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Vom Göttinger Studenten zum Staatsoberhaupt

Sebastian Kohlmann |  2. Februar 2015 |   |  Drucken

[analysiert]: Sebastian Kohlmann mit einem Nachruf auf Richard von Weizsäcker

Mehrere Tage hat die Reise vom Bodensee gedauert, bevor Richard von Weizsäcker, 25, schließlich in Göttingen ankam.[1] Das Wintersemester stand vor der Tür – Göttingen war neben Heidelberg[2] die erste Stadt, die den Universitätsbetrieb wieder aufgenommen hatte. Es ist das Jahr 1945, der Krieg ist gerade vorbei. Die kommenden Jahre sollten für den jungen von Weizsäcker ein “einziges großes Studium generale”[3] werden, erinnert sich der spätere Bundespräsident. Mehr noch: Die Aufnahme an der Universität Göttingen sei ein “Lebensglücksfall” gewesen. Richard von Weizsäcker, am 31.01.2015 im Alter von 94 Jahren gestorben, war einer der ganz großen Intellektuellen in der Nachkriegsbundesrepublik. In Göttingen fand seine Karriere ihren Ursprung.

Ein Freund schrieb Weizsäcker nach Kriegsende in der kleinen Stadt an der Leine ein, in der Hoffnung, dass er den Krieg überlebt habe. Er hatte – und gehörte fortan zu einem der 1571 Erstsemester unter den insgesamt 5005 Studierenden.[4] “Noch einmal nach der Soldatenzeit boten [diese Studienjahre] die Gelegenheit, einen Freundeskreis zu finden, der immer bestehen blieb”, erzählt von Weizsäcker einmal.[5]

Unter ihnen war unter anderem der spätere Reformpädagoge Hartmut von Hentig.[6] Bis spät in die Nacht saßen sie bisweilen zusammen, manchmal sogar bis zum Morgen, weil die britische Besatzungsmacht in Göttingen eine Sperrfrist ab 22 Uhr verhängt hatte.[7] Trafen sie sich, hörte Richard, der kleine Bruder des universalgelehrten Carl, immer geduldig zu und überzeugte. “So wie er wollte ich gedacht haben”, erinnert sich von Hentig.[8] Bald schon gehörte von Weizsäcker zu einem kleinen Kreise, der beim renommierten, nach dem Krieg jedoch zunächst umstrittenen Arbeitsrechtler Wolfgang Siebert, seinem späteren Doktorvater, zu Debatten nach Hause eingeladen worden war.[9]

Seine ersten Jurakenntnisse durfte von Weizsäcker unverhofft schon früh anwenden. Nach dem fünften Semester unterbricht er sein Studium umgehend, um seinem Vater, den er sehr verehrte und liebte und der nun als “Kriegsverbrecher” angeklagt war,[10] bei den “Nürnberger Prozessen” als Anwaltsassistent beizustehen.[11] Der Anwalt des Vaters lobt im Rückblick den “wesentlichen Anteil” des damals 28-Jährigen “an der Aufbauarbeit der Verteidigung”.[12] Zweifelsohne gehörten diese zwölf Monate zu von Weizsäckers “intensivster Lehrzeit”, wie er selbst sagt[13]. Er ist damit einer der “ersten Deutschen”, die “den Ablauf der systematischen Ausrottung von Millionen Menschen durch das NS-Regime” kennengelernt hatten.[14] Eine frühzeitige Auseinandersetzung mit der Elterngeneration ging damit einher, die sich später sicherlich auch in seiner Rede zum 40. Jahrestag des Kriegsendes widerspiegelte.[15]

Es folgt die Beendigung seines Studiums in Göttingen mit der Examensnote “gut”[16] und schließlich ein Ausflug in die Wirtschaft, obwohl ihm eine wissenschaftliche Karriere offen gestanden hätte.[17] Von Weizsäcker findet, dass ein Wirtschaftsmann in seiner Familie fehle. In verschiedenen Unternehmen arbeitet er fortan, unter anderem bei Mannesmann als engster Mitarbeiter und Redenschreiber unter Chefjustitiar Wolfgang Pohle. Der war um 1953 wirtschaftspolitischer Sprecher der CDU/CSU-Fraktion, ein Mann, gegen den “keine der wirtschaftspolitischen Entscheidungen jener Zeit” gefasst worden ist.[18] Über diese Berührung und seinen Eintritt in die CDU im Jahr 1954 ging sein politisches Engagement zunächst jedoch nur wenig hinaus. Neben seiner Tätigkeit in einem Bankunternehmen und später in einem Chemieunternehmen schlägt von Weizsäcker vielmehr eine Kirchenlaufbahn ein, die jedoch keineswegs überraschend kam.[19]

