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Vom Diktator zum Friedensphilosophen

Robert Lorenz |  12. September 2011 |   |  Drucken

[Göttinger Köpfe]: Robert Lorenz über den Physiker Carl Friedrich von Weizsäcker

Die Unstetigkeit Carl Friedrich von Weizsäckers hatte eine entscheidende Quelle: seinen Ehrgeiz. Jahrzehntelang befand sich der Sprössling einer der bedeutendsten Familien Deutschlands auf der Suche nach einem Metier, in dem er eine Spitzenposition einnehmen, gewissermaßen zum Star avancieren konnte. Es sollte allerdings bis in die 1970er Jahre dauern, als er endlich eine geeignete Nische fand und besetzte. Alles begann in „Piklön“. So nannte von Weizsäcker eine komplexe Fantasiewelt, die er im zarten Knabenalter kreiert hatte, um dort mit Freunden und Familienmitgliedern Politik zu spielen. So gesehen erscheint es geradezu logisch, dass die Welt ihn als „Friedensphilosophen“ kannte, als er im April 2007 im Alter von 94 Jahren verstarb.

Der ältere Bruder des früheren Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker zählt unzweifelhaft zu den honorabelsten Köpfen der deutschen Nachkriegsgeschichte. Doch bis dahin hatte er einen langen Weg beschreiten müssen – durch die Weimarer Republik, das „Dritte Reich“ und schließlich die Bonner Republik. Dabei begann er seine berufliche Karriere als Physiker, er lehrte in späteren Phasen seines Lebens aber auch Astronomie und Philosophie – stets als Professor. Wie erklärt sich diese beeindruckende, zugleich verworrene Laufbahn?

Jener Charakter, den der junge Carl Friedrich in Piklön mimte, trug nach der Auffassung seines Vaters, dem deutschen Spitzendiplomaten, Wesenszüge des italienischen Diktators Benito Mussolini. Kaum, dass er dem Grundschulalter entwachsen war, vertiefte er sich in die Literatur und blätterte in wissenschaftlichen Fachzeitschriften. Ergriffen las er im Alter von elf Jahren die Bergpredigt, drei Jahre zuvor hatte er sich bereits von den Geheimnissen des Himmelsfirmaments faszinieren lassen. Innerlich sehnte er sich während seiner Kinder- und Jugendjahre danach, wie sein Vorbild Augustus in autokratischer Herrschaft der heftig zerstrittenen Welt eine Ordnung zu geben und Frieden über sie zu bringen. In von Weizsäcker paarten sich überdurchschnittliche Intelligenz und ein gesunder Ehrgeiz, woraus ein selbstbewusstes Statusstreben erwuchs.

Richtungsweisende Bedeutung für von Weizsäckers zukünftige Karriere hatte ein Zusammentreffen mit Werner Heisenberg, einem der verheißungsvollsten Nachwuchsphysiker am Vorabend des Atomzeitalters, das wenig später mit der Entwicklung der Quantenmechanik, der Spaltung des Atomkerns, schließlich der Atombombe über die Menschheit hereinbrechen sollte. Heisenberg lockte von Weizsäcker mit der Aussicht auf eine große Karriere in der Physik, die sich damals, in den 1920er Jahren, durch geniale Protagonisten wie Albert Einstein oder Niels Bohr in einer Sturm- und Drangzeit befand. Eine bahnbrechende Entdeckung jagte die andere. Ganz zweifellos ließ sich dabei trefflich Karriere machen. Und so kam es auch: Von Weizsäcker stieg rasant auf, promovierte 1933 bei Heisenberg, habilitierte sich drei Jahre später im Alter von 24 Jahren. Wissenschaftliche Arbeit fand er anschließend nicht etwa in den niederen Rängen der Universität, sondern an elitären Max-Planck-Instituten, allzeit umgeben von weltbekannten Nobelpreisträgern und heißblütigen Nachwuchsforschern.

