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Über Negt

Katharina Trittel |  24. Oktober 2016 |   |  Drucken

[präsentiert]: Katharina Trittel über die Lesung von Oskar Negts Autobiografie beim Göttinger Literaturherbst.

Oskar Negt hat ein Buch geschrieben über Oskar Negt. Eine Autobiografie, die sich nicht zuletzt mit der Frage beschäftigt, wie man eine solche schreibt. Wie spricht man über sich selbst, über das eigene Leben, über Erinnerungen und Selbstdeutungen?

Oskar Negt tut es mit einer entschiedenen, bewussten Distanz. Er schreibt über sein Leben aus einer Beobachterposition; er schreibt nicht von seinem Leben oder aus seinem Leben, sondern über sein Leben.

Auf die dialektische Spannung des Titels „Überlebensglück“[1] wies natürlich auch der Moderator der Veranstaltung des 25. Literaturherbstes am sonntäglichen Vormittag des 23. Oktober 2016 im Deutschen Theater in Göttingen hin. Süffisant merkte Negt an, der Titel sei „von manchen Übertreibern als genial bezeichnet“ worden. Auf jeden Fall war es gelungen, ganz nebenbei den Begriff Dialektik fallen zu lassen und somit auf Negts geistige Schule zu verweisen.

In der Lesung und dem anschließenden Gespräch mit Altkanzler und Weggefährte Gerhard Schröder geht es immer wieder um fragmentierte Erfahrungen, persönliche und gesellschaftliche, um das Zusammenspiel dieser Ebenen in Negts Gesamtwerk, das in „zentnerschweren Kisten“, wie Negt behauptet, gestapelt auf der Bühne thronte. Die gesellschaftliche und die persönlich-philosophische Sphäre werden jeweils auch repräsentiert durch den Realpolitiker Schröder und den Sozialphilosophen Negt; sie dienen aber auch als Ausgangspunkt für die vorgestellte Autobiografie – eine Verknüpfung, die im wirklichen Leben nicht immer gelingen kann, wie Schröder bemerkt, wenn er Negt gegenüber freundschaftlich einräumt: „Mir war klar, dass ich Enttäuschungen bei dir produzieren würde.“

Weil der Titel für die Autobiografie in mehrfacher Hinsicht nicht nur eine dialektische Spielerei, sondern auch künstlerisches Programm, Konstruktionsprinzip, eine Haltung zum eigenen Leben ist, lässt sich die Veranstaltung in vier fragmentierte Beobachtungen bündeln: über Negt, darüber, wie Negt über Negt spricht und wie Negt über den Zustand der Gesellschaft urteilt.

Über-Lebensglück

Das so wichtige Wort „über“ im Titel von Negts Autobiografie „Überlebensglück“ ist eine Präposition im eigentlichen Sinne, eine Voranstellung der Metaebene und der Distanz. Negt hat sich für diese Perspektive entschieden, um „Schichten aufzudecken, die sonst nicht richtig erkennbar sind“. Schichten seines Selbst. Trotz des personalen Erzählers redet Negt über Negt; er spricht also indirekt, aus einer übergeordneten Position, analytisch und sezierend.

Er präsentiert Schlüsselerlebnisse seiner Biografie, die er als Wendepunkte deutet. Er beschreibt „den Tag, an dem meine Kindheit endete“, und stellt fest, dass es Erlebnisse gab, die „mein Leben in wenigen Tagen radikal verändert haben“. Auf diese Weise, betont Negt, könne man eine Autobiografie beginnen lassen: Indem man auf Traumata und Verletzungen hinweise und auf die Spuren, die diese im Leben hinterließen.

Ein radikaler Umbruch im Leben biete sich als Einstieg in eine Autobiografie an – diese Variante ist aber eben nur eine Möglichkeit: die Möglichkeit, für die man sich entscheide, wenn man die persönliche Komponente in den Fokus rücke. Man könne aber auch, statt den Blick rückwärts zu wenden, aktuelle gesellschaftliche Assoziationen an Ankerpunkte der eigenen Biografie anschließen, den Blick also nach außen und in die Zukunft richten.

Diese Überlegungen stellt Negt nicht nur im Gespräch mit dem Moderator an, sondern er formuliert sie auch so in seinem Buch. Die erzählenden Passagen werden durch Reflektionen auf der Metaebene durchbrochen, relativiert und reflektiert. Auch die Lesung wird diesem Strukturprinzip folgend inszeniert, denn Negt lässt über Negt lesen. Der autobiografische Text wird so nicht nur durch die Präsentation des Schauspielers Bardo Böhlefeld in einen indirekten Redekontext gestellt; auch wirkt der anwesende Autor, der die Passagen dann kommentiert, wie ein erzählendes Subjekt dritter Ordnung. Nicht nur die beschriebenen Erfahrungen sind fragmentiert, auch der Versuch ihrer Ordnung und Deutung.

