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Unbehagen 2.0

Jöran Klatt |  12. November 2010 |   |  Drucken

[kommentiert]: Jöran Klatt über das Verhältnis von Feminismus und Gender-Studies

Der Begriff gender erzeugt nach wie vor gewisses Unbehagen. Dabei erschien das für die Gender-Studies zentrale Werk der Soziologin Judith Butler „Das Unbehagen der Geschlechter“ bereits 1991. Bis heute gilt ihr Ansatz als revolutionär und wird, wegen seiner vermeintlichen Radikalität, nur selten als notwendige oder hilfreiche Kategorie für die Wissenschaft angesehen.

Dabei haben sich viele KritikerInnen der Gender-Theorie oft nie eingehender mit ihr beschäftigt. Dies zeigt vor allem die häufige Verwechslung des Konzepts mit dem politischen Feminismus. Allein die Erwähnung des Begriffs gender löst oft Streitigkeiten aus, die auf seltsame Weise überzeichnet und unzeitgemäß wirken. Das postmoderne „anything goes“ endet beim Angriff auf die Objektivität der Geschlechterdivergenz und schnell finden sich selbst in sonst äußerst progressiven Kreisen Bewahrer konservativer  Weltbilder.

Bipolare Geschlechterunterschiede seien evident, so lautet das Hauptargument der Kritiker. Sie basierten nicht auf gesellschaftlicher Reproduktion von Werten und Normen, sondern seien Folge bestimmter biologischer Merkmale. Dies sollen dann zumeist die Naturwissenschaften belegen. Als Quelle vermeintlicher Fakten und als Lieferanten unparteiischer, „objektiver“ Sichtweisen sollen sie die Geschlechterdifferenzen mittels eines Verweises auf die „natürliche“ Ordnung bestätigen. Da ihre Antworten jedoch zumeist relativ ausfallen und in der Regel eher die Wandlungsfähigkeiten und Vielfältigkeit von Rollenzuteilungen belegen, dominieren am Ende meist anthropologische Halbwahrheiten über Aufgabenverteilungen unter Steinzeitmenschen oder Farbpräferenzen bei Säuglingen die Diskussion.

Dabei geht es vielen Skeptikern gar nicht um die Wissenschaftlichkeit des Gender-Ansatzes. Sie fürchten um das als identitäts- und sinnstiftende empfundene Element des kulturellen Geschlechts. Zudem wird normativ bezweifelt, dass eine Welt ohne bipolare gender besser gefalle als jene, in welcher eine heterosexuelle Matrix das unangetastete Eichmaß jedweder Selbstzuschreibung und -verortung ist. Doch was ist dran an dieser Kritik? Wollen uns die Gender-Studies mit dem kritischen Blick auf Geschlechterunterschiede wirklich einen Teil unserer Identität nehmen?

Es ist klar: Genderforschung steht im historischen Kontext von feministischer Aktion und emanzipatorischen Bewegungen. Diese haben den vorherrschenden patriarchalen Habitus scharf kritisiert und die Gesellschaft daraufhin auch verändert. So wirken auf viele Menschen zahlreiche Argumente dieses Diskurses inzwischen überholt, seien sie doch mehrheitlich konsensfähig geworden. Selbst Konservative diskutieren heute kaum noch ob, sondern in der Regel nur noch wie Chancengleichheit herzustellen und Gerechtigkeit zwischen den Geschlechtern zu erreichen ist. Warum also noch gender, wenn sich doch alle einig scheinen?

Hierbei ist vor allem eines wichtig: Die Gender-Frage ist nicht gleichzusetzen mit der feministischen und emanzipatorischen Forderung, auch wenn beide sich in der Vergangenheit gegenseitig stark beeinflusst haben. Für den Feminismus ist Butlers Theorie eine Revolution gewesen und sorgte für heftige interne Auseinandersetzungen. Denn die Kategorie der Frau, die für die Bewegung lange Zeit außer Frage stand, wird durch die Annahme der Konstruiertheit kultureller gender nämlich genauso in Frage gestellt wie die des Mannes. Insofern offenbarte die Genderforschung einen blinden Fleck des Feminismus: Dieser nutzte weiter die Kategorien seines kritisierten Gegenübers und trug so zumindest indirekt zur Stärkung genau des Systems bei, das eigentlich bekämpft werden sollte.

