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Stillstand der Flüchtigen

Robert Mueller-Stahl |  19. August 2014 |   |  Drucken

[präsentiert]: Robert Mueller-Stahl bespricht die Studie „On the Run. Fugitive Life in an American City“.

Es kommt nicht gerade häufig vor, dass so unterschiedliche Medien wie die Vice, die New York Times und der Blog der London School of Economics and Political Science über ein gemeinsames Thema berichten, geschweige denn das gleiche Buch besprechen. Und doch ist Alice Goffman der seltene Spagat gelungen, mit dem Bericht ihrer ethnographischen Feldforschung über ein Ghetto in West-Philadelphia in akademischen ebenso wie in populärmedialen Kreisen beachtet zu werden. Was hat sie herausgefunden?

Ausgehend vom amerikanischen Strafvollzugssystem, das seit den 1970er Jahren immens ausgeweitet worden ist – was allem voran zu einer überproportionalen Inhaftierung junger Afroamerikaner aus verarmten Vierteln geführt hat –, stellt sich Goffman zu Beginn eine gleichermaßen eindrückliche wie einfach zu verstehende Frage: Wie wirkt sich ein solches Strafsystem nicht nur auf die Inhaftierten selbst, sondern auf die Gemeinschaft, in der sie leben, also die besagten Viertel, aus?

Alice Goffman: On the Run, Chicago 2014.Um diese Frage in ihrer ökonomischen, soziologischen und psychologischen Dimension, letztlich also in ihrer ganzen Alltäglichkeit zu beantworten, hat sich Goffman länger und tiefer in ihr Forschungsfeld begeben, als es der gängige Forschungsablauf der heutigen Zeit vorsieht. Über sechs Jahre und gleichsam einen Großteil ihres Studiums wie auch ihrer zwanziger Jahre verbrachte Goffman in einer Gegend, die sie „6th Street“ nennt, zusammen mit einem Freundeskreis um die gleichaltrigen Mike und Chuck, deren Familien und Bekannten. Schnell wird deutlich, welchen Raum Polizei und Gerichte im Leben der jungen Erwachsenen einnehmen. Kaum jemand von ihnen hat nicht täglich langwierigen und engen Bewährungsauflagen nachzukommen, einen laufenden Gerichtsprozess für größtenteils kleinere Vergehen oder einen offenen Haftbefehl für verpasste Gerichtstermine bzw. unbezahlte -kosten ausstehen. Kurzum: An allen Mitgliedern der „6th Street Boys“, wie Goffman die Gruppe nennt, haftet permanent das Stigma des Kriminellen, im Gefängnis wie auch außerhalb.

Die weitläufigen Implikationen dieses Umstandes für die alltägliche Struktur der jungen Erwachsenen macht Goffman immer wieder anhand von beeindruckenden und bedrückenden Episoden deutlich. So würden sie öffentliche Einrichtungen wie z.B. Krankenhäuser oder Ämter meiden, an denen die Polizei präsent ist, Beerdigungen sowie Schulveranstaltungen ihrer Kinder fernbleiben und nicht zuletzt selbst im Notfall nicht auf das Rechtssystem aus Polizei und Justiz zurückgreifen. Den flüchtigen und umsichtigen Lebensstil, den sich die jungen Männer schon im Kindesalter angewöhnen, um nicht in das „net of entrapment“ (S. 33), als das sie ihre Umwelt auffassen, zu geraten, bezeichnet Goffman mit der alltagssprachlichen Formulierung „on the run“.

Goffmans Aufmerksamkeit richtet sich nicht ausschließlich auf die jungen Männer, vielmehr stehen die Auswirkungen auf die gesamte Community der 6th Street im Fokus ihrer Analyse. Ausgehend von den Freundinnen der jungen Männer schildert Goffman detailgenau, wie sich unter dem Druck der Polizei durch Verhöre und Hausdurchsuchungen die Beziehungen zu Zerreißproben entwickeln; andersherum kann in einem Klima der Überwachung und Kontrolle das Standhalten gegenüber der Polizei („ridin’“) als Liebesbeweis verstanden werden. In ähnlicher Weise seien auch die Beziehungen zwischen Müttern und Söhnen strukturiert, da sich Rolle und Verständnis der Mutter zu einem guten Teil über ihr Verhalten gegenüber der Polizei definieren ließen. Das nähere Umfeld der 6th Street verlassend zeigt Goffman die Mechanismen einer Schattenökonomie auf, die sich um die Personen „on the run“, denen der Zugang zu den vermeintlich selbstverständlichen Gütern und Diensten der Gesellschaft verwehrt bleibe, aufbaue.

