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Nicht nur eine Arbeiterbewegung

Franz Walter |  7. April 2017 |   |  Drucken

[analysiert]: Franz Walter erzählt die Geschichte sozialdemokratischer Spaltungen und Sezessionen.

Gestritten wurde gerne und viel in der Sozialdemokratie, besonders im Kreise der Linksoppositionen der Partei. Das war auch Anfang April 1917 in Gotha so. Dort hatten sich insgesamt 143 Vertreter der Sozialdemokraten, darunter 15 Abgeordnete des Deutschen Reichstags, die eine Politik der Zustimmung zu den Kriegskrediten und des innenpolitischen „Burgfriedens“ nicht mehr mitzumachen bereit waren, im „Volkshaus zum Mohren“ getroffen, um eine neue Partei zu konstituieren. Doch wie sollte diese Formation heißen? Darüber ging einer der vielen Dispute schon in der Gründungszeit der neuen politischen Organisation: Die einen wollten sich als „Opposition der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands“ präsentieren, andere präferierten den Namen „Sozialdemokratische Partei Deutschlands, Opposition“; die nächsten fochten für das Signum der „Internationalen Sozialdemokratischen Partei Deutschlands“. Schließlich entschied sich die Mehrheit der Delegierten – mit 77 gegen 42 Stimmen – für die Bezeichnung „Unabhängige Sozialdemokratische Partei Deutschland“ (USPD).[1]

Mit diesem Datum und Votum war die politisch links organisierte Arbeiterbewegung zwischen Königsberg und Konstanz auf lange Zeit gespalten.[2] In erster Linie hat man das als Folge des Krieges zu bewerten. Zuvor, im Kaiserreich, existierten wohl ebenfalls schon zwei Grundströmungen in der Sozialdemokratie: auf der einen Seite reformistische, auf der anderen Seite stärker revolutionäre Mentalitäten. Das aber konvenierte zur damaligen Zeit durchaus. Angesichts eines realen Zwiespalts der Alltagserfahrungen von Arbeitern im Kaiserreich – die soziale Besserungen erlebten und doch konstant gesellschaftliche Stigmatisierung erfuhren – vereinten sich im Bewusstsein zahlreicher Sozialisten zwei nur scheinbar konträre Mentalitäten, politische Deutungen und Einstellungen. Aus der Erlebnisambivalenz speisten sich die zwei Orientierungen in der einen deutschen Arbeiterbewegung jener Jahre. Zur fundamentalen Zerreißprobe hatte dieser Zwiespalt trotz der Härte des Revisionismusstreits nach 1896 jedoch nicht geführt; eine Sezession hatte ernsthaft nicht angestanden.

Erst 1917, erst durch die Schubkraft des Krieges, suchten sich die beiden Orientierungen zwei differente Parteikörper. Doch agierte die USPD nicht ungebrochen als pure organisatorische Fortsetzung der alten Parteilinken und revolutionären Phraseologien aus der Vorkriegszeit. Zunächst war die USPD noch der Dachverband der sozialdemokratischen Pazifisten und Antiannexionisten, sodass dort ebenfalls der alte Zentrist und Theoriepapst Karl Kautsky wie auch sein früherer Widerpart vom rechten Flügel, Eduard Bernstein, gemeinsam unterkommen konnten.

Entwurzelung und Radikalisierung

Mit dem Ende des Ersten Weltkrieges jedoch war im Grunde die Voraussetzung von 1917 für die Spaltung weggefallen. Für eine sozialdemokratische Partei der Kriegskritiker, Pazifisten und Antiannexionisten gab es nach der Kapitulation der deutschen Reichsführung keinen plausiblen Grund mehr. Eduard Bernstein etwa sah das so und schloss sich wieder der Mutterpartei an – der Mehrheitssozialdemokratischen Partei (MSPD). Zuvor, kurz vor Weihnachten 1918, als der Krieg gerade zu Ende gegangen war, hatte Bernstein noch demonstrativ eine Doppelmitgliedschaft in der MSPD und bei den Unabhängigen Sozialisten besessen.[3] Er wollte so ein Zeichen der Einheit setzen, blieb indessen wieder, wie im Grunde zeitlebens, nur eine singuläre Gestalt.