Doch war dies zugleich ein Problem. Von Weizsäcker bemerkte schnell, dass er in solch einem konkurrenzträchtigen Umfeld, unter der Ägide unerreichbarer Überväter wie Heisenberg oder mindestens ebenbürtiger Mitschüler wie Karl Wirtz nicht weit kommen, nicht zur Spitze seiner Profession aufzuschließen im Stande wäre. Zwar zählte man auch ihn schnell zur Physikerelite, handelte man seinen Namen bisweilen sogar für den Nobelpreis. Doch schien er aus dem Schatten seiner Kollegen nicht heraustreten zu können. Er ahnte wohl, dass sein Talent niemals an den mathematischen Genius Heisenbergs heranreichen würde. Dann jedoch eilte ihm, unbewusst und zufällig, Otto Hahn zur Hilfe. Der emsige Chemieprofessor spaltete 1938 an seinem Experimentaltisch erstmals in der Menschheitsgeschichte einen Atomkern. Damit lag auch der Bau einer Atombombe nicht mehr in allzu weiter Ferne. Von Weizsäcker witterte darin eine politische Zäsur, besaß eine solche Waffe doch theoretisch die Zerstörungskraft, um die gesamte menschliche Spezies auszulöschen. Im Gefolge Heisenbergs nahm von Weizsäcker während des Krieges am deutschen Atomforschungsprogramm teil, das sich an der Entwicklung eines „Uranbrenners“, eines energieerzeugenden Reaktors versuchte. Dadurch verfügte er stets über die neuesten Informationen der Atomtechnologie. Die Kriegsjahre verbrachte er an der Reichsuniversität Straßburg, an der er Astronomie lehrte.

Längst aber konzentrierte er sich auf die politischen Konsequenzen von Atombomben. Statt an Heisenbergs Seite am Uranbrenner zu tüfteln, durchdachte er die weltpolitische Problematik nuklearer Sprengkörper. Mit Kollegen und Freunden diskutierte er darüber, machte sich Gedanken, wie die Menschheit mit einer Situation zurechtkommen könnte, in der militärisch aggressive Staaten über ein derart unvorstellbares Vernichtungspotenzial verfügten.

Im August 1945 sah sich die Weltöffentlichkeit schließlich mit den schrecklichen Folgen von militärisch gebrauchter Atomenergie konfrontiert, die sich finster in der Zerstörung der japanischen Großstädte Hiroshima und Nagasaki offenbarte. Die schockierenden Bilder dieser tragischen Ereignisse deuteten an, welch existenzielle Bedrohung sich hinter der Verbreitung von Kernwaffen verbarg. Und auch die Sowjetunion stand kurz davor, zur Atommacht aufzusteigen. Dies war von Weizsäckers Chance. Im Zeitalter der Atombombe benötigte die Welt Modi der friedlichen Koexistenz. Denn ein Atomkrieg drohte mit allumfassender Vernichtung von Flora und Fauna zu enden. Im Unterschied zu vielen seiner Kollegen dachte von Weizsäcker darüber nach, wie man mit dem Problem der nuklearen Proliferation umgehen könnte. Weltpolitische Entspannungs- und Abrüstungskonzepte – das waren jene Komplexitäten, die ihn nun begeisterten, seinen politischen und philosophischen Geist anregten und mit denen er sich in Zukunft professionell auseinanderzusetzen gedachte.

Die Kernphysik bot ihm keine Aufstiegsmöglichkeiten mehr, dafür jedoch eine geeignete Wissensbasis für das auserkorene Themenfeld. Als Atomphysiker war er Insider und Experte, als Vertrauter Heisenbergs, mit dem er 1946 von den Briten nach Göttingen gebracht worden war, hatte er sein Ohr weiterhin an den aktuellen Entwicklungen der Atomforschung. Seine Grundthese war zugleich die Rechtfertigung für sein Handeln: Der Naturwissenschaftler trage nunmehr eine unleugbare politische Verantwortung, den Umgang mit seinen Forschungsergebnissen zu kontrollieren, sie aufgrund ihrer Tragweite nicht ohne Weiteres den machtorientierten, mitunter skrupellosen Politikern und Militärs zu überlassen. Wissenschaftler, so folgerte er, müssten daher in die Politik eingreifen, die dort getroffenen Entscheidungen mit Skepsis überprüfen und gegebenenfalls Widerstand leisten.

