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Siebzig Jahre Niedersachsen

Teresa Nentwig |  6. Dezember 2016 |   |  Drucken

[analysiert:] Teresa Nentwig über die Gründung des Landes Niedersachsen im Jahr 1946 und den Umgang damit siebzig Jahre später.

„Die deutsche Provinz Hannover […] wünscht einen Wiederanschluß an die Britische Krone“, schrieb die englische Zeitung Daily Herald im August 1945. Damals, wenige Monate nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges, existierten auf dem Gebiet des späteren Landes Nieder-sachsen neben der Provinz Hannover noch die Länder Braunschweig, Oldenburg und Schaumburg-Lippe. Zur Zukunft dieses großen Raumes bestanden ganz unterschiedliche Vorstellungen: So vertrat bspw. Hannovers früherer Oberbürgermeister, Arthur Menge, die Idee, die Provinz Hannover von Deutschland zu lösen und in einer Personalunion an die Be-satzungsmacht England zu binden. Dieser Appell an die Wiederbelebung alter Verbindungen aus der Zeit der Personalunion zwischen Hannover und England (1714–1837) lief jedoch ins Leere, denn die britischen Offiziere in Hannover lehnten Menges Pläne entschieden ab.

Anstatt ein Land der britischen Krone zu werden, erhielt die Provinz Hannover am 23. August 1946 den Status eines Landes. Dabei blieb es jedoch nicht lange; denn zum 1. November 1946 ging das Land Hannover gemeinsam mit Braunschweig, Oldenburg und Schaumburg-Lippe im Land Niedersachsen auf. Rund drei Wochen später, am 23. November 1946, er-nannten die Briten den Sozialdemokraten Hinrich Wilhelm Kopf zum Ministerpräsidenten des neuen Landes, und noch am selben Tag bildete Kopf seine erste Regierung. Dieser 23. No-vember 1946 gilt seitdem als Gründungsdatum des Landes Niedersachsen.

Dass Kopf Ministerpräsident des neuen Landes wurde, war naheliegend, denn er hatte sich bereits seit Mitte 1945 für ein Land Niedersachsen eingesetzt – zunächst als Regierungspräsi-dent des Regierungsbezirks Hannover, dann als Oberpräsident der Provinz Hannover und schließlich als Ministerpräsident des Landes Hannover. Dabei hatte er sich gegen vielfältige Widerstände, v.a. aus Oldenburg, durchgesetzt und unterschiedliche Koalitionen geschlossen. So war Kopf bspw. gelungen, Konrad Adenauer für seine Pläne zu gewinnen. Als am 20. September 1946 im Zonenbeirat die Vorentscheidung über die zukünftige Gliederung der britischen Zone fiel, stimmte der spätere Bundeskanzler für das von Kopf vorgelegte Gutach-ten mit dem Titel „Das Land Niedersachsen“. Mit 16 zu sechs Stimmen fand es eine Mehrheit. Kopfs sozialdemokratischer Parteikollege Kurt Schumacher, der in seinem Gutachten ange-sichts der Bildung des großen Landes Nordrhein-Westfalen am 23. August 1946 die Zusam-menfassung der übrigen britischen Zone zu einem Land vorgeschlagen hatte, kam hingegen lediglich auf neun Unterstützer, aber 19 Gegenstimmen.

Siebzig Jahre später beging die niedersächsische Landesregierung unter dem sozialdemokra-tischen Ministerpräsidenten Stephan Weil das Landesjubiläum auf sehr zurückhaltende, ja teilweise sogar sonderbar anmutende Weise. So wurde die Landtagssitzung am 22. Novem-ber 2016 zwar genutzt, um mit mehreren Redebeiträgen an die Gründung Niedersachsens im Jahr 1946 zu erinnern; nach dem Landtagspräsidenten war es auch der Ministerpräsident, der eine Ansprache hielt. Die eigens auf der Website der Niedersächsischen Staatskanzlei einge-richtete Themenseite „70 Jahre Niedersachsen“ präsentierte zudem Videos, in denen sich Weil und sechs andere Persönlichkeiten, darunter Margot Käßmann, zu ihrem Land äußern.

Doch darüber hinaus mied das Land Niedersachsen den Gang in die Öffentlichkeit. Am 1. November 2016, der neben dem 23. November als Jahrestag der Landesgründung gilt, zeigten sich seine Vertreter, darunter Weil und Innenminister Boris Pistorius, im Schloss Her-renhausen bei einem abendlichen Symposium – ausgerichtet von der VolkswagenStiftung in Kooperation mit der Niedersächsischen Staatskanzlei sowie dem Niedersächsischen Landtag und nur auf Einladung zugänglich. Lediglich Journalisten waren „herzlich willkommen“. Bei der Veranstaltung ging es um die Frage, wie Migration das Land Niedersachsen in den letzten siebzig Jahren verändert hat. Sie schloss mit einem niedersächsischen Spezialitätenbuffet.

