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Vom Kulturkampf um die Unterschicht

Florian Finkbeiner |  14. November 2014 |   |  Drucken

Banner_Proteste[analysiert]: Florian Finkbeiner über das verkannte Protestpotenzial der Unterschichten.

Die Disziplin der Protestforschung ist relativ jung. Mit ihrem interdisziplinären Setting zwischen Soziologie, Politik- und Geschichtswissenschaft kämpft sie um ihren Status. Diese anhaltende Vernachlässigung in der deutschen Forschungslandschaft erstaunt angesichts der beträchtlichen Zunahme unterschiedlicher Protestformen. Auf dem Kampffeld um die Wahrnehmung und Deutung von Protesthandlungen zwischen wissenschaftlicher Anerkennung (und Distinktion), medialer (Früh-)Interpretation und feuilletonistischer Avantgarde sucht die Bewegungsforschung noch ihre Rolle. In diesem Spannungsfeld verdichten sich grundlegende Annahmen darüber, wer als handlungsfähig für Proteste gilt (und dann dementsprechend wahrgenommen wird) und wie sich diese Strukturkategorien (re-)produzieren. Doch dabei werden bedeutende Potenziale verkannt.

Im kollektiven Bewusstsein der letzten Jahre sind vor allem „Stuttgart 21“ und Proteste gegen Großprojekte präsent. Hierin zeigt sich schon, dass „Protest“ von der Mehrheitsgesellschaft überwiegend als Elitenphänomen betrachtet wird. Denn so unterschiedlich die zugrundeliegenden Handlungsmotive in den beiden genannten Fällen auch sein mögen, haben sie dennoch gemeinsam, dass deren Träger fast ausschließlich aus dem bürgerlichen Milieu stammen. Andere Protestformen, deren Träger eher aus den Gruppen der Prekären oder Marginalisierten stammen, werden dagegen weniger wahrgenommen. Doch die Massenproteste vor allem in Südeuropa zeigen, dass gerade diese Gruppen Ausgangspunkt oder elementarer Teil dieser Bewegungen sind, die in ihren Handlungsformen zwar nicht wirklich neu sind – vielmehr in neuen Konstellationen und von früheren Protesten ausgehend in die neuen Bewegungen integriert werden –, aber zumindest aus den etablierten und tradierten Strukturen ausbrechen.

Die Fähigkeit zur politischen Artikulation ist der gängigen Forschung zufolge an bestimmte Strukturkategorien geknüpft. Nur diejenigen, die über spezifische ökonomische, soziale oder kulturelle Ressourcen verfügen, seien in der Lage, sich in sozialen Formationen zu integrieren. Dadurch geraten jedoch die kollektiven Handlungen jener Gruppen, die diese vermeintlichen Ressourcen eben nicht mobilisieren können, aus dem Blick.

Dahinter verbirgt sich ein langfristiger Prozess, in dessen Verlauf der klassische Begriff der Arbeiterklasse an Schärfe verliert, da die Strukturen dieser Arbeiterklasse erodieren. Owen Jones beschreibt diesen Vorgang als Dämonisierung der Arbeiterklasse: Zum einen führe der Wandel der Arbeitsbeziehungen infolge der Deindustrialisierung zur Entkollektivierung auf allen gesellschaftlichen Ebenen. Zum anderen diktierten die Doktrin der Eigenverantwortung und das neue Mantra der gesellschaftlich erstrebenswerten Klassenzugehörigkeit (zur Mittelschicht) die neuen Klassen- und Bewusstseinslagen.[1] Diese Strukturdynamiken führten dazu, dass den klassischen Arbeiterschichten, die sich nicht der Illusion einer Mittelschicht-Zugehörigkeit hingeben, über vielfältige Praktiken ein spezieller Status zugewiesen werde, den die Betroffenen selbst internalisierten und reproduzierten: In Deutschland wäre dieses Zerrbild z.B. der „Hartzer“, in Frankreich der „RMIste“ (Empfänger der Wiedereingliederungshilfe) und in England der „Chav“ oder „Proll“. Kurz: Ein Lehrstück darüber, wie politische Wirklichkeit durch Sprache hergestellt werden kann.

