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Und sie engagiert sich doch

Christian Woltering |  16. August 2010 |   |  Drucken

[präsentiert]: Das Forschungsprojekt „Wo ist die ‚Unterschicht‘ in der modernen Bürgergesellschaft?“ machte sich auf die Suche nach modernen Formen von bürgerschaftlichem Engagement. Christian Woltering fasst für den Blog erste Erkenntnisse zusammen.

„Cocooning“ war eines dieser neu geschaffenen Schlagworte, das die Debatte um die „Unterschicht“ prägte. Auf plastische Weise – gleich sich verpuppenden Insekten – beschreibt dieser Ausdruck, wie sich immer mehr Menschen aus dem unteren Drittel der Gesellschaft in ihre Wohnungen – ihre „Kokons“ – einschließen und diese tagelang nicht verlassen, um mit anderen Mitmenschen Kontakte zu pflegen oder aufzunehmen. Bräsig und faul säßen sie vor dem Fernseher, stopften Kohlenhydrate (zumeist natürlich auch Alkohol und Zigaretten) in sich hinein, harrten teilnahmslos und gleichgültig der Dinge, die vor ihrer Haustür geschehen. In Vereinen engagiert sich hier kaum einer, die Wahlbeteiligung ist die geringste in der gesamten Bevölkerung und auch sonst sei kaum Engagement, in welcher Ausprägung auch immer, zu erwarten.

Diese Beschreibung der so genannten „Unterschicht“ ist ein recht weit verbreitetes Stereotyp, das in den letzten Jahren nicht nur an den Stammtischen Einzug gehalten hat; auch Politiker, Publizisten und Wissenschaftler suchen immer mal wieder nach Gelegenheiten, um für ein kurzfristiges mediales Echo die „Unterschicht“ pauschal zu diskreditieren.

Freilich wurde sich jedoch höchst selten die Mühe gemacht, persönlich mit den Menschen zu sprechen, um diese Vorwürfe zu bestätigen bzw. zu widerlegen. Meist handelte es sich um generelle Vorverurteilungen à la „Wer schon keine Arbeit hat, verfügt immerhin über genügend Freizeit, um sich anderweitig in die Gesellschaft zu integrieren“ (vgl. Guido Westerwelles Schnee-Schippen-Appell). Dies war zwar in der Regel kaum wissenschaftlich belegt, sorgte aber mithin für eine gewisse mediale Aufmerksamkeit.

An diesem Punkt setzte ein Forschungsprojekt des Göttinger Instituts für Demokratieforschung an. Auf Basis einer qualitativen Untersuchung wurde in drei ausgewählten Problembezirken versucht, Erkenntnisse über Einstellungen unterprivilegierter Bevölkerungsgruppen zur modernen Bürgergesellschaft und über ihre Aktivitäten dort hervorzubringen.

Zwei Fragestellungen standen dabei im Vordergrund:

  1. Wie sind die Einstellungen und Kenntnisse der Befragten zur Zivil- und Bürgergesellschaft im Allgemeinen sowie zu ihren modernen Ausprägungen im Besonderen beschaffen?
  2. Und: Gibt es möglicherweise bisher unerkannte moderne, das heißt „informelle“ und „individuelle“ Formen bürgerschaftlicher Aktivität?

Untersuchungsgegenstand waren Menschen aus dem unteren Drittel der Gesellschaft, zumeist Personen mit niedrigem Bildungsabschluss und geringem Haushaltseinkommen, bei denen davon ausgegangen wurde, dass sie nicht oder nur schwer dazu zu motivieren sind, an der so genannten Bürgergesellschaft zu partizipieren.

Es sollte ein profundes Verständnis der Perspektiven, Denk- und Wahrnehmungsmuster bildungsferner Bevölkerungsgruppen bezogen auf bürgerschaftliches Engagement erlangt werden. Denn um das Potential der Menschen aus diesen soziokulturellen Milieus hinsichtlich bürgergesellschaftlicher Engagementformen richtig einschätzen und mögliche Engagementangebote deutlicher konturieren zu können, war es wichtig zu erfahren, wie die Bürgergesellschaft dort überhaupt wahrgenommen wird.

Dabei konnte die der Untersuchung vorangegangene Grundannahme – die Existenz informeller und daher bisher unentdeckt gebliebener Engagementstrukturen und bürgergesellschaftlicher Aktivitäten – bestätigt werden. Es ließen sich viele „verborgene“ soziale Netzwerke informellen Helfens, insbesondere bei Migranten und häufig dort auch in religiösen Kontexten, auffinden. So konzentriert sich der Lebensradius der Befragten auf einen räumlich sehr kleinen Nahbereich.

Dass viele der Befragten schon mit Begriffen wie „Bürger- oder Zivilgesellschaft“ nichts anfangen konnten, weist auf ein besonderes Problem bei der Erfassung der Aktivitäten hin. Während Begriffe wie Ehrenamt und Freiwilligenarbeit im Wortschatz der Befragten durchaus vorkommen, können neue, moderne Begriffe wie „Bürgergesellschaftliches Engagement“ nicht richtig eingeordnet werden. Politik, Sozialwissenschaft und Adressaten reden hier scheinbar systematisch aneinander vorbei.

Doch selbst wenn die Ansprache gelingt, gibt es gewisse Voraussetzungen, die Engagement erst entstehen lassen oder fördern. Entscheidend dafür sind Viertelbewohner mit guter sozialer Vernetzung und hohem Ansehen. Sie sorgen für den Aufbau und die Aufrechterhaltung von Aktivitätsangeboten und Initiativen, wie Stadtfesten, internationalen Gärten, Frühstückstreffen usw. Gleichzeitig werden gerade „moderne“ Formen von Bürgergesellschaft, das heißt informelle, ungebundene und flexibel nutzbare Angebote nachgefragt – und bilden daher einen Anknüpfungspunkt für Engagementpolitik.

Beschreibungen, die die „Unterschicht“ als gänzlich passiv oder gar apathisch klassifizieren, sind also nicht haltbar. Auch wenn ein Engagement über den eigenen Nahbereich hinaus nur für wenige Befragte eine Handlungsalternative darstellte, fanden sich mannigfaltige Beispiele für gemeinschaftlichen Einsatz und Aktivität innerhalb bereits bestehender sozialer Netzwerke. Die Befragten übernehmen soziale Verantwortung, kümmern sich um andere Menschen und erkennen ihre Pflichten für Lebensumfeld und Viertel fraglos an.

Es ließ sich also durchaus bürgerschaftliches Engagement im jeweiligen Nahbereich konstatieren. Dieses wird jedoch zum einen von den Personen selbst häufig nicht als Engagement, sondern als selbstverständliche Hilfeleistung gewertet. Zum anderen werden diese Formen von Engagement auch von Wissenschaft und Politik vielfach noch übersehen. Ein „Kokon“ um die Unterschicht konnte nicht identifiziert werden – fraglich ist allerdings, ob Gleiches über Politik und Sozialwissenschaften behauptet werden kann.

Christian Woltering ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Göttinger Institut für Demokratieforschung. Er arbeitete im Projekt „Wo ist die ‚Unterschicht‘ in der modernen Bürgergesellschaft“ mit.


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