Als das NDR-Regionalmagazin „Hallo Niedersachsen“ live über dieses Symposium berichtete, äußerte der zugeschaltete Reporter Christoph Hamann „eine gewisse Verwunderung, warum das Bundesland nicht vielleicht die Möglichkeit nutzt, siebzig Jahre des Bestehens gerade in diesen verschiedenen, ja über die Jahrzehnte erst zusammengewachsenen Landesteilen zu feiern“; von einem „trockenen Symposium“ sprach gar der „Hallo Niedersachsen“-Moderator Arne-Torben Voigts. Auch ihm war sein Erstaunen über das eigentümliche Verhalten des Landes Niedersachsen angesichts des runden Geburtstags deutlich anzumerken.

Ganz anders dagegen feierten kürzlich die Länder Nordrhein-Westfalen und Hessen ihre jeweiligen Landesjubiläen. Im Sinne des Konzeptes der Landesintegration, welches davon ausgeht, dass u.a. Landesfeste zur Förderung eines gemeinsamen Bewusstseins der Bevölkerung beitragen, begingen sie ihr siebzigjähriges Bestehen mit großen Festen und zahlreichen weiteren öffentlichen Veranstaltungen. So fand in Düsseldorf Ende August 2016 ein dreitägiges „buntes Bürgerfest“ statt; sogar Prinz William kam zum offiziellen Festakt am 23. August in die Landeshauptstadt – schließlich geht auch die Entstehung Nordrhein-Westfalens auf die britische Besatzungsmacht zurück. Das Bundesland Hessen feierte sein siebzigjähriges Bestehen u.a. am 30. November 2016 mit einer „großen Geburtstagsfeier“ im Kurhaus von Wiesbaden. Die Eintrittskarten dazu waren zuvor von Zeitungen sowie Radio- und Fernsehsendern verlost worden. Am 1. Dezember folgte ein Abschlussfeuerwerk vor dem Kurhaus.

Im Falle Niedersachsens übernahmen stattdessen v.a. die Medien die Aufgabe, die Menschen auf das Landesjubiläum aufmerksam zu machen. Um nur einige Beispiele zu nennen: NDR 1 sorgte am 17. November 2016 für eine „Riesen-Geburtstagsparty für siebzig Jahre Niedersachsen“, bei der Moderator Andreas Kuhnt mit Prominenten wie Christian Wulff, Heinz-Rudolf Kunze oder Martin Kind über ihr Land sprach; die in Bremerhaven erscheinende Nordsee-Zeitung brachte eine Serie zum Thema „70 Jahre Niedersachsen“; und auf die Initiative von radio ffn geht gar ein Panini-Album zurück: Ob Sarah Connor oder die Göttinger Sieben, der Stoppelmarkt in Vechta oder die Stabkirche in Hahnenklee, Oldenburger Grünkohl mit Pinkel oder der VfL Wolfsburg – dreihundert Klebebildchen zeigen Niedersachsen in allen möglichen Facetten.

Daneben sind zwei wissenschaftliche Initiativen zum Landesjubiläum zu erwähnen: Zum einen fand am 4. und 5. November 2016 in Hannover der 43. Tag der Landesgeschichte zum Thema „70 Jahre Niedersachsen – Ländergründungen nach 1945“ statt. Veranstalter waren der Gesamtverein der deutschen Geschichts- und Altertumsvereine, der Historische Verein für Niedersachsen und die Historische Kommission für Niedersachsen und Bremen. Zum anderen ist das Buch „Geschichte Niedersachsens in 111 Dokumenten“ zu nennen: Erschienen in der Reihe „Veröffentlichungen des Niedersächsischen Landesarchivs“, versammelt es anlässlich der Landesgründung vor siebzig Jahren Dokumente aus der mehr als tausendjährigen Überlieferung des niedersächsischen Raumes und ordnet diese in ihren jeweiligen Kontext ein.

Angesichts dieser vielfältigen Initiativen sah sich Ministerpräsident Weil wohl unter Zugzwang gesetzt. Denn Ende Oktober 2016 kündigte er in einem Fernsehinterview an: „[…] in fünf Jahren, beim fünfundsiebzigsten Jubiläum, da wollen wir richtig einen draufmachen. Und die bescheidene Herangehensweise zum siebzigsten entspricht vielleicht durchaus auch niedersächsischer Art und Weise.“ Man darf also auf das Jahr 2021 gespannt sein. Genug Vorbereitungszeit für die Feier des 75. Geburtstags Niedersachsens ist gegeben – wie auch immer die Koalition nach der Landtagswahl im Januar 2018 aussehen wird.

Dr. Teresa Nentwig ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Göttinger Institut für Demokratieforschung.


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