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Vermeintliche Links-Abbieger

Robert Pausch |  16. Mai 2013 |   |  Drucken

[analysiert]: Robert Pausch über die Tradition bürgerlicher Kapitalismuskritik

Die Wogen um Frank Schirrmachers Buch „Ego“ haben sich geglättet. Doch ob Verriss oder Lobeshymne, Rezensenten aller Couleur räsonieren über die Frage, wie der einstige Rechtsintellektuelle zum Kapitalismusgegner geworden ist, wie links dieser Schirrmacher denn mittlerweile wirklich sei. Der Focus meint, Zeuge einer Wandlung des besonnenen Bürgers zum Antikapitalisten und „Links-Abbieger“ zu sein, und Cornelius Tittel bemüht sich in der Welt sichtlich, Schirrmacher als grenzdebilen Verschwörungstheoretiker zu entlarven, dessen Thesen nur die „Betonfraktion der Linkspartei“ folgen könne. Dagegen freut sich Jakob Augstein über eben jene Missgunst, die diese „Linkswendung“ im konservativen Lager erzeuge, und beschließt, dass Schirrmacher „ohne Zweifel links“ sei. Und auch die Zeit schreibt über einen, der einst vor „linken Quälgeistern und Frankfurter Schülern“ warnte, um nun selbst zum Systemkritiker zu werden.

Die pawlowsche Assoziation von „Kapitalismuskritik“ und „Linkssein“ stilisiert Schirrmacher zum Konvertiten, der mit „Ego“ nun sein progressives Manifest vorgelegt hat. Ein Blick in die Befindlichkeit des deutschen Bürgertums zu Beginn des 20. Jahrhunderts schürt jedoch Zweifel an Thesen solcher Art.

„Ich bin Mitglied der bürgerlichen Klasse, fühle mich als solches und bin erzogen in ihren Anschauungen und Idealen“[1], schrieb der Sprössling einer der wohlhabendsten deutsch-englischen Handelsfamilien, Max Weber, im Jahre 1918 über sich selbst. Den völkisch-nationalistischen Alldeutschen Verband hatte er zu diesem Zeitpunkt bereits wieder verlassen. Zu moderat war man ihm dort gewesen[2] und seine Antrittsvorlesung für den Lehrstuhl für Nationalökonomie in Freiburg, in der er „den ewigen Kampf um die Erhaltung und Emporzüchtung unserer nationalen Art“ pries, lag einige Jahre zurück. Von linker Gesellschaftsanalyse war Max Weber weit entfernt. Und dennoch: Eben dieser rechtskonservative Intellektuelle zählte zu den scharfsinnigsten Kapitalismuskritikern seiner Zeit.

Sein Topos hieß Rationalisierung: Unaufhaltsam und allumfassend schreite sie voran und hinterlasse die Welt effektiviert, doch entmenschlicht, entkernt – den Einzelnen drohe sie zu verschlingen, „wer nicht hinaufsteigt muss hinabsteigen“[3]. Hand in Hand mit der Rationalisierung ging für Weber der moderne Betriebskapitalismus. Vielzitiert beschreibt er ihn als „stahlhartes Gehäuse“, welches dem Einzelnen die Normen wirtschaftlichen Handelns oktroyiere. Alle Tugend sei nur noch insoweit tugendhaft, als sie in concreto dem Einzelnen nütze und am Ende der Entwicklung stehe eine „mechanisierte Versteinerung, mit einer Art von krankhaftem Sich-wichtig-nehmen verbrämt. […] Fachmenschen ohne Geist, Genussmenschen ohne Herz.“[4] Nachdem sich der Kapitalismus des ökonomischen Traditionalismus mitsamt seiner Genügsamkeit und Irrationalität entledigt hat, sind es nun jegliche Arten von individueller Freiheit, von denen Weber sich fragt, ob noch „irgend welche Reste davon“ zu retten seien. Geradezu apokalyptisch sieht er „eine Polarnacht von eisiger Finsternis und Härte“[5] aufziehen.

Nun stand Max Weber mit solcherlei Zeitdiagnosen zu Beginn des 20. Jahrhunderts nicht allein da. Die Gesellschaft ordnete sich neu, Bewährtes verlor seine Selbstverständlichkeit, die Welt befand sich im Umbruch – und den Humus der Reformbewegung bildete gerade das Bildungsbürgertum.

