Utopien des Privaten

Tobias Neef |  9. Juli 2012 |  Keine Leserbriefe |  Senden  |  Drucken

[debattiert]: Tobias Neef über die Generation der Achtziger und das Ende der Utopien. Eine Replik auf David Bebwnoski.

David Bebnowski beschreibt in seinem Blogartikel vom 3. April 2012 treffend die in den achtziger Jahren geborene Generation als eine postpolitische Generation, die im Klima der Utopielosigkeit aufgewachsen sei. Seine Ausführungen lassen sich indes noch durch eine weitere Erkenntnis ergänzen: Mit dem „Ende der Utopien“ bestellten die Achtziger zugleich das Feld für völlig neue Formen (post-)politischer Aktivität.

Menschen jener Generation, von der hier die Rede ist, sind in einem gesamtgesellschaftlichen Klima der Skepsis gegenüber der Umsetzbarkeit utopischer Ansprüche aufgewachsen. Denn das Klima des Jahrzehnts war nach den siebziger Jahren und ihren innergesellschaftlichen Konflikten geprägt von politischem Realismus. Als Kinder des Neoliberalismus wählen sie heute Formen politischer Aktivität, die dem neoliberalen Zeitgeist entsprechen, beispielsweise den politischen Konsum als Strategie, um über den Markt gesellschaftspolitische Ziele durchzudrücken.

Zunächst lohnt der Blick zurück: Was war mit dem utopischen Potenzial geschehen, das den sozialen Bewegungen der siebziger Jahre sowohl zugesprochen als auch vorgeworfen wurde? Der Zeitgeist der achtziger Jahre war von einer politischen Neuorientierung geprägt, die sich seit Ende der Siebziger angebahnt hatte. Diese politische Gezeitenwende war geprägt von einem neuen Konservatismus, der in der Ära Kohl mit einer neoliberalen Neuausrichtung der Wirtschaftspolitik einherging. Hinzu stießen neue Formen politischer Aktivität und Wirkungsfelder. Der Politik wurde eine bescheidenere Rolle zugesprochen. Und damit verband sich auch eine Neubewertung der utopischen Potenziale politischen Handelns. Jürgen Habermas brachte diesen Wandel Mitte der achtziger Jahre als ein Dilemma progressiver Politik auf den Punkt: „Das reflexiv gewordene Sozialstaatsprojekt nimmt Abschied von der arbeitsgesellschaftlichen Utopie.“[1] Die „neue Unübersichtlichkeit“, so auch der Titel des Buches, bestand im Scheitern eines Projekts gesellschaftlichen Wandels, das sich aus arbeitsgesellschaftlichen Utopien speiste. Und eben diese Utopien, so Habermas, hatten nach dem Zweiten Weltkrieg den demokratischen Verfassungsstaat der westlichen Massendemokratien geprägt und dabei nicht nur Intellektuelle, sondern auch breite gesellschaftliche Schichten miteinbezogen. Das Scheitern der großen Erzählungen von Mündigkeit, Ausgleich und Gerechtigkeit, die auf reformerischem Wege erreicht werden sollten, hatte für Habermas also in den achtziger Jahren zu einer Krise des utopischen Potenzials an sich geführt.[2]

Man kann also sagen, dass die Generation der in den achtziger Jahren Geborenen in einem Klima der Skepsis gegenüber progressivem gesellschaftlichem Wandel herangewachsen ist. Angesichts der neuen Unübersichtlichkeit erscheint jeder Versuch, Gesellschaft im Ganzen zu ändern, als nicht dem modernen Zeitgeist entsprechend. Zum Vehikel politischer Aktivität wird daher zusehends das Private. Politischer Konsum ist eines der Kinder dieser Zeit und geht eben von der Annahme aus, dass das Einsetzen im privaten Umfeld für ein bewusstes Verhalten sukzessive gesamtgesellschaftliche Prozesse anstoßen kann. Mit anderen Worten: Der Raum, der als direkte Einflusssphäre der eigenen Handlung angesehen werden kann, wird angesichts der Unübersichtlichkeit gesellschaftlicher Komplexität zum primären Raum politischer Aktivität. Slavoj Žižek beschreibt diesen Versuch der Politik der kleinen Schritte als eine Art Placebopolitik:

