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Studentischer Protest braucht Sonne – und Gegner

Franz Walter |  11. März 2011 |   |  Drucken

[kommentiert]: Franz Walter kommentiert die Studentenproteste der letzten zwei Jahrzehnte.

Vor einigen Tagen kam ein Aktivist des Allgemeinen Studentenausschusses zu mir und fragte, was denn die Summe meiner Eindrücke von den studentischen Aktionen der letzen 20 Jahre sei. Ich habe ziemlich herumgestammelt, fahrige Allgemeinheiten über Generationen, Zyklen, den Wechsel von Emanzipation und Ruhepausen zum Besten gegeben. Aber meinem engagierten Studenten konnte ich mit dergleichen Phrasen nicht imponieren. „Wenn Ihnen etwas einfällt, bringen Sie’s zu Papier“, rief er mir im Abgang aufmunternd zu.

Nun also. Tatsächlich habe ich – und auch das nur sehr randständig – lediglich einige Beobachtungen der Boykottsemester von 1997 und 2003 erinnernd gespeichert. Der primäre Eindruck war: Studentische Vorlesungsboykotts der letzten beiden Jahrzehnte waren überwiegend gleichsam Streiks ohne wirklichen Streik. Denn die universitären Seminare blieben während der Boykotttage durchweg gut besucht. In den seltensten Fällen musste die Universitätsverwaltung „mit der ganzen Härte des Gesetzes“ einschreiten, um den Lehrbetrieb aufrechtzuerhalten.

Und dennoch dürften die studentischen Streiktage wichtig gewesen sein. Insbesondere natürlich für die Aktivisten. Oft befanden sich darunter, wie mir schien, bemerkenswert viele Erstsemester, für welche die Aktionstage zweifelsohne auch ein elementares Gemeinschaftsgefühl vermittelten, zumal die meisten von ihnen die ersten Wochen bis dahin an der fremden Uni in der fremden Stadt als einsam, leer, deprimierend, kurz: isoliert erlebt hatten – wie es oft so ist, im Anfangssemester in einer Universitätsstadt, noch dazu, wenn man aus einem Dorf oder einer Kleinstadt kommt. Nun aber, nach den durchwachten Nächten des „Streiks“, waren die Pupillen der erstsemestrigen Aktivisten „groß, euphorisch“, wie es 2003 eine aufmerksame Reporterin des Berliner Tagesspiegel beobachtet und festgehalten hatte. Seinerzeit hatten einige Zeitungskommentatoren gar eine „Atmosphäre der Zärtlichkeit“ wahrgenommen.

Doch ganz so zärtlich wie so häufig bei vergleichbaren Massenkundgebungen ging es eigentlich in den letzten beiden Jahrzehnten, jedenfalls 1997 und 2003, überwiegend nicht zu. Dafür war die Jahreszeit, in die das studentische Engagement überwiegend fiel, die November- und Dezemberwochen, partout nicht geeignet. Die Zeltdörfer, die von den Aktivisten regelmäßig und gern errichtet wurden, um rund um die Uhr das Uni-Terrain okkupieren zu können, wirkten eher feucht und traurig. Meist war es kalt, grau, infolgedessen ziemlich unsinnlich. Während warmer Sommertage hätte auf dem Campus gewiss ein ewiges Fest, ein chronischer Tanz, ein dauerhafter Event stattfinden können. Dann hätte es vielleicht wirklich die Atmosphäre von dichter Intimität, Nähe, Hochstimmung, ja Rausch geben können, von denen Massenveranstaltungen, die großen Protestströmungen der Geschichte – im Juni 1953 so gut wie im Juni 1967 –, leider auch die Patriotismusorgien – so beispielhaft der 4. August 1914 -, immer auch leben. Aber 1997 oder 2003 war es einfach zu kalt dafür.

Der Ausgang des Streiks von 1997 war vorprogrammiert: Mit den Weihnachtsferien ging alles zu Ende. Und es dauerte dann jeweils wieder einige Jahren, bis erneut eine Studentengeneration heranwuchs, die ebenfalls in irgendwelchen Novemberwochen den Streik ausrief und nach den Weihnachtsferien abermals enttäuscht den „Zwängen“ des Erwerbs der verlangten Zertifikate beugte. Die Frustrationen schienen mir allerdings auch darin begründet zu liegen, dass die Studierenden zu viele „Freunde“ und zu wenige „Feinde“ besaßen. Alle Welt plädierte schließlich für Bildung. Insofern wurden die studentischen Forderungen im Prinzip auch von aller Welt begrüßt und unterstützt: von den eigenen Professoren, den Universitätspräsidenten, auch von Vertretern der Wirtschaft, den Leitartiklern, ja selbst den Wissenschaftsministern.

Aber erfolgreiche Protestbewegungen brauchen so etwas wie einen Gegner, brauchen die schreckende Finsternis, um das Licht der eigenen Postulate erstrahlen zu lassen, benötigen den Kontrast, der die eigenen Anhänger zusammenschweißt, der Identitäten schafft, der zu einer Leitidee des eigenen Tuns beiträgt. Eben an dieser gegenwartstranszendierenden Leitidee mangelte es den Studentenprotesten zumeist, auch an einer eigenen, nicht geborgten Sprache, Symbolik und Semantik. All das wächst wohl nur im Klima scharfer Auseinandersetzungen, nicht in der lauen Wärme paternalistischer Umarmungen.