In der Folge wandelte sich die feministische Bewegung: Sie differenzierte sich derart aus, dass heute kaum noch von einer einheitlichen Front die Rede sein kann. Es existiert nicht mehr der Feminismus als solcher, sondern viele. Diese oft interdisziplinären Ansätze versuchen, kulturelle Codes zu entschlüsseln, anhand derer sich Menschen selbst definieren und definiert werden. Als Beispiel können hier die Queer-Studies der Soziologie oder die Historische Anthropologie in der Geschichtswissenschaft genannt werden. Gemeinsam ist ihnen die Erkenntnis, dass Rollen – wie z.B. kulturelle Geschlechter oder auch feinere Ausdifferenzierungen – sich nicht im Gegensatz männlich-weiblich erschöpfen.

Hierin besteht eine Herausforderung an die wissenschaftliche Beschäftigung mit Individuen: Sie lassen sich zu schnell in vorgeprägte Muster pressen. Angebliche Geschlechterstereotype sind bequeme Sortierfelder, anhand derer die individuellen Eigenschaften einer Person oft als vermeintliche Kausalitäten dargestellt werden. Kurz: Wir erwarten von einer Person, dass sie sich rollenspezifisch verhält und erklären sie dann anhand dieser Erwartung.

Doch um dieses Wechselspiel von Rollenerwartung und Rollenerfüllung abseits verallgemeinernder Geschlechterlogiken zu erklären, muss eine moderne Biografik eine kritische Position dazu einnehmen. Hier liegt bis heute der fruchtbarste Ansatz, den die Gender-Studies liefern: Fragten wir früher noch zaghaft nach ‚der Frau‘ oder ‚dem Mann‘ und erwarteten, besonders männliche oder besonders weibliche Eigenschaften zu beobachten, so gehen wir heute einen Schritt weiter und fragen, welche Rolle ein Mensch spielt oder glaubt spielen zu müssen. Dabei sind wir nicht mehr – oder zumindest deutlich weniger – an Vorurteile gebunden und können den Gegenstand differenzierter betrachten.

Zwar lassen sich von Zeit zu Zeit einzelne Phänomene sogar an heterosexuellen Logiken erklären. Die Erkenntnis über die kulturelle Konstruiertheit der gender lehrt uns jedoch, dass solche Rollen in der Regel nur die halbe Wahrheit sind. Individuen durchlaufen ihr Leben lang einen solchen Prozess, der sich zwischen individueller Verortung, Selbsterfindung, Rollen- und Fremdzuschreibung bewegt. Dabei ist man nie nur Mann oder Frau. Man ist beeinflusst und geprägt vom Kulturellen als solches, wie wir es von klein auf kennengelernt haben.

Eine Politische Kulturforschung, die diesen dekonstruktivistischen Genderansatz konsequent aufgreift, braucht Männer und Frauen nicht mehr als unterschiedliche Phänomene zu beschreiben. Besser kann sie diese anhand alltäglicher Eigenschaften, der Sozialisation und der Weltbilder, derer sie sich bedienen, beleuchten. Dieser Ansatz ist im Prinzip nicht neu. Man könnte argumentieren dass alle SoziologInnen, PolitikwissenschaftlerInnen oder HistorikerInnen, die hierfür ein Gespür hatten, in gewisser Weise auch einen Gender-Ansatz verfolgt haben.

Abseits der Normativität, die in vielerlei Hinsicht nichts von ihrer Notwendigkeit eingebüßt hat, bedeutet gender also zunächst nur konsequenten Dekonstruktivismus. Aus diesem folgt nicht zwingend, dass die kulturellen Geschlechter abgeschafft werden müssen. Jedoch kann eine kritische Position zu ihnen helfen, das Unbehagen, das sie – auch in der Wissenschaft – nach wie vor erzeugen, zu überwinden.

Jöran Klatt ist studentische Hilfskraft im Göttinger Institut für Demokratieforschung.


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