Es war die Zeit der Lebensreformbewegung, in der eben jene geistige Elite des Landes in großer Zahl den Vegetarismus für sich entdeckte, aus dem Moloch der Stadt in die heile Welt ländlicher Idylle flüchtete und selbst Max Weber auf dem Monte Verità nackt in der Sonne tanzte.

Friedrich Nietzsche sprach von einer „moralheuchelnden Neuzeit“[6] und Sigmund Freud beschrieb den Menschen jener Zeit als „Prothesengott“, der nur noch mit seinen „nicht mit ihm verwachsenen“ Hilfsmitteln funktioniere[7] – alles Ursprüngliche sei ihm abhandengekommen. „Kapitalismus und Maschine“, so der Spiritus Rector der Anthroposophie, Rudolf Steiner, hätten den Einzelnen aus „alten Lebenszusammenhängen herausgerissen“, die menschliche Seele jedoch nie mit „einem menschenwürdigen Inhalt“ füllen können.[8]

Und Thomas Mann, seines Zeichens zwar kein Lebensreformer, doch mithin Chronist deutscher Bürgerlichkeit, beschrieb die Kultur und den Kapitalismus als disparat: „Vernunft, Sittigung, Skeptizierung, Auflösung […] – Die Kunst ist fern davon, an Fortschritt und Aufklärung […] interessiert zu sein.“[9]

Man fürchtete unisono einen Verfall bildungsbürgerlicher Werte: Kennt jene überrationalisierte Gesellschaft noch den Wert humanistischer Bildung? Wenn jedes Versatzstück der Logik des Marktes unterworfen ist, wo findet dann Selbstbestimmung ihren Platz?

Der marktwirtschaftlichen Fortschrittsapologie setzte das Bürgertum die Erzählung vom Verlust der Ideale entgegen. All dies, dasselbe Unbehagen, derselbe Pessimismus, findet sich ebenso bei Frank Schirrmacher. Wenn er vom „ökonomischen Imperialismus“ und dem Sieg des Egoismus als Handlungsmaxime spricht, beschreibt er den Verfall individueller Freiheitsrechte zugunsten eines inhumanen Konformismus. Und seine These vom Informationskapitalismus, in dem ein Computer mit dem IQ von null der perfekte Nutzenmaximierer sein kann, in dem Information also kein Verständnis mehr voraussetzt, ist nichts anderes als die Geschichte vom Verlust des Wissens als Kategorie der Selbstkultivierung und zentrales Distinktionsmerkmal des Bildungsbürgertums.

Die Diskussion um die vermeintliche Linkswendung Frank Schirrmachers ist also verfehlt. Kapitalismuskritik, die von Ungleichheit nicht redet und über Verteilungsgerechtigkeit schweigt, die vielmehr Symbole bürgerlicher Selbstvergewisserung zum Thema macht, ist nicht links; sie ist und war schon immer konservativ – und damit nicht minder berechtigt.

Robert Pausch ist studentische Hilfskraft am Göttinger Institut für Demokratieforschung.


[1] Max Weber: Der Sozialismus (1918), zit. nach Dirk Kaesler: Vorwort des Herausgebers, in: Max Weber: Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus, S. 46.

[2] Joachim Radkau: Max Weber. Die Leidenschaft des Denkens, München 2005, S. 141.

[3] Max Weber: Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus, Hrsg: Dirk Kaesler, München 2004, S. 89.

[4] Ebd., S. 201.

[5] Max Weber zit. nach Kaesler, S. 56.

[6] Thomas Rohkrämer: Natur und Leben als Maßstäbe für die Reform der Industriegesellschaft, in: Kai Buchholz u.a.: Die Lebensreform. Entwürfe zur Neugestaltung von Leben und Kunst um 1900, Darmstadt 2001, S. 79.

[7] Sigmund Freud: Das Unbehagen in der Kultur, zit. nach Thomas Rohkrämer: Lebensreform als Reaktion auf den technisch-zivilisatorischen Prozess, in: ebd., S. 73.

[8] Rudolf Steiner: Die wahre Gestalt der sozialen Frage, erfasst aus dem Leben der modernen Menschheit. Online einsehbar: http://www.anthroweb.info/ga_23_die_wahre_gestalt.html.

[9] Thomas Mann: Gedanken im Krieg, zit. nach Thomas Rohkrämer: Eine andere Moderne? Zivilisationskritik, Natur und Technik in Deutschland 1880-1933, Paderborn 1999.


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