Doch weiter: Studentischen Aktionen in der Mediengesellschaft pflegen darauf zu zielen, durch die Steigerung des öffentlichen Spektakels – man steigt halbnackt in Flüsse, legt sich scheintot in Fußgängerpassagen, schleppt Särge durch die Straßen – die Aufmerksamkeit der Gazetten und elektronischen Sender immer wieder neu zu entfachen. Doch irgendwann stößt man mit dieser Strategie an Grenzen; irgendwann ist das Spektakel, die Provokation, die Inszenierung ausgereizt, verschlissen, langweilig, nicht mehr weiter zu steigern. Was aber dann? Das hat schon zum raschen Ende des „Lucky Streiks“ von 1997, auch des „Bildungsstreiks“ von 2003 geführt.

Der mediengesellschaftliche Budenzauber wirkt nur sehr kurzfristig spektakulär; er zeigt schon mittelfristig  kaum mehr Wirkung. Vielleicht wird man sich daher irgendwann wieder darauf besinnen, dass es Institutionen gibt, die ganz unspektakulär existieren, durchaus langweilig wirken, wohl auch sind, die aber über großen Einfluss und veritable Macht verfügen. Wohl selten im Übrigen waren diese Institutionen – auch Parteien gehören dazu – so leicht aus den Angeln zu heben oder umzufunktionalisieren wie derzeit, da ihnen Mitglieder, Ideen, Strukturen und Zustimmung (aber eben nicht Einfluss) abhanden gekommen sind. Die Institutionen der Macht sind spirituell und personell leer geworden, daher aber auch vergleichsweise günstig neu aufzufüllen – oder zu ersetzen.

Wie auch immer: Auffällig ist schon, wie sehr die Studentengeneration des letzten Jahrzehnts an das Credo der „Bildung“ glaubte. Emphatischer hat seit den Zeiten des Vormärz im 19. Jahrhundert wohl keine Studentenkohorte mehr das erhabene Bildungspathos deklamiert. Insofern waren diese Studenten die Kinder des klassischen Bildungsbürgertums und der Meinungseliten dieser Republik. Die Studierenden reklamierten, was ihnen seit Jahr und Tag erzieherisch und mahnend aus den Medien, von der Politik, von Professorensymposien lauthals entgegenschallte: Bildung, Lernen, Wissen! Denn das seien, so sagten ihnen die Führungsgruppen dieser Gesellschaft, die Tore zur Chancengesellschaft, die Pforten zum Markterfolg, die Katapulte für Gewinnerpositionen im scharfen internationalen Wettbewerb.

Und so gingen die Studierenden auch während der lauthals verkündeten „Streiktage“ unverdrossen strebsam in die universitären Seminare und Vorlesungen, wollten keine Stunde des Lernens, der Bildung verlieren. Doch eben diese ja bekanntermaßen andauernde Bildungsgläubigkeit kann aus den wohlerzogenen Kindern der Republik – nicht heute, aber vielleicht dann morgen – die Rebellen gegen die Künder ihrer eigenen Maximen machen. Und das hätten sie dann sogar mit einigen ihren Eltern oder Großeltern der Studiensemester 1965/66 gemeinsam, die ja ebenfalls zunächst nur das Postulat der Demokratie emphatisch einklagten, sich erst später, eben 1967/68, nach frustrierenden Erlebnissen radikalisierten, bevor sie, nach 1970, schließlich verbittert in den linksradikalen Irrsinn abrutschten.

Auch die jetzige Studentengeneration fordert nur das ein, was ihnen von den Herolden des fortwährenden Modernisierungs-Speeches durchweg versprochen wird: Bildung und Teilhabe. Und die bildungsbeflissenen Studenten erkennen derzeit Tag für Tag, dass wenig davon stimmt, dass das eine im Korsett modualisierter Stunden- und Arbeitszeitpläne schwer erreichbar ist, dass das andere nur als lästig und störend im „Prozess effizienter Verfahren“ empfunden wird. Eben dies aber, die Kluft zwischen der rhetorischen Dauerverkündung und der ernüchternden Realität, könnte die Kohorte des Bildungs- und Leistungsideals neuerlich in die Empörung treiben. Anzeichen dafür gab es ja bekanntlich im letzten Jahr.

Doch in welche Richtung das dann schließlich führen mag, ist gewiss noch offen. Aber es kann die gesellschaftliche Mitte der Republik verändern. Denn bisher hat noch jede Jugendemeute in Deutschland eine Dekade später die bürgerliche Mitte der Gesellschaft (neu) geprägt und mitunter stark transformiert – zu Beginn des 20. Jahrhunderts weit nach rechts, seit den 1960er Jahren ein bisschen nach links. Nicht ganz auszuschließen ist, dass nunmehr die Mitte „mittiger“ wird, dass sie sozial und ökonomisch ihre Interessen härter verteidigt, sich in den Zeiten eines unkomfortabel gewordenen Verteilungskampf stärker nach unten abgrenzt und abschließt.

Die Kinder der Aufsteigerschichten aus der ersten Bildungsreform, die derzeit die Universitäten bevölkern, fürchten schließlich um ihren Statuserhalt. An Diskussionen um eine zweite Bildungsreform, die auch den neuen, oft ethnisch begründeten Unterklassen ebenfalls Zugänge zu mehr Bildungschancen eröffnen würde, ist die gegenwärtige Studentengeneration der „Neuen Mitte“ offenkundig, so jedenfalls mein Eindruck, nicht sonderlich interessiert.

Franz Walter ist Leiter des Göttinger Instituts für Demokratieforschung.


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