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„Sonne statt Reagan“

Daniela Kallinich |  5. Dezember 2012 |   |  Drucken

[nachgefragt]: Saskia Richter über die Protagonisten der Friedensbewegung

Was interessiert dich an der Friedensbewegung besonders?

Mich fasziniert besonders die Ambivalenz der Friedensbewegung und ihrer Protagonisten. Gert Bastian wurde als ehemaliger General zum Kronzeugen der westdeutschen Friedensbewegung. Gleichzeitig unterstützte er den Osten. Es bleiben Fragen offen: Wollte er mit seinem Engagement zur Abrüstung beitragen? Wollte er die Politik der Bundesrepublik schwächen? Und was bedeutet sein Engagement für den Krefelder Appell und die Gruppe „Generäle für den Frieden“? Andere Akteure agierten vor dem Hintergrund eines christlichen Menschenbildes wie die Theologin Dorothee Sölle. Insgesamt also war die Motivlage innerhalb der Friedensbewegung sehr unterschiedlich.

So gelang es den verschiedenen Gruppen und ihren Protagonisten, tausende von Menschen für die Demonstrationen der Friedensbewegung zu mobilisieren. Dies waren die größten Veranstaltungen seit Gründung der Bundesrepublik. Das ist beeindruckend und hat den Umgang mit der Demokratie verändert. Außerdem wird deutlich, dass das „Hohe C“ als politische Orientierung nicht nur den Unionsparteien vorbehalten war. Diese Erkenntnis entkräftet auch das Argument der Bürgerlichkeit der Grünen, die aus den sozialen Bewegungen der 1970er Jahre hervorgegangen sind, nachdem die Kirchenfunktionärin Kathrin Göring-Eckhardt als Spitzenkandidatin gewählt worden ist.

Du entwickelst unterschiedliche Typen von Protagonisten. Welche sind das und wie unterscheiden sie sich von der breiten Masse der Anhänger der Friedensbewegung?

Als Protagonisten beschreibe ich Eva Quistorp, Erhard Eppler, Petra Kelly, Bärbel Bohley, Rudolf Bahro, Klaus Vack, Josef Beuys, Heinrich und Annemarie Böll sowie Robert Jungk und Franz Alt. Im Projekt haben wir lange darüber diskutiert, ob es legitim ist, Protagonisten einer eher basisdemokratisch organisierten sozialen Bewegung zu identifizieren, in der jeder eine gleichberechtigte Stimme haben sollte. Dennoch ist davon auszugehen, dass es in der Friedensbewegung führende Akteure gab, denen es gelang, medial sichtbar zu werden und ihre Anliegen prominent zu präsentieren und auch zu repräsentieren. Auch soziale Bewegungen verfügen über Hierarchien. Und auch sie werden zudem begrenzt hierarchisch wahrgenommen.

Eva Quistorp hat evangelische Theologie studiert und war schon in der ʼ68er-Bewegung beheimatet. Als Mitbegründerin der Gruppe „Frauen für den Frieden“ wurde Quistorp zu einer zentralen Organisatorin im Koordinierungsausschuss zur Organisation bundesweiter Protestdemonstrationen. Solche Positionen sind auch in sozialen Bewegungen wichtig und können mit formellen Führungspositionen in Parteien verglichen werden. Der SPD-Politiker Erhard Eppler versuchte innerhalb seiner Partei, Friedenspolitik zu betreiben. Sein Anliegen blieb zwar zunächst erfolglos. Doch auch dieses Engagement war im Sinne der Friedensbewegung wichtig.

Petra Kelly wurde schon zu Lebzeiten eine Galionsfigur der Friedensbewegung. Die Grünen-Politikerin erlangte eine Sonderstellung innerhalb der basisdemokratischen Organisationen, indem sie prominenter, eloquenter, auch lauter war als andere. In der Zeit der Friedensbewegung gelang es ihr, ihre Positionen zur Abrüstung medial breiter zu streuen als andere. Kelly gehörte zu denen, die redeten, während andere zuhörten. Ebenfalls eine führende Position nahm die Bürgerrechtlerin Bärbel Bohley in der DDR ein. Sie setzte sich in der Diktatur für Meinungs-, Versammlungs- und Reisefreiheit ein und ging für ihr politisches Engagement ins Gefängnis. In der DDR wurde Bohley zum Vorbild der Dissidenten.

Klaus Vack gehörte seit den 1950er Jahren zur entstehenden Friedensbewegung in Westdeutschland. Er war Mitbegründer des „Sozialistischen Büros“, das zum Organisations- und Informationsort der undogmatischen Linken in Deutschland wurde. Vack legte großen Wert darauf, dass sich die Friedensbewegung basisdemokratisch organisierte. Ihm selbst war es nicht wichtig, ins Rampenlicht zu treten. Anders agierte Joseph Beuys als Enfant Terrible der grünen Bewegung. Er sang das Lied „Sonne statt Reagan!“ und prägte die Kultur der Friedensbewegung.

