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Unternehmer und Politik

Robert Lorenz |  28. April 2015 |   |  Drucken

Quelle: Jorma Bork@pixelio & kasina@pixelio

[präsentiert]: Robert Lorenz erläutert, weshalb Unternehmer die Politik meiden.

Über parlamentarische Repräsentativität wird viel diskutiert. Pluralistische Gesellschaften, so ein Argument, erforderten ein pluralistisches Meinungsspektrum im Parlament. Auf diesem Wege, so die damit verbundene Annahme, würden die Anliegen und Interessen unterschiedlicher Bevölkerungsteile eine parlamentarische Stimme erhalten. Es gibt einige Gründe, diesen Automatismus infrage zu stellen – allein, weil Mandatsinhaber ja auch schlicht entgegen ihrer soziografischen Merkmale debattieren und abstimmen können. Nichtsdestotrotz kann sich eine heterogene Zusammensetzung des Parlaments auf die Problemlösungsfähigkeit eines Plenums auswirken. Wenn sich aus bedeutsamen Teilen der Bevölkerung keine Parlamentarier mehr rekrutieren, kann dies also die Qualität der parlamentarischen Arbeit tangieren. Unternehmer werden im Bundestag immer mehr zu Exoten. Gegenwärtig liegt ihr Mandatsanteil unter dem Bevölkerungsanteil, seit den Anfängen der Bundesrepublik hat er sich sogar halbiert.[1] Wie erklärt sich diese zunehmende Abwesenheit von Unternehmern im Plenarsaal des Reichstagsgebäudes?

Die BP-Gesellschaftsstudie gibt zu diesem Punkt reichlich Aufschluss. Die große Mehrheit der befragten Unternehmerinnen und Unternehmer schätzt im Großen und Ganzen das parlamentarische System der Bundesrepublik, hat mitunter auch großen Respekt vor dem anstrengenden Alltag von Berufspolitikern – aber nahezu niemand kann sich einen Abstecher in die Politik vorstellen. Dafür gibt es einige Gründe.

1.) Zunächst ein eher klassisches Argument: Viele Unternehmensleiter betrachten sich als unersetzlich und meinen daher, das Wohlergehen ihrer Firma vor Augen, keinerlei Zeit für politisches Engagement entbehren zu können. Und würden sie ihren Job erst einmal aufgeben, sehen sie für sich in der schnelllebigen Wirtschaftswelt keine Rückkehroption, wenn sie irgendwann nicht wiedergewählt würden. Als weiteren Aspekt haben manche zudem die Befürchtung angeführt, dass ihre politischen Aussagen in der Öffentlichkeit den Geschäftserfolg beeinträchtigen können – gegenüber ihren Kunden und Auftraggebern müssten sie daher neutral erscheinen.

2.) Die Begleitumstände der professionellen Politik erachten sie beinahe unzumutbar: Als Politiker verdiene man viel zu wenig Geld für den zu leistenden Aufwand; zudem sei man im Fokus einer unbarmherzigen Medienwelt, die keinerlei Fehler verzeihe und einen unter Dauerbeobachtung stelle. Auch wollen viele nicht, dass Journalisten ihre Vergangenheit durchleuchten. Kurz: Als Politiker leide man unter schlechter Bezahlung und öffentlicher Kritik.

3.) Die politische Standardkarriere, wie sie sich in der Bundesrepublik etabliert hat, die sogenannte „Ochsentour“, wirkt auf die meisten Unternehmer abschreckend. Sich jahrelang, auf unterer Ebene angefangen, in der Partei zu engagieren, von Voten abhängig zu sein, sich mühselig bewähren und hocharbeiten zu müssen, zugleich aber auch zu sehen, dass nicht jede Postenvergabe an nachvollziehbare Leistungen gebunden sei – all das will kaum ein Unternehmer erdulden. Der typische Aufstiegsweg in der Politik, das zeigt zumindest die vorliegende Gesellschaftsstudie, ist rundum inkompatibel zu den Vorstellungen von Unternehmern.

