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Sherlock Holmes der Seele

Jöran Klatt |  17. Oktober 2014 |   |  Drucken

Freud_V1[kommentiert]: Jöran Klatt über Meisterdetektive, Psychoanalyse und die „neuen“ Wissenschaften.

Detektivgeschichten ein zweites Mal zu lesen, ist oftmals enttäuschend: Die Spannung des ungelösten Rätsels ist versiegt, die Lösung schon präsent. Und neigt man nicht dazu, beim ersten Lesen übersehene Details sehr wertzuschätzen, so fehlt bei der wiederholten Lektüre der mysteriöse Zauber, den gerade das Nicht-Wissen erzeugt hatte. Es fehlen das Raten, Vermuten, ein immersives Sich-hinein-gezogen- und Sich-beteiligt-Fühlen. Paradoxerweise, denn eigentlich geht es in diesem Genre ja um Wissen und Aufklären mit den Mitteln der Ratio, des Verstandes. Daher gelten Detektivgeschichten mitunter gar als belletristisches Pendant der Moderne schlechthin.[1]

Dennoch: Ein Großteil ihrer Spannung liegt im Moment des Lesens, im allmählichen Hinarbeiten auf das Ende, in einer Art potenziell unvollendeter Aufklärung. Am Schluss muss dem Leser dieses Mysterium jedoch genommen werden: Beispielhaft sehen wir das in einer Szene aus Sir Arthur Conan Doyles „The Hound of the Baskervilles“. Doyles Meisterdetektiv Sherlock Holmes ist in diesem Buch auf der Spur eines mysteriösen Wesens, das im Dartmoor der englischen Grafschaft Devon sein Unwesen treibt. Holmesʼ Kompagnon schildert den Showdown:

„Tief aus der herankriechenden Nebelmasse hörten wir ein dünnes, trockenes, regelmäßiges Getrappel. Die Wolke war nur noch fünfzig Yards von uns entfernt, und alle drei starrten wir sie an, unsicher, welche Gräuel daraus hervorbrechen mochten. […] Ich sprang auf, meine Hand umklammerte zögerlich den Revolver, mein Geist gelähmt vom Anblick des grausigen Geschöpfs, das aus den Schatten des Nebels auf uns zugesprungen war. Das war ein Hund, ein riesiger pechschwarzer Hund, und doch kein Hund, den sterbliche Augen jemals erblickt haben. Feuer schlug aus seinem offenen Rachen, seine Augen glühten in glimmendem Zorn, Schnauze, Nackenhaare und Wamme waren von flackernden Flammen umlodert. […] Wir waren von dieser Erscheinung so gelähmt, dass sie an unserem Versteck bereits vorbeigezogen war, ehe wir wieder zur Besinnung kamen. Dann feuerten Holmes und ich gleichzeitig, und das schauerliche Geheul der Bestie bewies, dass wenigstens einer von uns getroffen hatte. […] Der Schmerzensschrei des Hundes jedoch hatte uns aller Furcht beraubt. Wenn er verwundbar war, dann war er sterblich, und wenn wir ihn verwunden konnten, dann konnten wir ihn auch töten.“[2]

Der Hund der Baskervilles, von den Bewohnern für ein mystisches Wesen, einen Dämon, gehalten, entpuppt sich, wie von Sherlock Holmes die ganze Zeit vermutet, als ein Trick. Ein mit Phosphor eingeriebener Mischling, der Teil eines durchdachten Plans war. Holmes siegt, wie so häufig, mit der Fähigkeit des Verstandes über die übernatürliche Erklärung der Bewohner des Dartmoors.

Die Figur des Sherlock Holmes verkörpert damit geradezu idealtypisch die „Entzauberung der Welt“, wie Max Weber den Zeitgeist zur Wende zum 20. Jahrhundert beschrieb.[3] Damals schickten sich die „neuen“ Wissenschaften an, die Menschheit von Glauben, Aberglauben und unbegründeten Ängsten zu befreien. Die dabei verwendeten wissenschaftlichen Methoden finden sich so auch bei Sherlock Holmes wieder, dessen detektivische Ermittlungen etwa der Methodik aus Abduktion, Deduktion und Induktion des Linguisten Charles S. Peirce stark ähneln.[4] Sigmund Freud, der Begründer der Psychoanalyse, wiederum sah in der Vorgehensweise des fiktiven Meisterdetektivs gar Vorbildcharakter für seine eigene Arbeit und habe sich sehr für die Holmes-Erzählungen interessiert.[5] Alle einte die Suche nach Details, die den meisten Menschen nicht auffallen: ein Siegeszug der Empirie.

