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Symbiose und kollektive Selbstverortung

Andreas Wagner |  18. Mai 2015 |   |  Drucken

Quelle: Jorma Bork@pixelio & kasina@pixelio

[präsentiert]: Andreas Wagner über Unternehmer in Verbänden.

Zuletzt ist die Republik relativ häufig von Gewerkschaftsstreiks im Bahn- und Flugverkehr gebeutelt gewesen. Von einem laut vernehmbaren Zuspruch zu Verbänden, Organisationen und Lobbygruppen war dabei allerdings wenig zu spüren. Ungeachtet des verfassungsmäßig garantierten Streikrechts und der ebenso legitimierten Vereinigungsfreiheit haben Verbände und Interessengruppen mit Akzeptanzproblemen zu kämpfen – auch auf der Arbeitgeberseite. Die „ständig wechselnden Auffassungen“ der deutschen Wirtschaftsverbände monierte etwa schon vor einigen Jahren der damalige Kanzleramtschef und jetzige Bundesinnenminister Thomas de Maizière.[1] Fernab solcher Vorwürfe spielen Verbände und Interessengruppen jedoch weiterhin eine maßgebliche Rolle in der politischen, sozial-kulturellen und wirtschaftlichen Landschaft.

Dabei stießen offenes Bekenntnis und Engagement in derartigen Vereinigungen schon früher auf großes Unbehagen. So richtete die bundesdeutsche Verbandsforschung ihren Blick in den Nachkriegsjahrzehnten v.a. auf vermeintliche Gefahren für die Regierbarkeit des Landes und befürchtete eine schonungslose Durchsetzung von Partikularinteressen der Verbandsmächte. Andere Ansichten betonten dagegen wiederum gerade die vielgestaltenden Wirkungsmächte pluraler Interessenvertretungen, die in einer ebensolchen Gesellschaft für Stabilität, Information, demokratische Legitimation und damit wesentlich zum Gemeinwohl beitragen konnten.

Cover Sprachlose Elite?Trotz dieser Ambivalenz hinsichtlich ihrer Akzeptanz und Bewertung ist die Anziehungskraft von Interessenorganisationen noch immer beträchtlich: Für vierzig Prozent der Ministerialbürokratie gelten Verbände als wichtigste Ansprechpartner.[2] Und auch die Beteiligung in Gremien und Verbänden liegt im Trend: Mehr als ein Viertel des Unternehmer-Nachwuchses ist bereits Mitglied eines Wirtschaftsverbands, ein weiteres Fünftel beteiligt sich in weiteren Gremien und Vereinigungen.[3] Doch warum engagieren sich Unternehmer überhaupt ehrenamtlich in Verbänden? Wie stehen diese Verbandsbediensteten und -vorsteher Politik und Gesellschaft gegenüber? Und schließlich: Interpretieren sie ihre eigene Rolle anders als Unternehmer ohne Verbandszugehörigkeit?

Im Rahmen der 2. BP-Gesellschaftsstudie hat das Institut für Demokratieforschung in knapp 160 Interviews auch die Verbandstätigen und deren Motivation in den Blick genommen. Vor der Frage nach der Motivationslage des Verbandsengagements stellt sich aber zunächst die Frage, wer die Verbandstätigen eigentlich sind und was diese Gruppe überhaupt ausmacht.

Unter den untersuchten Geschäftsführern, Vorstandsvorsitzenden und Unternehmern waren lediglich knapp zehn Prozent Verbandsführerinnen. Dies entspricht etwa der Hälfte des Frauenanteils der gesamten Studie. Neben dem deutlichen Männerüberhang überwogen ebenfalls stark die Kohorten der Nachkriegsgeneration, der rund ein Drittel der Verbandstätigen entstammt. Neben dem Überhang dieser Verbandsleitenden sind auch die wesentlich jüngeren, geburtenstarken Jahrgänge ab den späten 1960er Jahren besonders häufig vertreten, ältere Jahrgänge aus der Zeit vor 1940 hingegen leicht unterdurchschnittlich repräsentiert.

Ein ebenfalls eindeutiges Ergebnis offenbart sich beim Blick auf die höchsten Bildungsabschlüsse der Verbandselite: Knapp die Hälfte verfügt über einen universitären Abschluss, die andere Hälfte ist darüber hinaus promoviert, einige wenige sind auch habilitiert. Andere Bildungsabschlüsse finden sich allenfalls vereinzelt. Und auch die Religionszugehörigkeiten der Engagierten sind ungewöhnlich: Während der Anteil der evangelisch-lutherischen Verbandstätigen mit dem der Unternehmer gleicher Konfession aus der Gesamtstudie nahezu identisch ist, kommen zugunsten der katholischen Konfession deutlich weniger konfessionslose Verbandstätige vor.

