Resultat einer letztlich individuellen Einstellung und eben keine kollektive Klassenzugehörigkeit. Auch wenn die Loslösung individueller Biographien von der sozialen Herkunft eine entscheidende Errungenschaft der Wohlfahrtsgesellschaft ist, so lässt sie doch die Basis linker Politik allmählich bröckeln.

Die bedingungslose, weil eben auch nicht wählbare Solidarität innerhalb der Arbeiterschaft ermöglichte beispielsweise vor 123 Jahren den Sieg der Sozialdemokratie über Bismarcks Sozialistengesetz. Jahrelange Unterdrückung und Verfolgung konnten nicht nur überstanden werden, sondern die Arbeiterbewegung ging stärker und selbstbewusster aus dieser Zeit hervor, als diese jemals zuvor gewesen war. Ob die flexible und volatile linke Szene einen solch ungeheuerlichen Kraftakt heute stemmen könnte, ist dagegen in der Tat fraglich.

Christoph Hoeft ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Göttinger Institut für Demokratieforschung. Zum Thema Infrastruktur-Proteste hat er zusammen mit Julia Kopp und Felix Butzlaff just einen Artikel im Sammelband „Die neue Macht der Bürger“ veröffentlicht.


[1] Zum Begriff der politischen Szene vgl. Haunss, Sebastian: Identität in Bewegung: Prozesse kollektiver Identität bei den Autonomen und in der Schwulenbewegung, Wiesbaden, 2004, S. 79-89; vgl. auch Leach, Darcy K.; Haunss, Sebastian: Scenes and Social Movements, in: Johnston, Hank (Hrsg.): Culture, Social Movements, and Protest, Farnham [u.a.], 2009, S. 255-276.

[2] Vgl. Füllner, Jonas; Templin, David: Stadtplanung von unten. Die „Recht auf Stadt“-Bewegung in Hamburg, in: Holm, Andrej; Gebhardt, Dirk (Hrsg.): Initiativen für ein Recht auf Stadt. Theorie und Praxis städtischer Aneignung, Hamburg, 2011, S. 79-104.

[3] Rucht, Dieter: Das alternative Milieu in der Bundesrepublik. Ursprünge, Infrastruktur und Nachwirkungen, in: Reichardt; Sven; Siegfried, Detlef (Hrsg.): Das Alternative Milieu. Antibürgerlicher Lebensstil und linke Politik in der Bundesrepublik Deutschland und Europa 1968-1983, Göttingen 2010, S. 61-86, hier S. 65.

[4] Zitiert nach: Haunss, Identität in Bewegung (2004), S. 80.


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