“Von 1964 bis 1970 arbeitete von Weizsäcker im Ehrenamt des Kirchenpräsidenten am gesamtdeutschen Zusammenhalt mit, war federführend an Denkschriften der Evangelischen Kirche in Deutschland beteiligt, weil es die Aufgabe seiner Generation gewesen sei, ‘den Polen näher zukommen’”, schreibt die FAZ einmal über ihn. “Deshalb habe er sich für den ‘Einstieg’ in politische Wahlämter entschlossen”[20]. Seit 1962 war er Kirchentagsvorsitzender, ein Amt, das er noch ein Jahr behielt, als er 1969 das erste Mal in den Bundestag gewählt worden ist – und seine CDU-Karriere sicherlich begünstigte. Ein Parteipolitiker war er gleichwohl nicht, die CDU als Heimat zu bezeichnen, das wäre ihm fremd gewesen. Das machte sich schnell bemerkbar. Die ablehnende Haltung der CDU zu Willy Brandts Ostverträgen nahm er nicht an, vielmehr warb er für eine Enthaltung seiner Partei, womit er den Ostverträgen schließlich entscheidend den Weg bereitete. Er selbst hingegen unterstützte sie, “wenngleich vorsichtig”.[21]

Schnell avancierte von Weizsäcker mit derlei persönlicher Überzeugungsarbeit zu einer der “Schlüsselfiguren der Opposition”[22]. Nach der Wahlniederlage von 1972 leitete er die Grundsatzkommission der CDU, war mitunter Bundestagsvizepräsident und “von 1972 bis 1979 einer der stellvertretenden Vorsitzenden der Unionsfraktion”.[23] Inhaltlich ließ er sich dabei nicht festlegen. Das “Wohl des ganzen Volkes” stand, etwa bei Wirtschaftsfragen, häufig über den “Interessen der Partei”.[24]

Vielleicht machte ihn gerade diese Überparteilichkeit gepaart mit seinem Intellekt zu einem geeigneten, geradezu idealen Präsidentschaftskandidaten.[25] Bereits 1974 wurde er, wenngleich chancenlos, aufgestellt. Erst neun Jahre später sollte er gewählt werden. In der Zwischenzeit wurde er noch Bürgermeister von Berlin, immerhin das Amt, aus dem heraus Willy Brandt einst Kanzlerkandidat geworden ist.

Von Weizsäcker wusste, was er wollte, und er wusste – trotz all seiner Parteienkritik – genau, wie er es gedachte durchzusetzen. 1974 hatte er in Helmut Kohl noch einen Förderer für seine Präsidentschaft hinter sich wähnen können, 1983 war dessen Haltung jedoch einer geradezu ablehnenden gewichen. Der Bundeskanzler Kohl wollte, anders als der Oppositionsführer Kohl, keinen Bundespräsidenten von Weizsäcker mehr. Dennoch sollte sich eben dieser dank seines persönlichen Einsatzes gegen Ernst Albrecht als Kandidat durchsetzen.[26] Weizsäcker selbst spricht unverblümt davon, dass er bei Kohl letztendlich stark um die Kandidatur kämpfen musste.[27] Ein „Lebenstraum“[28] sollte damit in Erfüllung gehen.

Schnell wurde der mittlerweile 64-Jährige als Idealtypus eines Bundespräsidenten angesehen.[29] Und in der Tat: Von Weizsäcker erfuhr vom ersten Moment seiner Präsidentschaft an eine enorme Beliebtheit – nicht nur in der Bevölkerung. Die Bundesversammlung wählte ihn bei seiner ersten Wahl am 23.05.1984 mit 832 von 1017 Stimmen zum Bundespräsidenten, dem bis dahin besten Ergebnis bei dieser Wahl in der bundesrepublikanischen Geschichte.[30] Bei den kommenden Wahlen sollte er dieses sehr gute Stimmenverhältnis nochmals weiter zu seinen Gunsten verschieben.

Von Weizsäcker, so der gängige Tenor, besitzt die Kunst des Wortes. In der Sprache war denn auch ein Grund für von Weizsäckers positive Aura zu finden. Doch das wäre zu kurz gegriffen, die FAZ formuliert es einmal treffend mit den Worten: “Wortgewaltige Redner gab es etliche in der Geschichte der Bundesrepublik. Keiner aber kann sich mit ihm vergleichen, was die Übereinstimmung von Erscheinungsbild, Ausstrahlung, Wortwahl und Vortrag angeht. Der Eindruck von Noblesse, Eleganz und Verbindlichkeit bestach seine Zuhörer von Anfang seiner politischen Karriere an.”[31]