Goffman wird jedoch ihrem Anspruch, das ganze Viertel abzubilden, erst durch einen Blick auf die Seite der nicht-involvierten, der „cleanen“ Bewohner, gerecht. Die außerordentlichen sozialen Kompromisse, die bis zum Kontaktabbruch zu nahen Familienmitgliedern reichten, verdeutlichen hierbei umso mehr die Kernthese ihres Buches: Das Strafvollzugssystem werde durch seine allgegenwärtige Präsenz zu einem Netz, das den Bewohnern nahezu jede Perspektive des Auf- und Ausbruchs verbiete („to be on the run is also to be on the standstill“, S. 196) und gleichzeitig ihre Werte, Normen, Moralvorstellungen und Beziehungen untereinander entscheidend mitpräge. Ghettos wie die 6th Street würden somit zu einem der „letzten repressiven Regime dieser Zeit“ (S. 204 [eigene Übers.]).

An dieser Stelle ist der Entstehungsprozess der Arbeit entscheidend: Goffman hat ihrer Analyse eine „methodische Anmerkung“ angefügt, in der sie auf die übliche Erläuterung der theoretischen Grundlagen, des Forschungsstandes und der Erhebungsmethoden verzichtet und stattdessen ihre persönlichen Erfahrungen im Zuge ihrer Arbeit schildert: ihren Zugang zur 6th Street, ihre Beziehungen und Erlebnisse innerhalb der Community bis hin zum Abschluss ihrer Studie. Dabei reflektiert sie auch ihre eigene Rolle, einerseits als privilegierte Tochter des berühmten Soziologen Erving Goffman, andererseits als permanente Außenseiterin in der 6th Street, und zeigt, wie sich im Verlauf der Jahre ihre Wahrnehmung des Untersuchungsobjekts verändert hat.

Damit rückt sie einen Aspekt in den Vordergrund, der dem Soziologen Richard Swedberg zufolge seit dem Zweiten Weltkrieg kaum Beachtung gefunden habe: den Prozess der Entdeckung und Theorieentwicklung. Systematisch verdeutlicht Goffman, dass es nicht etwa nur Wissen, Intuition und Kreativität seien, die sie während der Arbeit geleitet hätten, sondern vielmehr die intensive und unbefangene Beobachtung ihres Umfelds zusammen mit einer stetigen Rückkopplung der gewonnenen Eindrücke auf die eigene Wahrnehmung.

Goffman gelingt somit, eine Perspektive auf das amerikanische Ghetto zu entwickeln, die zwar nicht lückenlos und sprachlich zuweilen etwas redundant, in ihrem Umfang und in ihrer Schärfe jedoch außergewöhnlich ist.

Und dennoch mag sich der/die LeserIn fragen: Was lässt sich aus Goffmans Aufzeichnungen für eine Gesellschaft diesseits des Atlantiks entnehmen? Schließlich gilt ihre Aufmerksamkeit einzig dem amerikanischen Ghetto, zu dem es in westeuropäischen Gesellschaften kein Pendant gibt. Denn auch wenn der Begriff „Ghetto“ im Zuge von vermehrten Protesten, Autobränden und Riots medial gerne heraufbeschworen wird, ist er dem Soziologen Loïc Wacquant zufolge völlig fehlplatziert: „Intensität und Umfang des städtischen Ausschlusses, sein rassistischer Charakter, seine historische Verwurzelung und vor allem seine institutionelle Logik, Ideologie und Politik verbieten die übereilte Gleichsetzung der französischen Vorstädte mit ihren amerikanischen Cousinen.“[1] Gleiches ließe sich auch über konfliktgeladene Viertel in London, Hamburg oder Berlin sagen.

