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Wer will eine starre Geschlechterordnung?

Marcus Felix |  18. August 2015 |   |  Drucken

Das politische Geschlecht

[Gastbeitrag]: Marcus Felix kommentiert die baden-württembergische Bildungsplan-Debatte

Ja, im Arbeitspapier des baden-württembergischen Bildungsplans taucht das Wort „Sex“ auf, und ja, wir haben noch immer ein Problem mit diesen drei Buchstaben. Schon deshalb, weil allein die Präsenz dieser Silbe in eben jenem Schriftstück ad hoc Protestwellen auslöste, die eine „Pornografisierung der Schule“ (Bernd Saur, Vorsitzender des Philologenverbandes Baden-Württemberg) und eine Bildung „unter dem Diktat des Regenbogens“ (eine Online-Petition des Realschullehrers und Evangelikalen Gabriel Stängle) anprangerten. Selten findet außerhalb des wissenschaftlichen Raums – und selbst in diesem auch nicht immer – ein unverkrampfter Dialog über die Frage statt, welche sexualpädagogischen Inhalte in der institutionellen Bildung zu verankern und zu vertreten sind. Sobald öffentlich über Geschlechterfragen und die Vielfalt menschlicher Sexualität gestritten wird, vollziehen sich die Diskussionen zumeist hinter vorgehaltener Hand oder mit erhobenem Zeigefinger und überwiegen darin Verunsachlichung, Dramatisierung und Vereinnahmung des Themas zugunsten eigener politischer Interessen. In solcher Weise geführte Debatten machen jedoch den Umgang einer Gesellschaft mit Sexualität sowie etablierte Sexual- und Geschlechtervorstellungen sichtbar. Indem über Sexualnormen gesprochen und diskutiert wird, indem sie bekämpft oder verteidigt werden, werden sie greifbar.

Da haben wir aktuell auf der einen Seite jene, die in der schulischen Sexualerziehung einen Verstoß gegen ihr Elternrecht und ihre Religionsfreiheit sehen und die eine Reform der Bildungspläne zugunsten einer zeitgemäßen Erziehung und Bildung hinsichtlich Geschlechterbilder und Sexualitäten als Bedrohung ihrer Normalitätsvorstellungen betrachten. Begründet wird diese politische Haltung mit dem gesunden Menschenverstand, hinter dem sich allerdings eine reaktionäre Geisteshaltung versteckt. Selten wird dabei an apologetischer Verschwörungsrhetorik gespart; denn sie dient dazu, die eigens herbeigeredete Opferrolle zu bekräftigen. Mathias v. Gersdorff, Leiter der „Aktion Kinder in Gefahr“ und eine der dominanten kritischen Stimmen gegenüber der Bildungsplanreform, macht dies besonders deutlich:

„Die katholische Kirche hat eine sehr genau definierte Sexualmoral, die homosexuelle Handlungen klar als schwere Sünden bezeichnet. Außerdem widerspricht das Menschenbild, das sie vertritt, völlig dem der immanenten Philosophie der Homo-Lobby.“ [1]

Auf der anderen Seite haben wir jene, die sich für eine offenere, lebensnahe und demokratische Schullandschaft, für eine hierarchiefreie und selbstverständliche Thematisierung jedweder Vielfalt aussprechen – in der Überzeugung, dass die Tabuisierung oder die Ausgrenzung real gelebter Vielfaltsaspekte psychosoziale Auswirkungen auf Kinder und Jugendliche hat und dass ein breiteres Angebot an Themen höhere Identifikationsmöglichkeiten bietet. Die Lebensrealität müsse in der Schule wertfrei abgebildet werden. So begrüßt der Landeselternbeirat Baden-Württemberg „ausdrücklich, dass das Thema ‚Akzeptanz sexueller Vielfalt‘ im neuen Bildungsplan vertreten ist. […] So kann der schulische Diskurs zu ‚Sexueller Vielfalt‘ auch die eigene Identitätsfindung der Kinder und Jugendlichen unterstützen.“ [2]

