Logo Göttinger Institut für Demokratieforschung

Volkshaus-Blues

Robert Lorenz |  8. April 2013 |   |  Drucken

[analysiert]: Robert Lorenz über das einstige Bewegungszentrum.

Viele von ihnen gibt es gar nicht mehr. Und die wenigen verbliebenen sind nur noch Überbleibsel einer vergangenen Epoche, leere Hüllen einstmals agiler Gebilde, die heute allenfalls aufmerksamen Beobachtern von einer glorreichen Vergangenheit künden. Dabei waren sie für SPD und Gewerkschaften doch so wichtig – die Volkshäuser. An ihnen und ihrer Geschichte lässt sich nachvollziehen, worin sich eigentlich der gegenwärtige Stellenwert politischer Organisationen für viele Bürger von früheren Zeiten unterscheidet, weshalb sich der Gebrauchswert bspw. von SPD und Metallgewerkschaft beträchtlich gewandelt hat. Blicken wir also zurück.

Lange Zeit bezogen SPD und Gewerkschaften einen großen Teil ihrer Mitglieder aus dem sogenannten sozialdemokratischen Milieu. Sozialstrukturell handelte es sich dabei vor allem um eine Schicht qualifizierter Arbeiter: Maurer, Mechaniker, Bergmänner gehörten dazu. Sie schlossen sich in Organisationen zusammen, in denen sie Rituale und Symbole pflegten, in der Sozialfigur des profitgierigen Unternehmers einen kollektiven Gegner sahen und gemeinsam einer Vision anhingen, der sozialistischen Erlösungsgesellschaft. Sie verbanden also nicht nur die Mitgliedschaft in denselben Organisationen, sondern auch dieselben Werte, Kulte und Ziele. Zugespitzt: Sie sangen dieselben Lieder, lasen dieselben Bücher und befolgten dieselben Parolen.

Das Zentrum dieses sozialdemokratischen Milieus bildeten sogenannte „Volkshäuser“. Sie waren ein bedeutendes Instrument der sozialdemokratisch gesinnten Arbeiterschaft in ihrem ambitionierten Vorhaben, sich von der ihnen ablehnend begegnenden Mehrheitsgesellschaft zu emanzipieren und bis zum zwangsläufig kommenden Sozialismus in parallelgesellschaftlichen Strukturen auszuharren. Technisch gesehen handelte es sich bei den Volkshäusern zunächst ganz einfach um Gebäude, deren Eigentümer eine sozialdemokratische Organisation war – oft treuhänderisch durch einige leidenschaftliche Funktionäre vertreten. Volkshäuser waren Orte der solidarischen Zusammenkunft und politischen Sammlung, gleichsam die Hauptquartiere des örtlichen Milieus.In ihnen war gleich ein kunterbuntes Sammelsurium von Milieuorganisationen untergebracht: der Arbeiter-Bildungs-Ausschuß, die Freidenker, Arbeiter-Chöre, vom Arbeiter-Samariter– über den Arbeiter-Radio- bis hin zum Arbeiter-Mandolinisten-Bund; nicht zuletzt natürlich auch die örtlichen Zentralen von SPD und Gewerkschaften. Auch saßen dort Beratungsstellen, wie etwa die Auskunft der Volkswohlfahrt oder das Streik-Büro.

Foto: Volkshaus Bremen, Urheber unbekannt

Das machte die Volkshäuser innerhalb des Milieus zu hochfrequentierten Anlaufstellen. Dort suchten und fanden die Menschen Rat, Zuflucht, aber auch Vergnügen und Geselligkeit. Denn in der Regel richteten die vielzähligen Milieuorganisationen ihre Veranstaltungen im Volkshaus aus, in dem man auch die Arbeiterfesttage beging und die überdies oftmals Standort der Volksbibliotheken waren. Es gab dort Tanzabende, Theateraufführungen, Chorkonzerte, Skatturniere, Filmvorführungen oder Diavorträge – das Spektrum war groß. Und gelegentlich zogen Parteitage und Konferenzen in manches Volkshaus für einige Tage Sozialdemokraten aus dem gesamten Reichsgebiet, so der SPD-Parteitag 1909 in Leipzig oder der der erste Reichsjugendtag der Arbeiterjugend 1920 in Weimar.