Und so wirkt er – zum Beispiel mit seiner Rede zum 40. Jahrestag des Kriegsendes am 08. Mai 1985, die national und international viel Beachtung fand[32] – bis heute nach.[33] Er gilt als moralische Instanz, wie sie sonst vielleicht nur noch Altkanzler Helmut Schmidt ist. Beide zusammen sind sie mehrmals zusammen im Fernsehen aufgetreten. Auf von Weizsäcker könne man stolz sein, das sei heute zu einer Rarität geworden, befindet die FAZ. Vielleicht ist Helmut Schmidt der zweite, auf den man das heute noch kann, beide haben sie ihre Integrität auch nach Regierungsende nicht verloren. Von Weizsäcker ist Bundespräsident auch “außer Dienst” geblieben[34], einer, der Kohl für seine Spendenpraxis – und dessen Aufarbeitung – hart kritisierte[35], einer, der der Überparteilichkeit wegen seine Parteimitgliedschaft seit Beginn seiner Präsidentschaft bis zu seinem Tode ruhen ließ und sich immer wieder zu politischen Sachverhalten äußerte. Zweifelsohne: Er war ein parteiübergreifend angesehener Mensch und Politiker.

Von Weizsäckers Karriere nahm seinen Ursprung in Göttingen, diese Zeit, die für ihn eine “erfüllende und prägende Epoche des Lebens”[36] war. Es war der Ausgangspunkt einer großen bundesrepublikanischen Karriere, zum Idealtypus eines Bundespräsidenten und zum ersten Bundespräsidenten eines geeinten Deutschlands. Von Weizsäcker ist die Art von Politiker, dessen Worte alleine durch ihre Sprache glänzten und die auch ohne ein Amt inne zu haben zählten und Gewicht hatten. Es gibt nicht mehr viele von Ihnen. Von Weizsäcker bleibt so ein großer Staatsmann, der auch über seinen Tod hinaus wirkt.

Sebastian Kohlmann ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Göttinger Institut für Demokratieforschung.

[1] vgl. Weizsäcker, Richard von: Vier Zeiten. Erinnerungen, Berlin 2002, S.97f [im Folgenden: Weizsäcker, R. v.: Vier Zeiten, 2002].

[2] vgl. Filmer, Werner; Schwan, Heribert: Studienjahre in Göttingen; in: dies.(Hsg.): Richard von Weizsäcker. Profile eines Mannes, Düsseldorf und Wien 1984, S.55 [im Folgenden: Filmer, W.; Schwan, H.: Studienjahre in Göttingen; in: dies.(Hsg.): Richard von Weizsäcker, 1984].

[3] Richard von Weizsäcker im Interview mit „10 Fragen an 100 Ehemalige der Georg-August-Universität Göttingen“; abrufbar unter: http://www.uni-goettingen.de/de/73898.html [zuletzt eingesehen am 13.07.2011].

[4] Filmer, W.; Schwan, H.: Studienjahre in Göttingen; in: dies.(Hsg.): Richard von Weizsäcker, 1984, S.56.

[5] Weizsäcker, R. v.: Vier Zeiten, 2002, S.107.

[6] Filmer, W.; Schwan, H.: Studienjahre in Göttingen; in: dies.(Hsg.): Richard von Weizsäcker, 1984, S.57.

[7] Vgl. Weizsäcker, R. v.: Vier Zeiten, 2002, S.110.

[8] Henting, Hartmut von: Ein älterer Bruder; in: Filmer, Werner; Schwan, Heribert (Hsg.): Richard von Weizsäcker. Profile eines Mannes, Düsseldorf und Wien 1984, S.59.

[9] Von Weizsäcker und seine Kommilitonen besuchten nicht nur Vorlesungen ihrer eigenen Fakultät, sondern “hörten auch Philosophie, Geschichte, Theologie und Naturwissenschaft.” Mit alle dem wurde dieses Studium, wie für die meisten seiner Kommilitonen, “zur geistig an- und aufregendsten Zeit” (Filmer, W.; Schwan, H.: Studienjahre in Göttingen; in: dies.(Hsg.): Richard von Weizsäcker, 1984, S.57.)

[10] Scholz, Günther: Die Bundespräsidenten, Bonn 1997, S.366 [im Folgenden: Scholz, G.: Die Bundespräsidenten, 1997].

[11] vgl. Hofmann, Gunter: Richard von Weizsäcker; in: Zeitpunkte: Die Bundespräsidenten. Das Amt, die Staatsoberhäupter, die Bewerber 1994, Heft 2/1994, S.86 [im Folgenden: Hofmann, G.: Richard von Weizsäcker; in: Zeitpunkte, 1994].