Ebenso wichtig wie die Organisatoren waren die Medienschaffenden innerhalb der Friedensbewegung: Heinrich Böll, Robert Jungk und Franz Alt. Böll verlieh der Bewegung als Nobelpreisträger Gewicht und Aufmerksamkeit. Gemeinsam mit seiner Frau Annemarie nahm er an den Sitzblockaden des US-amerikanischen Militärstützpunktes in Mutlangen teil. Robert Jungk wies schon zu Beginn der 1970er Jahre auf Überindustrialisierung und Übertechnisierung und später auf die Gefahren von Atomkraft hin. Das 1983 erschienene Buch von Franz Alt „Frieden ist möglich“ wurde eine Millionen Mal verkauft.

Die Protagonisten der Friedensbewegung waren Organisatoren und Sprachrohre. Sie organisierten die Demonstrationen und gründeten zivilgesellschaftliche Organisationen, um den Protest zu strukturieren. Sie fanden zudem Ausdrucksweisen und Worte, um den Protest zu artikulieren. Ohne diese Protagonisten der Friedensbewegung hätten andere ihre Aufgaben übernommen, dennoch waren sie prägend für Politik, Kultur und Diskurs der Friedenspolitik zwischen 1979 und 1983.

Was unterscheidet die Protagonisten von damals mit den Akteuren der heutigen Occupy- oder Anti-Atomkraftbewegung?

Der entscheidende Unterschied ist, dass soziale Bewegungen heute stark von der Globalisierung und der Digitalisierung beeinflusst sind. Namen, Symbole und Aktionsformen werden heute durch das Internet schneller über Ländergrenzen hinweg verbreitet als noch in den 1980er Jahren. Das YouTube-Video kam hinzu, wie die Kampagne „Kony 2012“ exemplarisch zeigte. Occupy benötigt genauso Organisatoren, Kommunikatoren und Intellektuelle wie andere, frühere Bewegungen. Die Bewegung tut sich allerdings schwer damit, Protagonisten zu akzeptieren. Vielleicht ist damit das Problem der aktuellen sozialen Bewegungen benannt. Personalisiert können soziale Bewegungen mehr Durchschlagkraft erreichen.

Die amerikanische Occupy-Bewegung wird von Protagonisten geprägt, die aus der Anti-Globalisierungsbewegung kommen. Der US-amerikanische Filmemacher Michael Moore ist dabei und verbreitet die zehn inhaltlichen Ziele der Bewegung („10 Things we want“), ebenso wie die Autorin Naomi Klein, die mit dem Buch „No Logo“ bekannt geworden ist. Diese prominenten Unterstützer erhöhen den Bekanntheitsgrad der Occupy Wall Street-Bewegung. Eine solche Nähe zwischen verschiedenen Bewegungen war in den 1980er Jahren zwischen Umweltbewegung und Friedensbewegung zu beobachten, wo es auch personelle Überschneidungen gab.

Doch nach einem Jahr hat sich die Occupy-Bewegung weitgehend aufgelöst. Direkte Proteste gegen die Macht der Banken in Frankfurt, London und New York sind Protesten gegen die schmerzhaften Sparmaßnahmen der europäischen Regierungen in Portugal, Spanien und Griechenland gewichen. Die Wirtschafs- und Finanzkrise hat die Menschen zentral verunsichert. Auch die Friedensbewegung der 1980er Jahre kämpfte für ihr Überleben, indem sie den Nuklearschlag verhindern wollte. Diejenigen, die heute in Südeuropa demonstrieren, kämpfen um ihr finanzielles Überleben, nachdem sie an den Rand ihrer Existenz gedrängt wurden.

Interview zu:

Saskia Richter (2012): „Die Protagonisten der Friedensbewegung“, in: Christoph Becker-Schaum, Philipp Gassert, Martin Klimke, Wilfried Mausbach, Marianne Zepp (Hg.): „Entrüstet Euch!“. Nuklearkrise, NATO-Doppelbeschluss und Friedensbewegung (unter Mitarbeit von Laura Stapane), Paderborn, S. 184-199 [im Internet www.nuklearkrise.org]

Dr. Saskia Richter ist Dozentin für Politik an der Universität Hildesheim und arbeitet an ihrer Habilitation zum Thema „Politische Partizipation in sich wandelnden Gesellschaften“. Das Interview führte Daniela Kallinich.


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