Indes: Die Faszination des Meilensteinpsychologen und seiner Disziplin, der Psychoanalyse, erklärt(e) sich – wie auch Doyles Holmes-Geschichten –über das zeitgenössisch typische Wechselspiel von Mysterium und Ratio. Die Geschichte vom „Hund der Baskervilles“ erzeugt Spannung, indem wir als Leser auf die gleichen Fährten geführt werden wie die Anwohner des Dartmoors; zwar vermuten wir (eigentlich) keine übernatürliche Erklärung, kommen aber nicht umhin, ihrem Grusel zu erliegen – und können uns schließlich mit Holmes aus diesem befreien. Ähnlich gelagert war auch die Erzählung der Psychoanalyse. „Systematisch machte sich Freud an die Erforschung jenes Schattenreichs des Unbewussten, das hinter den Toren des vernünftigen und selbstbewussten Ich lag.“[6]

Sigmund Freuds Psychoanalyse ist eine Wissenschaft, die ihre Zeit – das ausgehende lange 19. Jahrhundert –nicht besser verkörpern könnte. Der Prozess der Entzauberung schritt voran – aber Restbestände des Zaubers waren noch vorhanden. „Schon für die Romantiker des 19. Jahrhunderts wucherten unter der Decke einer zunehmend aufgeklärten und entzauberten Welt die Abgründe des Ungewissen, das Unheimliche und Fantastische, das märchenhaft Vertraute.“[7] Die Seele des Menschen war eben auch um die Jahrhundertwende noch ein „Schattenreich“.

Dabei ging es auch um die Strahlkraft einer Disziplin nach außen hin, kurz: um deren Popularisierung: Die Psychoanalyse zog bereits zeitgenössisch viel Aufmerksamkeit auf sich, Freud war eine Art Star. „Kaum eine Wissenschaft hat so nachhaltig die moderne Kultur geprägt wie die Psychoanalyse […]“.[8]Heute allerdings spielt sie diese prominente Rolle nicht mehr – zumindest nicht mehr in der Wissenschaft. Sie mag zwar ihre Diskursführerschaft verloren haben, nichtsdestotrotz sind ihre Begrifflichkeiten (Verdrängung, Abwehr, Über-Ich, Narzissmus usw.) in den Alltag eingedrungen.[9] Doch auch aus diesem scheinen sie mittlerweile wieder zu verschwinden. So behauptet es zumindest Felix Hasler in seinem Buch über „Neuromythologie“: „Früher war die Umgangssprache mit Entlehnungen aus Psychologie und Psychoanalyse durchsetzt. Im ‚Psycho-babble‘ sprach man gerne von Komplexen, Neurosen, Projektion und Übertragung. In den 1990er Jahren aber hat der ‚Bio-Jargon‘ den ‚Psycho-Jargon‘ abgelöst.“[10]

Eine Ironie der Geschichte. Denn einerseits siedelte Freud die Psychoanalyse klar auf der Seite der neuen Wissenschaften und ihres Projektes an– bezeichnete etwa die Religion als ihren „ernsthafte[n] Feind“[11] und meinte „daß die Wahrheit nicht tolerant sein kann“[12]. Andererseits ist mit dem Mystischen als Dämon, den es zu bezwingen, oder als Schattenreich, das es zu erkunden gilt, auch ein wesentlicher Teil Freuds Erzählung, der Psychoanalyse, abhanden gekommen. Heute erzählen wir – wenngleich weder Psychologie noch Neurowissenschaft ihre Missionen schon vollendet haben – die Erforschung des Schattenreiches der Psyche von ihrem Ende her und können sie, wie den „Hund der Baskervilles“, nicht mehr mit der Aufbruchsstimmung und Spannung des 19. Jahrhunderts betrachten. Beim Wiederlesen blicken wir nicht mehr auf das psychische Mysterium, sondern sehen Funktionen eines Gehirns. Auch wenn wir nun versuchen, dessen Details und Mechanismen zu begreifen, so haben wir das Ende bereits im Kopf: Die Seele ist dabei kein Dämon, sondern ein Mischling aus Neuronen und Synapsen.

Dabei handelt es sich bei all den Stimmen, die Freud als „veraltet“ und „überholt“ bezeichnen, also vielleicht einfach nur um eine neue Leserschaft auf der Suche nach einer neuen Erzählung.

Jöran Klatt arbeitet am Göttinger Institut für Demokratieforschung

[1] Vgl. McHale, Brian: Postmodernist Fiction, London / New York 1991, S. 203.

[2] Doyle, Arthur Conan: Der Hund der Baskervilles. Zweisprachige Ausgabe (The Hound of the Baskervilles), Köln 2013, S. 381 ff.

[3] Weber, Max Wissenschaft als Beruf, Berlin 19847, S. 17.

[4] Sebeok, Thomas A. / Umiker-Sebeok, Jean: ‚Sie kennen ja meine Methode.‘ Ein Vergleich von Charles S. Peirce und Sherlock Holmes, in: Eco, Umberto (Hg.): Der Zirkel oder im Zeichen der Drei. Dupin, Holmes, Peirce, München 1985, S. 28–87, hier S. 43.

[5] Ginzburg, Carlo: Indizien: Morelli, Freud und Sherlock Holmes, in: Eco, Umberto (Hg.): Der Zirkel oder im Zeichen der Drei. Dupin, Holmes, Peirce, München 1985, S. 125–179, hier S. 134.

[6] Breuer, Ingeborg: Das 20.-Jahrhundert-Projekt, Hamburg 2001, S. 62.

[7] Ebd., S. 63.

[8] Ebd., S. 88.

[9] Vgl. Altmeyer, Martin: Eine große Erzählung, in: die tageszeitung, 15.12.2000.

[10] Hasler, Felix: Neuromythologie. Eine Streitschrift gegen die Deutungsmacht der Hirnforschung, Bielefeld 20111, S. 125.

[11] Freud, Sigmund: Studienausgabe, Frankfurt a. M. 199412, S. 588.

[12] Ebd.


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