Die Menschen suchten das Volkshaus also als Zufluchtsstätte vor einer feindseligen Gesellschaft, als universelle Beratungsagentur für Probleme des Alltags auf, oder um im Kollektiv die „Internationale“ zu schmettern, den „Panzerkreuzer Potemkin“ oder die „Dreigroschenoper“ anzusehen. Und nicht zuletzt waren Bier und Wurst günstig zu bekommen, die daher nicht selten in rauen Mengen vertilgt wurden. Im Gegenzug konnten dort die politischen Organisationen, die Partei und die Gewerkschaften, ihre Klientel auf politische Positionen einschwören und sie für Streiks und Demonstrationszüge zusammentrommeln. Volkshäuser boten Raum für Kundgebungen prominenter Funktionäre und Aktivisten, waren Schauplatz der Arbeiterbildung und Arbeiterkultur. In ihnen planten und berieten die Organisationsleitungen über Aktionen und Strategien, was den Volkshäusern aus der Sicht der übrigen Bürger vielerorts eine verschwörerisch-geheimnisvolle Aura verliehen haben dürfte.

Viele Volkshäuser entstanden zwischen 1905 und dem Ersten Weltkrieg, ihre Zahl wuchs rasch: 1901 existierten elf, 1913 bereits 83, 1920 dann 91 und 1929 gar 184. In ihrem Verbreitungsgrad manifestierten sich Expansion und Professionalisierung des sozialdemokratischen Milieus. Denn letztlich wurden sie auch gebaut, um das wachsende Ausmaß von Administrationspersonal und Aktenbeständen der seinerzeit blühenden Mitgliederorganisationen unterzubringen. Denn wo sollten all die Papierberge, Schreibmaschinen und Karteischränke sonst Platz finden? Aber ganz generell dienten die Volkshäuser der Emanzipation von einem skeptischen bis feindseligen Umfeld, um sich mit autonomen Räumen in erster Linie von der Willkür der Gastwirte zu befreien. Da diesen häufig das „Militärverbot“ drohte – das viele Kneipiers kurzerhand einer lukrativen Einnahmequelle, der Bewirtung von Soldaten, beraubt und den wirtschaftlichen Ruin bedeutet hätte –, wenn sie sozialdemokratische Veranstaltungen ausrichteten, verweigerten sie oft ihre Räumlichkeiten. Bisweilen sorgte das für aufsehenerregende Querelen: Zeitweilig boykottierten z.B. Leipziger Sozialdemokraten 1903 die ortsansässigen Brauereien, um im sogenannten „Bierkrieg“ die Gastwirte zur Bereitstellung von Versammlungsräumen zu zwingen. Mit eigenen Gebäuden konnten die Sozialdemokraten jedoch den behördlichen Schikanen und bürgerlichen Vorbehalten entgehen. Volkshäuser waren daher „proletarische Inseln inmitten einer im ganzen politisch und ideologisch feindlichen Umwelt und für die Arbeiter faktisch einziger Ort für eine sinnvolle Freizeitgestaltung umfassender Art“[1].

Eines der imposantesten Volkshäuser dürfte das 1906 fertiggestellte Leipziger gewesen sein – das „Heiligtum der Leipziger Arbeiterschaft“[2]. Die Leipziger Arbeiterschaft war stark und brachte für Grundstückskauf und Bau des fünfstöckigen Gebäudes mit Sandsteinfassade und Kolonnade (inklusive Lokal und Herberge) die seinerzeit ungeheuerliche Summe von 120.000 Mark auf; in das über 5700 Quadratmeter messende Areal investierten die Sozialdemokraten dann allerdings 560.000 Mark – vierzig Gesellschafter hatten sich herzu in einer eigens gegründeten Volkshaus GmbH zusammengeschlossen, darunter 15 Gewerkschaften mit fast 16.000 Mitgliedern sowie der sozialdemokratische Verlag der Leipziger Volkszeitung. Der 1909/10 hinzugefügte, riesige „Gesellschaftssaal“ verschlang noch einmal weitere 430.000 Mark.