Allerdings fehlte ihm noch ein konkreter Anknüpfungspunkt, eine Gelegenheit, als Experte für die Atombombenfrage in Erscheinung zu treten und sich damit eine berufliche Grundlage zu schaffen. Seine politische Machtlosigkeit setzte ihm stark zu. Schon zu Zeiten der NS-Diktatur hatte er sich mit der Hoffnung getragen, als Inhaber machtgebietenden Wissens könne er dem „Führer“ Adolf Hitler gegenübertreten und ihm politische Entscheidungen aufzwingen. Nach dem Krieg suchte er in Göttingen – im Rahmen eines Gremiums zu Universitätsreformen – Gestaltungskraft zu entfalten. All seine vergeblichen Versuche trieben ihn an den Rand einer Depression. In den 1950er Jahren befand er sich bereits in seinem fünften Lebensjahrzehnt, ohne einen spektakulären Erfolg verbucht zu haben – die Zeit drängte. Derweil verließ er Göttingen, da er auf einen Lehrstuhl für Philosophie in Hamburg berufen worden war. In der südniedersächsischen Universitätsstadt hatte er nicht zu seinem Glück gefunden, blieb dort erfolglos und manches Mal entmutigt.

Im April 1957 bot sich ihm schließlich eine Gelegenheit, die er mit Entschlossenheit ergriff. Der Bundeskanzler Konrad Adenauer hatte in einer Presseerklärung Atomwaffen als eine schlichte „Weiterentwicklung der Artillerie“ bezeichnet – eine erschreckende Verharmlosung. Von Weizsäcker trommelte einige seiner Kollegen zusammen, ließ diese einen im Wesentlichen von seiner Feder verfassten Text unterzeichnen und übermittelte ihn an Zeitungsredaktionen und Nachrichtenagenturen. Darin warnten insgesamt achtzehn Professoren der Kernphysik vor den Folgen der atomaren Waffenverbreitung und forderten eine vollständige Abstinenz der Bundesrepublik im Umgang mit nuklearen Sprengkörpern: keine Herstellung, kein Besitz, keine Verwendung. Die „Göttinger Erklärung“ profitierte von der damaligen Situation; im Herbst stand die dritte Bundestagswahl bevor, es war Wahlkampf, die Gemüter erhitzt, und die ereignisarmen Osterfeiertage machten die sensationsorientierten Journalisten empfänglich für von Weizsäckers politische Aktion, die sich überdies auf so prominente Namen wie die vier Nobelpreisträger Max v. Laue, Werner Heisenberg, Otto Hahn und Max Born stützen konnte.

Als Initiator, Mitunterzeichner und Wortführer war von Weizsäcker schlagartig ein gefragter Mann. Adenauer lud ihn zu einer Aussprache ins Kanzleramt. Binnen kürzester Zeit verhalf ihm die Manifestation zu Prominenz, mehrte sie seine Reputation als gedankenschwerer Atomwaffenphilosoph und wies ihn als kenntnisreichen Fachmann aus. Die Evangelische Kirche holte sich bei ihm Rat; Reporter der Zeit suchten ihn zuhause auf und verfassten ein Porträt über ihn; sein Konterfei zierte die Titelseite des Spiegel; seine Vorträge und Vorlesungen waren urplötzlich überlaufen. In den folgenden Jahren profilierte er sich weiter und übersetzte den flüchtigen Erfolg in eine verstetigte Karriere. Anfangs fertigte er in der Vereinigung Deutscher Wissenschaftler (VDW) Studien an, die sich vornehmlich mit der Verhütung eines apokalyptischen Atomkriegs befassten. Währenddessen scharte er eine kleine Zahl von gleichgesinnten Schülern um sich, mit denen er bald eine hochproduktive Gruppe bildete. Hervorragend in der Max-Planck-Gesellschaft vernetzt, schuf diese ihm schließlich 1970 ein eigenes Institut, das „Max-Planck-Institut zur Erforschung der Lebensbedingungen der wissenschaftlich-technischen Welt“, das fortan in einer Villa am Starnberger See residierte. Dort, nicht in Göttingen, hatte er seine besten Jahre, inmitten der „Weltinnenpolitik“, wie er sein Forschungsfeld selbst nannte. Als MPI-Direktor etablierte sich von Weizsäcker endgültig als führender Friedensforscher. Mit seinem Wirken in Wissenschaft und Politik erwarb er sich lexikalische Bedeutung. Als er 2007 verstarb, trauerte die Öffentlichkeit um den „letzten universal gebildeten Gelehrten im deutschen Sprachraum“, den „Mystiker der europäischen Geistesgeschichte“.

Robert Lorenz ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Göttinger Institut für Demokratieforschung. Ein weiterer Blogartikel über die „Quantengurus“ findet sich hier.


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