Die Einbindung im Verband hat auch Konsequenzen für das Privatleben; hier finden sich häufig Bezüge zu Kollektivstrukturen und Bekenntnisse zur Gemeinsamkeit. Deutlich stärker als in der übrigen Unternehmerschaft plädieren Verbandsfunktionäre für gemeinsame Sporterfahrungen und den Mannschaftssport als bevorzugte Hobbys. Die starke Fokussierung auf die Familie und sonstige Netzwerke prägt die jeweilige Selbstbetrachtung deutlich: Ein hohes Maß an Anglophilie, Kommunikationsfähigkeit und kosmopolitischer Weitläufigkeit bestimmt das Bild der unternehmerisch-verbandsspezifischen Selbstwahrnehmung.

Kritische Einstellungen zur Politik formulieren die Verbandstätigen behutsam: Im Grundsatz mit dem ausbalancierten parlamentarisch-demokratischen System des Landes einverstanden, sehen sie künftige Gefahren in schnellen Ressortwechseln politischer Führungspersonen und in zunehmend komplexeren Thematiken. Weil langfristige Lösungsansätze daraufhin ausblieben, sei eine von Experten bestückte „Kammer des Sachverstands“ nötig. Um wie beim Ausbau direktdemokratischer Entscheidungsmöglichkeiten nicht in eine planlose „Diktatur der Minderheiten“ zu geraten, sollte diese Kammer jedoch mit fachlichen Experten oder sonstigen honorigen Persönlichkeiten besetzt werden. Durch die Zusammensetzung des Rates bestehe, so die Verbandsvertreter, auch die Aussicht auf schnellere Entscheidungsprozesse, wie sie in der Wirtschaft gleichsam alltäglich wie unerlässlich stattfänden.

Die Forderung nach einer Hilfestellung für die Politik durch Experten schlägt sich auch im eigenen Selbstverständnis nieder: Um für einen Reformimpetus zu sorgen, stehe jeder Einzelne, und v.a. man selbst, in der gesellschaftlichen Pflicht, seine ihm mögliche Leistung abzurufen. Zwar würden in einer chancengerechten Gesellschaft gleiche Betätigungsperspektiven für alle gelten, die Verantwortungslosigkeit des Einen dürfe aber keinesfalls die Solidarität der Vielen überspannen. Dies gelte sowohl in der Erwerbsarbeit als auch im Rahmen eines „mündigen Bürgers“ mit der Verantwortungsübernahme im gesellschaftspolitischen Bereich einer freien Bürgergesellschaft im Ehrenamt. Ihre eigene zumeist ehrenamtliche Tätigkeit empfinden die Verbandstätigen dabei als Ausgangspunkt für diese „gelebte Verantwortung“ gegenüber ihrer idealen Gesellschaft.

Bereits in früheren Studien ließ sich bei verbandstätigen Unternehmern ein – verglichen mit nicht verbandsgebundenen Unternehmern häufigeres – Bekenntnis zur gesellschaftlichen Prosperität erkennen, demnach der Wunsch nach möglichst hohem unternehmerischen Wachstum zugunsten von größtmöglichem gesellschaftlichen Nutzen zurückzutreten habe. Mit ihrem vehementen Plädoyer für eine unternehmerische Vorbildfunktion sehen sich die Verbandstätigen sowohl als Speerspitze unternehmerischer Innovationskraft als auch als gesellschaftliche Avantgarde. Der Verband dient dabei als professionelles Koordinationsorgan und Resonanzbecken für unternehmerische Leistungen und gesellschaftliches Engagement. Mit den routinierten und professionalisierten Möglichkeiten, die sich ihnen mit den Wirtschaftsverbänden bieten, suchen die Verbandstätigen ein starkes individuelles Engagement zu zeigen – sowohl im Sinne des Antriebs für eine leistungs- und initiativbereite Gesellschaft als auch einer Interessenvertretung und von Netzwerkimpulsen zugunsten ihrer eigenen Verbandsmitglieder.

Dr. Andreas Wagner arbeitet am Göttinger Institut für Demokratieforschung.

[1] Rinke, Andreas, Kanzleramtschef attackiert die Wirtschaft, in: Handelsblatt, 13.12.2007.

[2] Koch-Baumgarten, Sigrid: Verbände zwischen Öffentlichkeit, Medien und Politik, Wiesbaden 2014, S. 24.

[3] Vgl. Stiftung Familienunternehmen: Deutschlands nächste Unternehmergeneration. Eine empirische Untersuchung der Werthaltungen, Einstellungen und Pläne, München 2011, S. 49.


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