Der Unterschied dieser beiden gegensätzlichen Positionen liegt in der differenzierten Bewertung zweier Prinzipien, die identitätsstiftender nicht sein könnten: Ordnung und Distinktion. Die Ordnungsvorstellung ersterer ist insofern emotional aufgeladen, als mit ihr Gefühle der Sicherheit und Macht verbunden werden. Erst, wenn alles an der richtigen Stelle ist und vollständig benannt werden kann, ist es auch beherrschbar, begreifbar – erst dann kann von geordneten Verhältnissen gesprochen werden. Alles, was sich nicht schubladifizieren lässt, wird folgerichtig als Störung der Ordnung verstanden und negativ bewertet. In diesem Denken ist Un_ordnung fehl am Platz. Der Soziologe Rüdiger Lautmann beschrieb dies bereits 1984:

„Zum Beweis dessen dienen die devianten, die von den herrschenden Standards abweichenden, Individuen. An ihnen wird Ordnung demonstriert. Wer die in einer Gesellschaft geltenden Rollenerwartungen nicht erfüllt, wird zur Zielscheibe kollektiver Aggression. […] Die Abstempelung, Diskriminierung und Vernichtung der Menschen, die sich dem Normalitätsgebot nicht beugen, sind die Exzesse, in die das Ordnungsdenken münden kann.“ [3]

Diese Symptome sind etwa bei Gruppierungen auszumachen, die sich in den letzten Monaten nicht erst in Stuttgart, sondern bereits zuvor in Köln oder Frankfurt am Main gegen die Umsetzung der schulischen Sexualerziehung ausgesprochen hatten. Zu großen Teilen traten hier christlich-fundamentalistische Kreise gemeinsam mit rechtspopulistischen bis rechtsextremen Parteien und Vereinen auf, die ihren Einfluss geltend machten und sich gegen die Demokratisierung der Schullandschaft positionierten.

Die Demonstrationen in Köln im Januar und März 2014 sowie die beiden ersten Demonstrationen in Stuttgart wurden von der Initiative „Besorgte Eltern“ organisiert. Diese gibt sich ideologieneutral und wendet sich u.a. gegen die verpflichtende Teilnahme an der schulischen Sexualaufklärung. Tatsächlich genießen aber religiöse und weltanschauliche Überzeugungen unter den „Besorgten Eltern“ einen höheren Stellenwert als die schulische Sexualerziehung, die gemäß Bundesverfassungsgericht (1979) für verschiedene Weltauffassungen offen zu sein habe. Die Initiative „Besorgte Eltern“ sympathisiert u.a. mit der Organischen Christus-Generation (OCG), die sich für die körperliche Züchtigung ausspricht, mit der antisemitischen Europäischen Allianz (EA), mit der rechtsextremen Partei proKöln und der Initiative Manif pour tous, welche die Massendemonstrationen gegen die eingetragene Lebenspartnerschaft in Frankreich organisierte. [4]

Auch die Teilnahme weiterer Akteure an den Demonstrationen in Baden-Württemberg, wie bspw. das Bündnis Rettet die Familie (dessen Koordinatorin dieselbe Postadresse hat wie die Zivile Koalition, die marktradikale und rechtspopulistische Ansichten vertritt und zu deren Gründungsmitgliedern Beatrix v. Storch, EU-Abgeordnete der AfD, gehört) oder die katholisch-traditionalistische Piusbruderschaft, die NPD sowie die Jungen Nationalisten, zeigt, dass diese Demonstrationen gegen den Bildungsplan zuallererst politische Spielplätze von Radikalen und Fundamentalisten waren.