Die Prekarisierungsforschung hat das Deutungsmuster der „Integrations- oder Anomieproblematik“[2] etabliert. Doch so wichtig der Fokus auf der Betonung der „Identität durch Arbeit“ auch sein mag, vernachlässigt er doch den Blick für den „Rand der Marginalisierten oder Asozialen“.[3] Schon diese Formulierung zeigt, dass sich die soziologische Forschung von den kumulativ betroffenen Subjekten der Ausgrenzungsprozesse ein Bild macht, das Parallelen zum Stereotyp der deklassierten und politisch suspekten Lumpenproletarier aufweist. Schon Karl Marx grenzte das Lumpenproletariat verächtlich aus den Reihen der Arbeiterklasse aus, weil es sich nicht seiner Klassenlage bewusst werden und sich nicht konterrevolutionär mit dem Proletariat solidarisieren könne.

Die Protestforschung reproduziert diesen Blick teilweise auf die Betroffenen „von oben“ und neigt zu deren tendenzieller Entsubjektivierung.[4] Durch die Verschaltung bestimmter Strukturformen der Marginalisierten und deren Erweiterung auf Teile des Prekariats mit sozialen und politischen Handlungsorientierungen trete nach Peter Bescherer die Bewegungsforschung das „Erbe der klassischen Lumpen-These und ihrer kulturindustriellen Reformulierung“[5] an. Soziale Bewegungen der Unterschichteten in Lateinamerika oder Ostasien werden zwar zunehmend in ihrem widerständigen und organisatorischen Potenzial wahrgenommen. Aber europäische Bewegungen der Unterschichteten werden dagegen weiterhin verdrängt oder als reiner „Vandalismus“ abgetan. Dies zeigt sich besonders bei den Riots in Frankreich 2005 und England 2011. Deren Protestformen wurden allein auf ihre Gewalt reduziert, wodurch ihnen das Politische abgesprochen wurde – wie es beispielsweise Slavoj Žižek tut –, weil sie u.a. keine politischen Forderungen artikulierten.

Selbst wenn die Aburteilung bestimmter emanzipatorischer Bemühungen der Unterschichten historisch gesehen vielleicht gerechtfertigt scheint, sollte dies allerdings kein Grund sein, dass sich das Gros der Befreiungstheorien und -praktiken so wenig von der Kritik an ihrem produktivistischen Subjektverständnis in Frage stellen lässt und es die Eigenlogik von Armutsprotesten so wenig ernst nimmt. Protestformen des modernen Lumpenproletariats sollten nicht als sinnlose Gewaltentladung stigmatisiert, sondern in ihrem sozialstrukturell-politischen Moment begriffen werden. Das bedeutet freilich keine Rechtfertigung destruktiver Gewalt, wohl aber ihre Wahrnehmung als Bestandteil eines neuen Kampfes um die kulturelle Deutungshoheit. Statt einer Abqualifizierung müssen Prekäre wie Marginalisierte in gesellschaftliche Formationen wie sozialen Bewegungen reintegriert werden oder „die Unterschichten selbst müssten zur Quelle einer anti-bürgerlichen Gegenbewegung werden. Zu einem anständigen Kulturkampf gehören immer zwei“.[6]

Florian Finkbeiner arbeitet am Göttinger Institut für Demokratieforschung.

[1] Jones, Owen: Prolls. Die Dämonisierung der Arbeiterklasse, Mainz 2013.

[2] Castel, Robert: Die Metamorphosen der sozialen Frage – Eine Chronik der Lohnarbeit, Konstanz 2000, S. 12.

[3] Castel, Robert: Die Krise der Arbeit – Neue Unsicherheiten und die Zukunft des Individuums, Hamburg 2011, S. 300.

[4] Candeias, Mario/Völpel, Eva: Plätze sichern! ReOrganisierung der Linken in der Krise. Zur Lernfähigkeit des Mosaiks in den USA, Spanien und Griechenland (unter Mitwirkung von Lara Hernández und Robert Ogman), Hamburg 2014, S. 30.

[5] Bescherer, Peter: Vom Lumpenproletariat zur Unterschicht. Produktivistische Theorie und politische Praxis, Frankfurt am Main 2013, S. 167.

[6] Lessenich, Stephan: Bürgerbegehren gegen die Unterschicht, in: Rehmann, Jan/Wagner, Thomas (Hg.): Angriff der Leistungsträger? Das Buch zur Sloterdijk-Debatte, Hamburg 2010, S. 167-170, hier S. 170.


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