Aber damit verfügte das Leipziger Volkshaus bald über einen florierenden Hotel- und Gastronomiebetrieb, in dem 1909 über vierzig Fest- und fünfzig Aushilfsbeschäftigte arbeiteten. Um sich in einer kapitalistischen Gesellschaft notgedrungen eigene Kapitalmacht zu verschaffen, gründete es 1924 eine eigene Sparkasse, die bspw. 1928 mehr als 2100 Konten verwaltete. In der zweiten Hälfte der 1920er Jahre stand das Leipziger Volkshaus schließlich in seinem Zenit: Es beherbergte die Büros zahlreicher sozialdemokratischer Organisationen – darunter die lokalen Gewerkschaftsverwaltungen, die Kinderfreunde, Arbeitersportler, das Arbeiter-Bildungsinstitut, die Freidenker, die Volksfürsorge, das Reichsbanner –, ferner waren in dem Gebäude zu finden: eine Rechtsauskunftstelle, eine Mieterberatung, einige Konferenzzimmer, ein großer Festsaal, ein Restaurant und ein Café, eine Bayrische Bierstube, eine Fleischerei, eine Konditorei, eine Wäscherei, ein Hotel mit sechzig Betten sowie ein ausgedehnter Garten mitsamt Kinderspielplatz.

Die Funktionäre wollten indessen mit den Volkshäusern ein unmissverständliches Signal ihres trotzigen Selbstbewusstseins aussenden. Denn häufig sollten Volkshäuser innerhalb bürgerlicher Stadtteile „eine Demonstration der Kraft und des unbeugsamen Willens des kämpfenden Proletariats“[3] sein. Das machte sie freilich zum Hassobjekt der politischen Gegner. Wie hoch ihr Symbolgehalt dann in der Tat war, zeigte sich in den Gewalthandlungen politischer Gegner, die sich immer wieder gegen die Volkshäuser richteten – mancherorts sogar mit Bombenanschlägen.

Kurzum: Volkshäuser waren nicht nur stolze Trutzburgen, in denen Kraft und Lebendigkeit des Milieus und seiner Organisationen architektonisch zum Ausdruck kamen. Vielmehr boten sie für eine Vielzahl von Angehörigen der Arbeiterschaft eine ungemein attraktive und nützliche Infrastruktur, über die ansonsten unzugängliche Dienstleistungen und Produkte erhältlich waren. Dazu zählten Bildung, kulturelle Freuden, juristischer Beistand in bürokratischen Fragen und vermutlich auch immer ein wenig Seelsorge.

Und so ist es auch kein Wunder, dass die Ära der Volkshäuser zu Ende ging. Denn in zunehmendem Ausmaß bekamen die Menschen all diese Vorzüge auch ohne das sozialdemokratische Milieu oder benötigten sie angesichts verbesserter Lebensumstände nicht mehr. Sie gingen ins Kino oder unterhielten sich zuhause via TV und Radio, trugen keine Uniform mehr wie einst im Reichsbanner, besaßen schon bald eine eigene Waschmaschine und richteten sich im eigenen Haus einen Partykeller ein. Andersherum: Sie brauchten das Volkshaus nicht mehr, um günstig zu übernachten, zu speisen, zu waschen, zu lesen, zu feiern oder Geld anzulegen. Auch das war Individualisierung: Spätestens in den 1970er Jahren hatten sich die Bundesbürger soweit entwickelt, dass sie große Organisationen für ihre Freizeit und ihren Alltag nicht mehr benötigten.

Heute indes fehlen SPD und Gewerkschaften solche Tempelstätten – zumindest ein gleichwertiger Ersatz, mit dem sie in der Lebenswelt der Menschen wieder präsent und zweckdienlich sind, einen erfahrbaren und sichtbaren Nutzen im Alltag haben.

Dr. Robert Lorenz arbeitet am Göttinger Institut für Demokratieforschung. Kürzlich erschien von ihm das Buch „Gewerkschaftsdämmerung. Geschichte und Perspektiven deutscher Gewerkschaften“  transcript-Verlag.

 

Zum Thema:


[1] Hopfgarten, Heinz: Volkshäuser in der Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung, Leipzig 1965, S. 26.

[2] Hentschel, Max (Bearb.): Trotz alledem!. Das Volkshaus Leipzig im Wandel der Zeit, Leipzig 1929, S. 47.

[3] Hopfgarten 1965, S. 6; vgl. auch Brunner et al. 1995, S. 50.


Ältere Einträge |  Neuere Einträge