4.) Der gewichtigste Punkt ist aber ein anderer: die Gestaltungsmöglichkeiten in der Parteiendemokratie. Der Beruf des Unternehmers ist gekennzeichnet von Eigeninitiative, Mut zum Risiko und Gestaltungselan. Eigentlich würde man sagen, dass dies geradezu exzellente Eigenschaften für die Politik sind, Unternehmer also für den Gang in Parteien und Parlamente prädestinieren. Das Gegenteil ist der Fall. Denn das, was das Unternehmerdasein ausmacht, rückt die Unternehmer weit von der parteiendemokratischen Politikkarriere weg. Unternehmer sind wenig kompromissbereit – denn am Ende wollen sie ihre Entscheidung ohne Abstriche durchgesetzt sehen. Unternehmer sind schnelles Handeln gewohnt – denn das Marktgeschehen erfordert unverzügliche Reaktionen. Und Unternehmer können sich über vergleichsweise konkret messbare Leistungen legitimieren – über Bilanzen, Absatzzahlen, Umsatzsteigerungen.

Cover Sprachlose Elite?In der Politik glauben sie – nicht ganz zu Unrecht – dies nicht mehr praktizieren zu können. Viele sprechen mit Unverständnis, manchmal auch verärgert über die Kompromisse, die in Koalitionsregierungen beschlossen würden. Politiker, so eine unter den befragten Unternehmern weitverbreitete Meinung, würden ganz oft fahrlässige Entscheidungen treffen, nur um ihre Wiederwahl zu sichern. Parteien und Fraktionen würden Linien und Konzepte vorgeben, an die sich die Abgeordneten halten müssten – ganz gleich, welche Meinung diese dazu haben. Und die Entscheidungswege in der Politik seien lang und verschlungen, das Tempo daher niedrig. Leistungen ließen sich nicht plausibel messen und böten keine Gewähr für eine erfolgreiche Karriere in der Politik. Kurzum: Die politische Arbeit widerspricht in den Augen von Unternehmern dem, was sie auszeichnet und worauf sie stolz sind.

„Warum bin ich nicht in der Politik?“, so fragt sich eine Unternehmerin. „Wahrscheinlich, weil ich verrückt werden würde. Weil sich nichts bewegt, ne.“ „Politiker“, so ein anderer Unternehmer, „wäre das Letzte was ich werden wollte. Nicht weil ich das Ansehen dieses Berufes irgendwie scheiße finde, sondern weil ich mir diese pausenlosen Diskussionen mit irgendwelchen Typen, die keine Ahnung haben in Ortsvereinen und Interessensgruppen, und sonst irgendwelchen durchgeknallten Typen da vorstellen kann.“ Diese Aussagen stehen durchaus repräsentativ für die Mehrheit der Befragten. Das politische System und Unternehmer, das zeigt die Gesellschaftsstudie, sind zueinander strukturell nahezu unvereinbar. Das Berufsprofil von Politikern wirkt auf die meisten Unternehmer ganz und gar unattraktiv; ohnehin wird der Politik kaum Gestaltungsmacht eingeräumt. In ihren Unternehmen – das denken anscheinend viele der Befragten – können sie für die Gesellschaft mehr erreichen: durch Arbeitsplätze und Produkte.

Wer also darauf wartet, dass Unternehmer in naher Zukunft sich wieder verstärkt den Parteien und Parlamenten zuwenden, kann lange warten.

Dr. Robert ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Göttinger Institut für Demokratieforschung. Der Beitrag basiert auf der BP-Gesellschaftsstudie, die soeben unter dem Titel „Sprachlose Elite?“ im Rowohlt Verlag erschienen ist.

[1] Vgl. Schindler, Peter: Datenhandbuch zur Geschichte des Deutschen Bundestags 1949 bis 1999. Gesamtausgabe in drei Bänden, Baden-Baden 1999, Bd. I, S. 680.


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