 „What is really difficult for us to accept is that we are […] sometimes reduced to the purely passive role of an impotent observer who can only sit back and watch what his fate will be. To avoid such a situation, we […] engage in frenetic, obsessive activities – recycling paper, buying organic food, or whatever – just so that we can be sure that we are doing something. Making our contribution, like a soccer or baseball fan, who supports his team in front of a TV – screen at home shouting and jumping up from his seat in the superstitious belief that it will somehow influence the outcome.”[3]

In letzter Konsequenz bedeutet dieses Verhalten eine Verschiebung der Verantwortung für gesellschaftliche Verhältnisse: weg von den Institutionen gesellschaftlicher Macht, hin zum Individuum. Und das bedeutet zugleich, dass der Markt als Regulationsinstanz Akzeptanz findet, weil er ja von bewussten KonsumentInnen genutzt wird. Politischer Konsum erscheint somit als paradigmatische Aktionsweise der Kinder des Neoliberalismus. So wird jedoch zugleich die Verantwortung von dem Bereich der Produktion in den des Konsums verlagert: Wer Atomstrom konsumiert, soll sich nicht wundern, wenn der Ausstieg vertagt wird; wer keinen fair gehandelten Kaffee trinkt, soll sich nicht über die Verhältnisse in der Dritten Welt beschweren. Darüber hinaus sind bewusstem Konsum enge Grenzen gesetzt: Er ist zeitaufwändig und benötigt penible Kontrolle, wenn er nicht darin verharren soll, dass pro Kiste Bier ein Quadratmeter Regenwald geschützt wird.

Zugleich kann er als Begehrenserweckung von der Ökonomie gefördert werden. Was nach der neuen Logik der Produktvermarktung verkauft wird, ist nicht nur ein Produkt, sondern ein Begehren, die Befriedung von Gewissen, die Hoffnung darauf, einen kleinen Teil zu einer besseren Welt beizutragen. Und dieser Produktzusatz wird selbstverständlich vom Kunden, nicht vom Unternehmen bezahlt.

Im Rückblick auf die schon in den siebziger Jahren beginnende Individualisierung der Gesellschaft kann hiermit ein Kernbestandteil des Mentalitätswandels folgendermaßen skizziert werden: Was in den Siebzigern durch neue Lebensweisen als emanzipative Politisierung den Raum des Privaten aufbricht, erscheint ab den beginnenden Neunzigern zusehends als Privatisierung des Politischen und Skepsis gegenüber kollektivem, politischem Handeln.

Indes: Die Machtlosigkeit, die vielleicht als Gefühl die postpolitische Generation prägte, wird in diesen Tagen anscheinend wieder in Frage gestellt. Ein Grund dafür dürfte die Legitimationskrise der Politik der Sachzwänge sein, die ab den achtziger Jahren mehr und mehr ausgeübt wurde und den Rahmen für gesellschaftliche Reformen vorgab. Eine Politik der Expertise scheint nun hingegen eine wirtschaftliche Krise produziert zu haben, die in ihren Ausmaßen die der siebziger Jahre bei weitem übersteigt. Und so langsam, das zeigte sich in den vergangenen Monaten, scheint sich die Generation der mittlerweile 25- bis 30-Jährigen tatsächlich der Strategien zu besinnen, die von ihrer Elterngeneration einer auch schon damals technokratischen Politik entgegengestellt wurden – die Proteste der vergangenen 14 Monate zeugen davon.

Tobias Neef arbeitet am Göttinger Institut für Demokratieforschung.


[1] Jürgen Habermas (1985): Die neue Unübersichtlichkeit. Frankfurt am Main, S. 160

[2] Ebd.: 144-147

[3] Slavoj Žižek (2011): The Delusion of Green Capitalism. Vortrag vor dem Committee on Globalization and Social Change (CGSC). The Graduate Center, CUNY – Prohansky Auditorium, New York, 04.04.2011.


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