Doch die USPD löste sich nicht auf; im Gegenteil: Sie wuchs im rasanten Tempo zur zweiten Massenpartei der Arbeiterklasse und des Sozialismus in Deutschland heran. Auch das hatte mit dem Krieg und seinen Folgen zu tun: Der Krieg hatte soziale Prozesse in Gang und neue Protestformationen im Proletariat in Bewegung gesetzt, was die anfängliche und zunächst gewiss noch nicht für alle Zeiten unüberbrückbare Spaltung der Sozialdemokratie vertiefte, schließlich dauerhaft machte.

Sicher, die organisierte Arbeiterbewegung war nie Organisation aller Arbeiter schlechthin gewesen, hatte sich seit ihren Anfängen mit den gering qualifizierten, oft ungelernten Lohnarbeitern schwergetan.[4] Die Differenz zwischen den Arbeiterschichten weiter oben und den Arbeitergruppen weiter unten war stets beträchtlich. Schon als sich Sozialismus und Arbeiterbewegung Mitte des 19. Jahrhunderts in Deutschland formierten, verkörperte nicht die neue Klasse der Fabrikarbeiter den Motor dieser Entwicklung. Denn im Frühkapitalismus besaßen die traditionslosen Fabrikarbeiter weder Organisationserfahrungen noch gruppenbildende Leitideen.[5]

Insofern liefen auch die Protestbewegungen in den traditionslosen Teilen der Arbeiterklasse seit 1917 an der Mehrheitssozialdemokratie vorbei, ja: richteten sich aggressiv gegen die Partei Friedrich Eberts. Aber erst jetzt tat sich eine tiefe, nur noch schwer zu überbrückende Kluft in der links orientierten Arbeiterklasse auf, welche die beiden Seiten nach Lebenslage, Erfahrungen, Generationen, Zukunftserwartungen und Qualifikationen scharf trennte und politisch antagonistisch polarisierte. Die Spaltung der Arbeiterklasse war nicht nur politisch bedingt, sondern zudem sozial und kulturell unterfüttert. Das wurde im Zeitraum zwischen 1917 und 1920 markant: In diesen drei Jahren veränderte sich die deutsche Arbeiterbewegung stärker und dramatischer als in den fünfzig Jahren zuvor; in diesen drei Jahren machte vor allem die USPD einen ungeheuren Wandel durch. Jedenfalls hatte die USPD von 1920 nicht mehr viel mit der USPD von 1917 gemein. Am Ende war die USPD weniger eine Partei als eine sehr heterogene, emotional enorm aufgewühlte und ziemlich erratische Protestbewegung vor allem junger Arbeiter.

Beträchtliche Spaltungs- und Sezessionsenergien

Die Radikalisierung der USPD indes war ohne die politischen Versäumnisse der MSPD nicht zu verstehen. Und es waren nicht allein unreife und ungelernte Jugendliche aus den mitteldeutschen Leunawerken, die sich aus Wut über die Mehrheitssozialdemokratie immer weiter nach links bewegten. Auch erfahrene und hochqualifizierte Metallarbeiter, von denen es auf der radikalen Linken anfangs keineswegs wenige gab, waren bitter enttäuscht über das, was Friedrich Ebert und Philipp Scheidemann alles taten, und genauso über das, was sie alles unterließen. Die Mehrheit der industriellen Arbeiterklasse hatte sich ohne Zweifel von der Revolution mehr versprochen.

Schließlich hatten über Jahrzehnte die sozialdemokratischen Agitatoren und Zeitungsschreiber den Mitgliedern und Anhängern der Partei erklärt, dass die Sozialisierung der Königsweg zum sozialistischen Volksstaat sei. Dann hatten die Sozialdemokraten seit dem 9. November 1918 endlich die Macht – aber es geschah nichts. Die Arbeiterklasse sah in jenen Wochen der Revolution keine fundamentalen Veränderungen der gesellschaftlichen Verhältnisse, keinen tiefen Eingriff in die kapitalistische Eigentumsordnung, keinen entschlossenen Austausch der verhassten obrigkeitsstaatlichen Eliten. Das trieb wachsende Teile der unteren Schichten in die Radikalität, führte sie letzten Endes zu den Kommunisten.