Kann man sich also zurücklehnen, über die politischen und sozialen Absurditäten der USA staunen und sich gleichzeitig freuen, dass hier ‚alles doch nicht so schlimm ist‘? Ganz so einfach ist es nicht. Ein Blick in die Vergangenheit mag dies verdeutlichen: 1933 veröffentlichten Marie Jahoda, Paul F. Lazarsfeld und Hans Zeisel erstmalig ihre Studie über die „Arbeitslosen von Marienthal“. Sechs Wochen verbrachten die Soziologen mit einigen KollegInnen in dem Dorf nahe Wien, dessen Bewohner kurz zuvor aufgrund der Schließung der Marienthaler Fabrik, um die herum die Siedlung erst entstanden war, dauerhaft arbeitslos geworden waren. Mit dem Wegfall der maßgeblichen Institution und der zunehmenden Verarmung stellte die Gruppe um Lazarsfeld eine eintretende Ermüdung, den Verlust jedes Zeitgefühls und eine stetig schwindende Widerstandskraft der Marienthaler Bevölkerung fest. Ihre Studie wurde so zur Dokumentation eines „psychischen Abgleitens […], das der Reduktion der Zuschüsse und des Abgleitens des Inventars parallel geht. Am Ende dieser Reihe stehen Verzweiflung und Verfall“[2].

Die von Goffman beschriebene 6th Street ist als Bezirk einer Metropole natürlich Bestandteil eines politisch und ökonomisch viel komplexeren Geflechts als das ländliche Marienthal. Und doch sind die wirkenden Mechanismen die gleichen: Was in Marienthal ökonomisch durch die Schließung der Fabrik bedingt war, lässt sich für Gegenden wie die 6th Street durch einen Prozess beschreiben, den Pierre Bourdieu die „Abdankung des Staates“ genannt hat. Aufgrund des Rückzugs sämtlicher staatlichen Institutionen (mit Ausnahme der Polizei) und als Konsequenz daraus auch der Ökonomie ist die Bevölkerung der zurückgelassenen Gegend nahezu wehrlos einem materiellen und sozialpsychologischen Verfall ausgesetzt. Gerade in Hinblick auf die vielumworbene „neue Bedeutung der Stadt“ kann Goffmans Analyse also einen relevanten Beitrag liefern. Oder noch einmal in den Worten Loïc Wacquants: „Das amerikanische Ghetto fungiert als eine Art Zerrspiegel, in dem wir das Schauspiel der sozialen Beziehungen betrachten können, die sich möglicherweise entwickeln, wenn der Staat seine vordringlichste Aufgabe vernachlässigt: die Aufrechterhaltung einer organisatorischen Infrastruktur, die für das Funktionieren jeder komplexen, urbanen Gesellschaft unabdinglich ist.“[3]

Alice Goffman stellt ein amerikanisches Ghetto somit in einen kosmopolitischen Kontext, in dem es auch außerhalb der USA rezipiert werden sollte. „On the Run“ steht damit Serien wie „The Wire“ näher als einem Großteil der Veröffentlichungen ihres Faches.

Rezension zu Goffman, Alice: On the Run. Fugitive Life in an American City, Chicago 2014, 277 S.

Robert Mueller-Stahl arbeitet am Göttinger Institut für Demokratieforschung.

[1] Wacquant, Loïc: Schluß mit der Legende von den „Cité-Ghettos“, in: ders.: Das Janusgesicht des Ghettos und andere Essays, Basel u.a. 2006, S. 110-127, hier S. 120.

[2] Jahoda, Marie/Lazarsfeld, Paul F./Zeisel, Hans: Die Arbeitslosen von Marienthal. Ein soziographischer Versuch, Frankfurt a.M. 1975, S. 102.

[3] Wacquant, Loïc: Über Amerika als verkehrte Utopie, in: Bourdieu, Pierre et al.: Das Elend der Welt. Zeugnisse und Diagnosen alltäglichen Leidens an der Gesellschaft, Konstanz 2002, S. 169-178, hier S. 170.


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