[12] Wein, Martin: Die Weizsäckers. Geschichte einer deutschen Famile, München 1991, S.495 [im Folgenden: Wein, M.: Die Weizsäckers, 1991].

[13] So sagt er, dass diese Jahre “sowohl in menschlichem Sinne dem Vater gegenüber als auch im zeitgeschichtlichen Sinne vielleicht die größte und intensivste Lehrzeit, die ich ihn meinem Leben überhaupt erlebt habe”, gewesen seien; vgl. ebd., S.497.

[14] Vgl. ebd., S.495.

[15] Vgl. Blasio, Richard: Das geteilte Gedächtnis; in: FAZ, 01.10.2009, S.10. [im Folgenden: Blasio, R.: Das geteilte Gedächtnis; in: FAZ, 01.10.2009]

[16] Scholz, G.: Die Bundespräsidenten, 1997, S.366.

[17] So stand ihm “der Weg zum Deutschen Institut zur Erforschung der nationalsozialistischen Zeit, dem heutigen Institut für Zeitgeschichte in München, […] auf Grund seiner Erfahrungen in Nürnberg offen”, schreibt dazu Martin Wein; vgl.: im Folgenden: Wein, M.: Die Weizsäckers, 1991, S.497.

[18] Scholz, G.: Die Bundespräsidenten, 1997, S.367.

[19] Bereits in den 1950er Jahre hatte er mehrere Kirchentage besucht. Schon 1961 wurde er erstmals gefragt, ob er Nachfolger des Kirchentagspräsidenten und Gründungsvaters werden wolle, nach einem Jahr Bedenkzeit nahm er schließlich an; vgl. Scholz, G.: Die Bundespräsidenten, 1997, S.369.

[20] Blasio, R.: Das geteilte Gedächtnis; in: FAZ, 01.10.2009, S.10.

[21] Hofmann, G.: Richard von Weizsäcker; in: Zeitpunkte, 1994, S.86.

[22] Hofmann, G.: Richard von Weizsäcker; in: Zeitpunkte, 1994, S.86.

[23] vgl. Fromme, Friedrich-Karl: Ein Bundespräsident aus dem Bilderbuch; in: FAZ, 15.04.1995, S.12.

[24] Winter, Ingelore M.: Unsere Bundespräsidenten, Düsseldorf 2004, S.198. [im Folgenden: Winter, I.: Unsere Bundespräsidenten, 2004]

[25] In Anspielung auf die fehlende Mehrheit in der Bundesversammlung schimpfte z.B. der damalige CSU-Vorsitzende Strauß “Es hat keinen Sinn, sich immer nach dem Idealkandidaten umzusehen.”; vgl. Scholz, G.: Die Bundespräsidenten, 1997, S.372.

[26] vgl. z.B. Winter, I.: Unsere Bundespräsidenten, 2004, S.196.

[27] Weizsäcker notiert so in der FAZ: „Kohl konnte nicht alles durchsetzen. So war es auch bei meiner Wahl zum Bundespräsidenten; denn sein Kandidat war bis zuletzt nicht ich, sondern Ernst Albrecht, was dieser in seinen Erinnerungen ebenso klar wie fair beschreibt.“, vgl. Weizsäcker, Richard von: Macht, Recht, Ehre. Welche Konsequenzen sind aus den Verfehlungen Kohls und der Krise der CDU zu ziehen?; in: FAZ, 28.01.2000, S.3.

[28] Blasio, R.: Von der Freiheit des Freiherrn; in: FAZ, 15.04.2005, S.10.

[29] vgl. Hofmann, G.: Richard von Weizsäcker; in: Zeitpunkte, 1994, S.86.

[30] vgl. ebd.

[31] Feldmeyer, Karl: Sprechen und Denken; in: FAZ, 15.04.2000, S.10.

[32] Vgl. Winter, I.: Unsere Bundespräsidenten, 2004, S.202; Außerdem: Publizist Günther Hofmann etwa befindet, dass diese Rede zu so etwas, wie einem “Grundkanton der Republik” geworden sei, vgl. Hofmann, G.: Richard von Weizsäcker; in: Zeitpunkte, 1994, S.86.

[33] Hofmann, G.: Richard von Weizsäcker; in: Zeitpunkte, 1994, S.86.

[34] vgl. z.B.: Winter, I.: Unsere Bundespräsidenten, 2004, S.220f.

[35] vgl. Weizsäcker, Richard von: Macht, Recht, Ehre. Welche Konsequenzen sind aus den Verfehlungen Kohls und der Krise der CDU zu ziehen?; in: FAZ, 28.01.2000, S.3.

[36] Weizsäcker, R. v.: Vier Zeiten, 2002.


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