Die neuen Aktivisten in der USPD gaben nichts mehr auf allgemeines Wahlrecht, Parlamentarismus, Gewaltenteilung und demokratische Verfassung; dergleichen verachteten sie als bourgeoise Truggebilde. Die neue proletarische Linke schwärmte stattdessen für das Rätesystem und die Diktatur des Proletariats, machte das im März 1919 auch zum Parteiprogramm. Und sie begeisterte sich für die Russische Revolution, das Sowjetsystem, für Lenin und die Bolschewiki.[6] Im Herbst 1920 entschied sich eine Parteitagsmehrheit der USPD für den Anschluss an die Kommunistische Internationale, mithin den Übertritt zur KPD. Etliche Mitglieder zeigten sich vom Drama der harten Binnenauseinandersetzung und introvertierten Spaltung jedoch abgestoßen, kehrten dem organisierten Sozialismus tief frustriert den Rücken. Rund 350.000 Zugehörige der USPD des Spätsommers 1920 machten seit dem Herbst 1920 gar nicht mehr mit – weder in der KPD noch in der Sozialdemokratie.[7]

Insofern ergibt es in der Tat Sinn, nicht von der einen Arbeiterbewegung zu sprechen, sondern von zwei Arbeiterbewegungen auszugehen. Kommunisten und Sozialdemokraten lagen nicht nur in politischen Interpretationen und strategischen Optionen auseinander; auch trennte sie der sozialkulturelle Ort ihrer jeweiligen Mitglieder und Anhänger. Es waren zwei Kulturen in der industriellen Arbeiterschaft, die umso weiter auseinander trieben, je länger die ökonomische Krise zum Ausgang der Weimarer Republik anhielt.[8]

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Franz Walter ist Professor für Politikwissenschaft an der Universität Göttingen.

[1] Siehe Geyer, Curt: Die revolutionäre Illusion. Zur Geschichte des linken Flügels der USPD. Erinnerungen, hrsg. von Wolfgang Benz und Hermann Graml, Stuttgart 1976, S. 56.

[2] Zur Geschichte dieser Partei vgl. Engelmann, Dieter/Naumann, Horst: Zwischen Spaltung und Vereinigung. Die Unabhängige sozialdemokratische Partei Deutschlands in den Jahren 1917–1922, Berlin 1993; Krause, Hartfrid: USPD. Zur Geschichte der Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei Deutschlands, Frankfurt a. M. 1975.

[3] Vgl. die Einleitung von Bettina Görtz, Eva (Hrsg.): Eduard Bernsteins Briefwechsel mit Karl Kautsky (1912–1932), Frankfurt a. M. 2011, S. VII–LVIII, hier S. XV.

[4] Hierzu Ritter, Gerhard A.: Die Sozialdemokratie im Deutschen Kaiserreich in sozialgeschichtlicher Perspektive, in: Historische Zeitschrift, Bd. 249 (1989), S. 295–362.

[5] Kocka, Jürgen: Lohnarbeit und Klassenbildung. Arbeiter und Arbeiterbewegung in Deutschland 1800–1875, Berlin 1983, S. 179 ff.

[6] Winkler, Heinrich August: Von der Revolution zur Stabilisierung: 1918 bis 1924. Arbeiter und Arbeiterbewegung in der Weimarer Republik, Berlin 1984, S. 250 ff.

[7] Engelmann, Dieter: Vor 75 Jahren: Annäherung und Wiedervereinigung von SPD und USPD 1920–1922, in: Beitrage zur Geschichte der Arbeiterbewegung, Jg. 39 (1997), H. 3, S. 28–42.

[8] Vgl. Schönhoven, Klaus: Strategie des Nichtstuns? Sozialdemokratischer Legalismus und kommunistischer Attentismus in der Ära der Präsidialkabinette, in: Winkler, Heinrich August (Hrsg.): Die deutsche Staatskrise 1930–1933. Handlungsspielräume und Alternativen, München 1992, S. 59–76.


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