Die emotionale Aufladung und die hetzerische Rhetorik der Koalition der Bildungsplan-Gegner sowie deren grundsätzliche Ablehnung sexualitätsbezogener Themen in der Schule verweisen darauf, dass jegliche demokratisierende Reformen als Störung der etablierten Ordnung interpretiert werden und dass um den Rest des bereits schwindenden Einflusses in öffentlichen Debatten gebangt wird. Mit ihrer Sprache und ihren Aktionsformen drücken die Bildungsplan-Gegner zugleich eine Abgrenzung aus, die für sie identitätsstiftend ist und aus der Selbstüberhöhung der Eigengruppe resultiert – dem übersteigerten Bedürfnis, sich als Wahrer von Tradition, Kultur und Ordnung, als Hüter der einzigen Wahrheit jenseits von Chaos und Verfall zu verstehen. Jegliche Relativierung von Normen sowie die Liberalisierung von Werten und Rechten würden ihre Distinktion verringern, ihren Einflussbereich zurückdrängen, sie gewöhnlich erscheinen lassen – was sie ja derzeit jenen versagen, die bisher unterprivilegiert sind, die sie als das „Andere“, das „Deviante“ begreifen.

Dagegen erkennen die Befürworter einer Demokratisierung der Schullandschaft in der herrschenden Ordnung das Resultat hegemonialer Diskurse, die durch Menschen bestimmt seien, die eine machtvolle Position innehaben, und die jene begünstigen, denen die gegebenen Verhältnisse zugutekommen. Diese unterschiedliche Privilegierung von Menschen führt zu unterschiedlichen Wertigkeiten, zu unterschiedlichen Bildungszugängen und Partizipationsmöglichkeiten. Ordnung wird hier als eine Machtstruktur verstanden, in die wir hineingeboren werden und die unterschiedliche Lebensbedingungen zur Folge hat.

Diese beiden Verständnisse verwandeln den Ordnungs-Begriff, wie Lautmann sagt, zu einer „Wortwaffe“ im sexualpolitischen „Legitimationsgeschäft“ [5] und offenbaren sogleich die divergierenden Sexualitäts- und Geschlechtervorstellungen. Ein kritisches Verständnis von Ordnung hat die Gleichstellung von Lebensentwürfen zum Ziel, wogegen ein fundamentalistisches Ordnungsverständnis diesem entgegenarbeitet.

Unserem heutigen Verständnis von Bildung wohnt der Aspekt der Kritik inne. (Sich) zu bilden bedeutet, das Unmarkierte zu markieren, das scheinbar Selbstverständliche zu hinterfragen, Konflikte konstruktiv zu lösen. Die Konsequenz daraus ist das Erkennen der Kurz- und Mittelfristigkeit eigener Vorstellungen von Normalität und Werten. Infolgedessen wird das eigene Weltbild relativiert und dadurch das Hinauswachsen über den egozentrischen Fokus möglich. Damit hängt auch zusammen, sich von einem emotionalen Ordnungsbegriff zu lösen, „der die Dauer, Stabilität und innere Harmonie gesellschaftlicher Institutionen betont“ [6].

Marcus Felix hat an der Friedrich-Schiller-Universität Jena Biologie, Geschichte und Deutsch studiert und promoviert zur Sexualpädagogik am Graduierten-Kolleg Gender und Bildung der Universität Hildesheim. Er ist u.a. Bundessprecher der Arbeitsgruppe „LSBT*I*“ der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft. Anfang dieses Jahres erschien seine Examensarbeit im Tectum-Verlag.

[1] Mathias v. Gersdorff, Leiter der „Aktion Kinder in Gefahr“, über die Strategien und Ziele der Homo-Lobby, URL: http://www.aktion-kig.de/nachrichten/news_neu_350.html [eingesehen am 29.07.2015].

[2] Lautmann, Rüdiger: Zwang zur Tugend. Die gesellschaftliche Kontrolle der Sexualitäten, Frankfurt am Main 1984, S. 23.

[3] Stellungnahme des 16. Landeselternbeirates zur Verankerung des Themas „Akzeptanz sexueller Vielfalt“ im Bildungsplan 2015.

[4] Vgl. Grün, Verena/Teidelbaum, Lucius: Besorgniserregende Eltern. Mobilmachung gegen Sexualpädagogik in gruseligen Allianzen, in: LOTTA – Antifaschistische Zeitung aus NRW, Rheinland-Pfalz und Hessen. H. 57 (Herbst 2014), S. 19.

[5] Lautmann, S. 18.

[6] Ebd., S. 17.


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