Überlebens-Glück

Die naheliegende Deutung des Titels macht die Antipoden des todesnahen Überlebens und des Glücks auf – wobei Leben sowohl zum Überleben (also des gerade nicht Totseins) als auch zum Lebensglück, also dem glücklichen Leben, gehört. Die Betonung liegt in dieser Variante eindeutig auf dem Überleben, darauf, dem Tod von der Schippe gesprungen zu sein, als Negt als Zehnjähriger mit seinen beiden Schwestern aus Ostpreußen flieht, Königsberg mit einem der letzten Schiffe verlässt und dann zwei Jahre in einem dänischen Internierungslager leben muss. Sein Buch thematisiert das Eingeschlossensein im Lager, das ebenfalls durch die Wiedergabe eines Dialoges zwischen ihm und seiner Schwester aus der Retrospektive in einer indirekten Erzähl- und Erinnerungsform präsentiert wird. Negt gelingt nur dank seiner Familie, die erfahrene Lebensbegrenzung im Lager zu überwinden. Der Zusammenhalt der Geschwister bedeutet Überleben, auch, wenn er diesen Abschnitt seiner Biografie beschreibt als „eine Erfahrungsschicht, die zur Narbenbildung führt“.

Über-Lebens-Glück

Eine weitere Möglichkeit der Titelexegese wird in der Lesung als Kontrapunkt gegen die Überlebensschilderung gestellt. Es ist eine Passage, in der aus der Perspektive von Negts Schwester Ruth der Tag von Oskars Geburt beschrieben wird: Die Ankunft eines neuen Lebens, welches Ruth an diesem Tag zunächst alles andere als glücklich macht. Schließlich ist Oskar das siebte Geschwisterkind, ein Esser mehr auf Gut Kapkeim im Jahr 1934. Dass sich das Leben ihres Bruders in Gestalt eines Storchs durchaus metaphorisch ankündigt, legt nahe, in dieser Lesart das neue Leben in den Fokus zu stellen. Zwar ist der Storch im Kamin gefangen, seine Federn sind dementsprechend schwarz verfärbt – sodass der Kampf ums Überleben auch hier deutlich mitschwingt –; aber Oskars Schwester gelingt, das Tier aus dem Schacht und vom schwarzen Ruß zu befreien. Auch hier vermittelt Negt die Kunde von seiner Geburt gleich über mehrere Botschafter: über den metaphorischen Storch und über seine ältere Schwester; und über seinen Vater, der endlich die Geburt eines Sohnes und sein Glück über das neue Leben vermelden kann.

Über Faschismus

Für den zweiten Teil der Veranstaltung bietet die persönliche Erfahrung der Flucht und Internierung einen aktuellen gesellschaftlichen Anknüpfungspunkt für die eher kurze und nur punktuell geführte Debatte mit Altkanzler Schröder. Hat man Negt in der Auseinandersetzung mit sich selbst angemerkt, wie schwierig dieses Unterfangen nach eigener Aussage für ihn gewesen sei, ist seine gesellschaftliche Analyse direkt und ungebrochen. Klar äußert er, es gäbe dieser Tage zum ersten Mal wieder ein faschistisches Potenzial, am politischen Horizont drohe die Möglichkeit einer neuen Weimarer Republik. Negt selbst und seine Mitstreiter hatten sich 1968 in dem Sammelband „Die Linke antwortet Habermas“[2] gegen dessen während der Studentenunruhen erhobenen Vorwurf des „linken Faschismus“ gewehrt. Diese Vokabel, die damals zu einem Zerwürfnis von Negts Mentor mit der Studentenbewegung führte, erfährt heute eine Wiederbelebung durch Bewegungen wie Pegida. Ging es jedoch Habermas, der sich grundsätzlich mit den Anliegen der Studenten solidarisiert hatte, um die Verurteilung bestimmter Methoden, wirft die heutige Pauschalverleumndung des politischen Gegners durch rechtspopulistische Bewegungen wie Pegida die wieder hochaktuelle Frage auf, welche Funktion der Faschismusvorwurf in welcher rhetorischen, politischen und gesellschaftlichen Konstellation eigentlich erfüllt. Allemal sollte die Verwendung des Begriffes „faschistisch“ durch Oskar Negt hellhörig machen.

Katharina Trittel ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Göttinger Institut für Demokratieforschung.

[1] Negt, Oskar: Überlebensglück, Göttingen 2016.

[2] Abendroth, Wolfgang u.a.: Die Linke antwortet Habermas, Frankfurt am Main 1968.


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